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Wenn wir das Alte Testament als durch göttliche Inspiration niedergeschrieben und als über die Zeit seiner eigenen Heilsordnung hinaus für uns Christen bewahrt betrachten – durch Christus selbst bekräftigt und an uns weitergegeben, und vom heiligen Paulus als „nützlich zur Belehrung, zur Widerlegung, zur Besserung und zur Erziehung in der Gerechtigkeit" (2 Tim 3, 16) bezeichnet – dann dürfen wir zweifellos nicht einen Teil daraus mit Gleichgültigkeit, ja nicht ohne große und gespannte Aufmerksamkeit lesen. „Herr, was willst du, dass ich tun soll?" lautet gleichsam die Frage, die sich hier jedem ernstmeinenden Menschen spontan stellt. Christus und sein Apostel können das Gesetz und die Propheten nicht umsonst in unsere Hände gelegt haben. Ich wünschte, dieser Gedanke würde mit mehr Sorgfalt erwogen, als dies gemeinhin der Fall ist. Wir bekunden zwar unsere Ehrerbietung ihm gegenüber, doch wird aus dem einen oder anderen Grunde ein beträchtlicher Teil des Alten Testamentes, nämlich der geschichtliche, vom Großteil der Menschen, selbst von solchen, die sich Gedanken über die Religion machen, als rein historisch angesehen, als eine Schilderung von Tatsachen, als etwas Altertümliches, nicht jedoch wahrgenommen in seinem göttlichen Charakter, nicht in seiner praktischen Tragweite und nicht in der Beziehung zu ihnen selbst. Der Gedanke, dass Gott sie in ihm persönlich anspricht, die Frage „Was sagt Er, was muss ich tun?" kommt ihnen nicht in den Sinn. Sie meinen, das Alte Testament betreffe sie nur insofern, als es Vorbild gebend sein kann für die eine oder andere der großen Lehren des Christentums; obwohl der heilige Paulus ausdrücklich sagt, dass es „nützlich zur Erziehung in der Gerechtigkeit" ist, sehen sie es nicht in seiner Fülle, in seinem wörtlichen Sinngehalt als eine Sammlung tiefsinniger sittlicher Lehren, wie sie uns das Neue Testament so nicht bietet.

Wenn die alttestamentliche Geschichte als dauerhafte Unterweisung der Kirche angelegt ist, dann müssen es, so würde man meinen, solch herausragende und bemerkenswerte Passagen wie die Geschichte des Bileam noch viel mehr sein. Ich vermute aber, eine große Zahl von Lesern gewinnt ihr wenig mehr ab als den Eindruck des sich in dieser Geschichte zutragenden Wunders von Bileams sprechendem Esel. Und nicht selten äußern sie sich darüber mit größerer Geringschätzung als der Sache angemessen. Doch ich glaube, aus dieser Geschichte können einige sehr ernste und aufrüttelnde Lehren gezogen werden, die ich zum Teil im Folgenden darzulegen versuche.

Was zeigen uns die betreffenden Kapitel? Die ersten und allgemeinsten Aussagen über Bileam lauten etwa: er war zu seiner Zeit und in seinem Land eine sehr bedeutende Person; er wurde von den Feinden Israels umgarnt und gewonnen und er betrieb eine schlimme Sache auf sehr schlimme Art und Weise; als er dafür nichts mehr tun konnte, gab er den Moabitern den Rat, ihre Frauen dazu zu benutzen, um das auserwählte Volk zum Götzendienst zu verführen; in dem darauf folgenden Krieg wurde er im Kampf getötet. Aus der Ferne betrachtet sind dies die wichtigsten Fakten, die auffälligsten Besonderheiten seiner Geschichte – und als solche in der Tat abstoßend. Er machte sich das Geschäft eines Versuchers zu eigen, was ja das ureigenste Geschäft des Teufels ist. Aber selbst der Satan scheint aus der Nähe nicht so abscheulich zu sein als aus der Ferne. Wenn wir die Geschichte Bileams näher betrachten, stoßen wir auf Charaktermerkmale, die für diejenigen, die sich über seinen Anfang und sein Ende keine Gedanken machen, durchaus von Interesse sein können. Wollen wir ihn uns also aus der Nähe ansehen und die Kurzbeschreibung, die ich soeben gegeben habe, für einen Augenblick vergessen.

Ja, zuerst war er mit Gottes Gunst in besonderem Maße gesegnet. Ihr werdet sofort fragen „Wie kann ein so schlechter Mensch in Gottes Gunst stehen?", doch ich möchte, dass Ihr logisches Denken beiseite lasst und nur die Fakten betrachtet. Ich sage, er stand in Gottes besonderer Gunst; Gott hält in seiner Schatzkammer eine Fülle von Gunsterweisen unterschiedlicher Art bereit – manche auf Zeit, manche für immer – manche, die seine Billigung genießen, manche nicht. Er gießt seine Gunst selbst über die Schlechten aus. Er lässt seine Sonne aufgehen über die Ungerechten wie die Gerechten. Er will nicht den Tod des Sünders. Es heißt, er habe den reichen Jüngling geliebt, wiewohl dessen Herz der Welt verhaftet war. Sein liebendes Erbarmen erweist sich in all seinen Werken. Wie er in seinem eigenen göttlichen Denken Güte von Billigung und Zeit von Ewigkeit trennt und das, was er tut, von dem was er vorhersieht, scheidet, wissen wir nicht und brauchen wir nicht zu ergründen. Im Jetzt zeigt er sich liebevoll gegen alle Menschen, als würde er nicht voraussehen, dass manche Heilige sein werden und andere für alle Ewigkeit Verdammte. Er verteilt seine Gunsterweise unterschiedlich – als Gaben, Gnaden, Belohnungen und Fähigkeiten, unter einer unendlichen Vielfalt von Umständen und ohne der Urteilskraft oder Zählweise unsererseits Raum zu geben. Bileam, so behaupte ich, stand in Gottes Gunst; freilich nicht aufgrund seiner Heiligkeit und nicht für immer; aber in gewisser Hinsicht, gemäß Seinem unerforschlichen Ratschluss – der erwählt, wen er erwählen will, und erhöht, den er erhöhen will, ohne dabei die verborgene Verantwortlichkeit des Menschen aufzuheben oder letztlich Seine eigene Herrschaft, den Triumph von Wahrheit und Heiligkeit sowie Seine strikte Unparteilichkeit preiszugeben. Bileam war ein über das Maß des bloßen Heiden hinaus Begünstigter. Er besaß nicht nur die Gabe der göttlichen Eingebung, die Erkenntnis des Willens Gottes, die Einsicht in die sittlichen Wahrheiten, die so klar und tief war, dass nicht einmal wir Christen sie übertreffen könnten; er genoss sogar eine bewusste Beziehung zu Gott, wie wir Christen sie nicht besitzen. Ihr werdet euch erinnern, dass wir in unseren Sonntagsgottesdiensten die Kapitel lesen, die von dieser Beziehung handeln; und wir lesen ja nicht jene, welche die dunkleren Abschnitte der Geschichte dieser Beziehung schildern. Seid ihr nun nicht der Meinung, dass sich die meisten Leute, die von Bileam nur so viel wissen, wie in unseren sonntäglichen Lesungen über ihn steht, ein sehr mildes Urteil über ihn bilden? Freilich sehen sie ihn auf der falschen Seite stehend, doch betrachten sie ihn als Propheten Gottes. Ein solches Urteil ist so weit nicht falsch, und ich berufe mich darauf, wenn es das ist, für das ich es halte, als ein Zeugnis dafür, wie hoch Bileam in Gottes Gunst stand.

Bileam war auch, im üblichen und allgemeinen Sinn, ohne die Bedeutung des Wortes zu überstrapazieren, ein sehr gewissenhafter Mann. Dass dies so ist, geht klar aus Teilen seines Verhaltens und einigen seiner Äüßerungen hervor, die ich euch im Folgenden ins Gedächtnis rufen will und die außerdem seine erleuchtete und bewundernswerte Auffassung von sittlicher und religiöser Pflicht aufzeigen. Als Balak nach ihm rufen ließ, damit er Israel verfluche, traf er die Entscheidung nicht allein für sich, wie es manch einer tun würde, oder gemäß den Einflüsterungen von Habsucht und Ehrgeiz. Nein, er brachte die Angelegenheit im Gebet vor Gott. Er betete, ehe er handelte, wie es einem religiösen Menschen geziemt. Als Gott ihm dann zu gehen verbot, weigerte er sich unverzüglich und unmissverständlich zu gehen, wie er es sollte. „Reist ab in euer Land!" sagte er, „denn der Herr hat mir die Erlaubnis verweigert, mit euch zu ziehen." Daraufhin sandte ihm Balak eine noch drängendere Botschaft und machte ihm noch verlockendere Angebote, und Bileam zeigte sich noch entschlossener als zuvor. „Gäbe mir Balak auch an Silber und Gold so viel, als sein Haus zu fassen vermag, so könnte ich mich doch nicht über den Befehl des Herrn, meines Gottes, hinwegsetzen, weder im Kleinen noch im Großen." Später gestattete Gott ihm zu gehen. „Sind die Männer wiedergekommen, um dich zu rufen? Mach dich doch auf und reise mit ihnen!" (Num 22). Jetzt, erst jetzt, ging er mit ihnen.

Gott, der Allmächtige, fügte hinzu: „Du darfst aber nur das tun, was ich dir sage!" Achtet nun darauf, wie strikt er diesem Befehl gehorchte. Als er zum ersten Mal mit Balak zusammentraf, sagte er, unter Verwendung der Worte des Vorspruchs: „Ich bin ja jetzt zu dir gekommen! Aber werde ich wirklich etwas mit dir reden können? Nur das, was Gott mir in den Mund legt, kann ich reden!" Und wiederum, als er im Begriff war, eine Weissagung zu machen, sprach er: „Was er mich schauen lässt, will ich dir kundtun" (Num 23), und so handelte er, trotz Balaks Enttäuschung und Verärgerung, als dieser den Segensspruch über Israel hörte. Als Balak seiner Ungeduld Luft machte, antwortete er ganz ruhig: „Muss ich mich beim Reden nicht genau an das halten, was der Herr mir in den Mund legt?" Er weissagte erneut, und wieder war es ein Segensspruch; Balak wurde wiederum ärgerlich, und wieder antwortete der Seher fest und gelassen: „Habe ich dir nicht angekündigt: Alles was der Herr redet, habe ich zu tun?" Ein drittes Mal war seine Weissagung ein Segensspruch. Nun geriet Balak in Zorn, er schlug seine Hände zusammen und hieß ihn in seine Heimat abzureisen. Bileam jedoch ließ sich dadurch nicht von seiner Pflicht abbringen. „Der Zorn eines Königs gleicht Todesboten" (Spr 16, 14). Balak hätte sich auf der Stelle am Seher rächen können, doch Bileam, sich mit dem Segensspruch über Israel nicht begnügend, fuhr fort, wie es ein Seher sollte, sich des Restes seiner prophetischen Bürde zu entledigen, indem er deutlicher als zuvor die Vernichtung Moabs und der anderen Feinde des auserwählten Volkes vorhersagte. Seiner Prophezeiung schickte er die folgenden unangenehmen Worte voraus: „Habe ich nicht schon deinen Boten, die du zu mir geschickt hast, erklärt: Gäbe mir auch Balak an Silber und Gold so viel, als sein Haus zu fassen vermag, so könnte ich mich doch nicht über den Befehl des Herrn hinwegsetzen, um von mir aus etwas zu unternehmen, sei es Gutes oder Böses; nur was der Herr redet, das darf ich verkünden. Siehe, ich bin jetzt dabei, zu meinem Volk heimzureisen. Wohlan, so will ich dir noch verraten, was dieses Volk deinem Volk am Ende der Tage antun wird." Nachdem er sein Gewissen erleichtert hatte, „brach er auf und kehrte in seine Heimat zurück".

All dies ist sicher Ausdruck des Verhaltens und Empfindens eines ehrenwerten, gewissenhaften Mannes von edlen Grundsätzen. Bileam, sage ich, war gewiss solch ein Mann, genau in dem Sinne, wie wir diese Worte gemeinhin gebrauchen. Er redete und er handelte; er tat Äußerungen und richtete sich in seinem Handeln danach. Zwischen Wort und Tat besteht kein Widerspruch. Er übt Gehorsam und er spricht über Religion; von daher werden wir den Wert der folgenden edlen Gefühlsäußerungen, die ihm dann und wann über die Lippen kommen, tiefer verstehen; hätte er weniger Festigkeit in seinem Verhalten an den Tag gelegt, wären sie als bloße Worte genommen worden, Worte eines Schwätzers, eines Sophisten, Moralisten oder Rhetorikers. „Stürbe ich doch den Tod der Gerechten, und wäre doch mein Ende dem ihrigen gleich!" „Gott ist kein Mensch, der lügt, kein Menschenkind, das etwas bereut! ... Siehe, zu segnen habe ich übernommen; so will ich segnen und nichts davon zurücknehmen!" „Ich sehe ihn, doch nicht jetzt, ich schaue ihn, doch nicht nahe." Es ist bemerkenswert, wie groß und erhaben im Ausdruck diese Worte sind, und sein Ausspruch, der sich beim Propheten Micha findet, ist es in gleicher Weise. Balak fragt ihn, welche Opfer Gott wohlgefällig seien, und Bileam antwortet: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: Nichts als Recht tun und Güte lieben und in Demut wandeln mit deinem Gott" (Mi 6, 8).

Wenn wir also die inspirierten Aussagen über Bileam in allen ihren Teilen betrachten, können wir ihm das Lob, das diese Aussagen fraglos vermitteln, sofern sie eine klare Bedeutung haben, nicht versagen: dass er nämlich ein ehrenwerter und religiöser Mensch war und sehr viel Großes und Edles ihn umgab; ein Mann, dem jeder von uns auf den ersten Blick vertraut hätte, der in unseren Schwierigkeiten oft um Rat gefragt, vielleicht zum Führer einer Partei erkoren und auf jeden Fall große Achtung genießen würde. Freilich können wir, mit Verlaub, sagen, dass all diese Vorzüge später von ihm abfielen, – wenngleich eine derartige Vorstellung letztlich etwas Schockierendes in sich birgt. Nein, es ist eher unnatürlich, dass sich normalerweise ehrenhafte Menschen plötzlich ändern; dies kann man jedoch sagen – man kann sagen, dass er abtrünnig wurde; ich glaube jedoch, man kann nicht sagen, er sei etwas anderes gewesen als ein Mensch von edlen Grundsätzen (nach weltlichen Maßstäben), als er dementsprechend redete und handelte.

Das Befremdliche ist nun aber, dass eben zu der Zeit, während er so redete und handelte, er in einem Sinne in Gottes Gunst zu stehen, aber in einem anderen und höheren, sein Missfallen zu erregen scheint. Wenn dies so ist, dann trifft die Vermutung, dass er abtrünnig wurde, nicht zu; die Schwierigkeit, die sie aufzulösen beabsichtigt, bleibt bestehen; denn es stellt sich heraus, dass er Gott bei all seinen Vorzügen missfiel. Die Textstelle, die ich im Sinn habe, ist, wie ihr euch leicht denken könnt, folgende: „Da entbrannte der Zorn des Herrn, weil jener [mit den Fürsten Moabs] dahinzog, und der Engel des Herrn stellte sich ihm in den Weg." Später, als Gott ihm die Augen öffnete, „sah er den Engel des Herrn, das gezückte Schwert in seiner Hand, auf dem Weg stehen". ... Da sprach Bileam: Ich habe gesündigt. Ich wusste ja nicht, dass du es warst, der mir auf dem Weg gegenüber stand. Nun aber will ich umkehren, wenn mein Vorhaben in deinen Augen Unrecht ist." Beachtet bitte, dass Bileam sagte „Ich habe gesündigt", obwohl er beteuert, er habe nicht gewusst, dass Gott sein Gegner gewesen sei. Was aber das ganze Geschehnis noch befremdlicher macht, ist, dass Gott, der Allmächtige, zuvor zu ihm gesagt hatte: „Wenn die Männer kommen, dich zu rufen, mach dich auf und zieh mit ihnen"; und dass, als Bileam sich erbot umzukehren, der Engel wiederholte: „Zieh mit den Männern!". Und später finden wir inmitten seines heidnischen Zaubers die Worte „Da begegnete der Herr Bileam" und „legte ihm ein Wort in den Mund", und weiter: „Der Geist Gottes kam über ihn".

Fassen wir das Gesagte zusammen, so scheint es, dass wir in Bileams Geschichte den folgenden merkwürdigen Fall vor uns haben – merkwürdig jedenfalls im Lichte unserer üblichen Urteilsweise: ein Mann in Gottes Gunst, von ihm heimgesucht; beeinflusst, geführt, beschützt, in hohem Ansehen, erleuchtet; ein Mann erfüllt von einem lauteren Pflichtgefühl, mit moralischen und religiösen Qualitäten, gebildet, großherzig, gewissenhaft, ehrenwert, fest; und doch auf der Seite der Feinde Gottes, persönlich unter göttlichem Missfallen und schließlich (um darauf zu kommen) direktes Werkzeug Satans und Genosse der Ungläubigen. Ich glaube nicht, dass ich diese Charakterisierung in irgendeinem Teil grundlegend überzeichnet habe; aber auch wenn sie nur im Wesentlichen stimmt, ist sie äußerst erschreckend, selbst wenn man eine gelegentliche Übertreibung einräumt – äußerst erschreckend für einen jeden von uns, umso erschreckender, je mehr wir uns im Großen und Ganzen der lauteren Absicht bei unserem Tun und des gewissenhaften Festhaltens an unserem Pflichtgefühl bewusst sind.

Nun erhebt sich natürlich die Frage nach dem Sinn dieser bestürzenden Entblößung der Wege Gottes. Ist es tatsächlich möglich, dass sich ein gewissenhafter und religiöser Mensch unter den Feinden Gottes findet, ja ihm sogar persönlich missfällt, und dass gleichzeitig Gott ihn mit außergewöhnlicher Gunst heimgesucht hat? Welch ein Geheimnis ist dies! Fürwahr, wenn dem so ist, dann hat die Offenbarung unsere Unverständigkeit vermehrt, und nicht verringert! Welche Weisung, welcher Nutzen, welche Strafe, welche Lehre steckt in solchen Teilen der inspirierten Schrift?

Bei der Beantwortung dieser schwierigen Frage möchte ich zuerst bemerken, dass es gewiss, ganz gewiss unmöglich ist, dass ein wirklich gewissenhafter Mensch Gottes Missfallen erregt; gleichzeitig ist es möglich, im Allgemeinen gewissenhaft zu sein oder was die Welt ehrenhaft und von edlen Grundsätzen erfüllt nennt, und doch jener Furcht und Strenge zu ermangeln, die Gott Gewissenhaftigkeit nennt, die Welt aber als Aberglaube und Engstirnigkeit bezeichnet. Wenn wir dies im Auge behalten, kommen wir vielleicht zu einer Lösung für unsere Unverständigkeit in Bezug auf Bileam.

An diesem Punkt möchte ich etwas bemerken: Wenn eine Stelle in der Schrift, die Gottes Handeln an den Menschen schildert, rätselhaft oder verwirrend erscheint, dann wohl auch, damit wir uns selbst fragen, ob dies nicht von einer beträchtlichen Unempfänglichkeit – in uns oder unserem Zeitalter – für bestimmte, darin eingeschlossene Eigentümlichkeiten des göttlichen Gesetzes oder der göttlichen Herrschaft herrührt. So ist für diejenigen, die Wesen und Geschichte der religiösen Wahrheit nicht verstehen, die Aussage des Herrn, er sei gekommen, das Schwert auf die Erde zu bringen, ein Rätsel. Diejenigen, die die Sünde als ein geringfügiges Übel betrachten, tun sich schwer mit der Lehre von der ewigen Verdammnis. In gleicher Weise können die Geschichten von der Sündflut, der Berufung Abrahams, der Plagen Ägyptens, der Wanderung in der Wüste, des Gerichtes über Korach, Datan und Abiram und eine Vielzahl anderer Geschehnisse unüberwindliche Schwierigkeiten bereiten, freilich nicht jenen, denen sie aufgrund ihrer geistigen Veranlagung und Verfassung als ganz natürlich und einleuchtend erscheinen. Ich denke, die Geschichte Bileams ist ein eindrucksvolles Beispiel für meine Bemerkung. Diejenigen, deren Herzen, wie das Joschijas, „weich", gewissenhaft und empfindsam in religiösen Dingen sind, werden klar und sicher erkennen, wie es wirklich um ihn stand; auf der anderen Seite legen unsere etwaigen Schwierigkeiten mit Bileams Geschichte die Vermutung nahe, dass das Zeitalter, in dem wir leben, keinen Schlüssel zu bestimmten Formen der göttlichen Vorsehung besitzt und es ihm an einer Art religiöser Grundsätze, Ideen und Empfindsamkeiten mangelt. Wollen wir also sehen, ob die folgenden Bemerkungen unserer Unverständigkeit nicht ein wenig aufhelfen können.

Bileam gehorchte Gott aus einem Gefühl heraus, dass es richtig sei dies zu tun, aber nicht aus einem Verlangen, Gott zu gefallen, nicht aus Furcht und Liebe. Er hatte andere Absichten und Ziele, eigene Wünsche, verschieden von Gottes Willen und Ratschluss, und er hätte diese, wenn er es vermocht hätte, verwirklicht. Sein Bestreben war nicht, Gott zu gefallen, sondern zu tun, was ihm gefiel, ohne Gott zu missfallen; seine eigenen Ziele zu verfolgen, sofern dies mit seinen Pflichten vereinbar war. Mit einem Wort, er schenkte Gott nicht sein Herz, sondern er gehorchte ihm, wie ein Mann staatlichen Gesetzen gehorcht oder sich an die Sitten und Gebräuche der Gesellschaft oder seines Landes hält, als etwas außerhalb von ihm Liegendes, weil er weiß, dass er das tun sollte, aus einer Art praktischer Vernunft heraus, einer Überzeugung, dass es angemessen, ratsam oder bequem sei, wie auch immer.

Ihr werdet feststellen, dass er mit Balaks Gesandten zu gehen wünschte, jedoch fühlte, dass er dies nicht sollte; das Problem, das er zu lösen versuchte, lag darin, wie er gehen könnte, ohne Gott zu erzürnen. Er war fest entschlossen, auf jeden Fall religiös und gewissenhaft handeln zu wollen; er war ein zu ehrenhafter Mann, um irgendwelchen Verpflichtungen nicht nachzukommen; hatte er sein Wort gegeben, dann war es ihm heilig; hatte er Pflichten, so waren sie zwingend; er hatte einen Charakter zu wahren und einem inneren Gefühl des Anstands zu genügen; doch er hätte wer weiß was darum gegeben, seine Pflichten loszuwerden; die Frage war nur, wie dies ohne Gewalt zu bewerkstelligen wäre; und er machte sich nichts daraus, sich am Rande des Abgrunds zur Verfehlung zu bewegen, solange er sich vor dem Absturz bewahren konnte. Folglich genügte es ihm nicht, Gottes Willen zu ergründen, nein, er versuchte ihn zu ändern. Er fragte ihn nach einem zweiten Mal, und das hieß ihn zu versuchen. So entbrannte, wiewohl er Bileam gehen hieß, Gottes Zorn gegen Bileam, weil dieser tatsächlich ging.

Dies ist gewiss kein ungewöhnlicher Charakter; es ist der übliche Fall, selbst beim respektableren und lobenswerteren Teil der Gesellschaft. Ich sage es frei heraus und ohne Angst vor Widerspruch, wenngleich dies eine schwerwiegende Behauptung ist, dass das Ziel der meisten als gewissenhaft und religiös eingeschätzten oder als ehrenwert und aufrecht bezeichneten Menschen allem Anschein nach nicht darin besteht, Gott zu gefallen, sondern sich selbst, ohne Gott zu missfallen. Ich bin davon überzeugt – das heißt, sofern wir die Menschen im allgemeinen nach dem beurteilen dürfen, was wir sehen, dass sie diese Welt zum obersten Ziel ihres Denkens machen und die Religion lediglich als Korrektiv, als Einhalt gegen eine zu große Zuneigung zur Welt gebrauchen. Sie meinen, die Religion sei etwas Negatives, eine Art gemäßigte Liebe zur Welt, ein gemäßigter Luxus, ein gemäßigter Geiz, ein gemäßigter Ehrgeiz und eine gemäßigte Selbstsucht. Man kann dies bei zahllosen Gelegenheiten beobachten: in Handel und Gewerbe, im öffentlichen Leben, in der Literatur und in allen Bereichen, in denen Menschen Ziele verfolgen. Man sieht es selbst in der Ausübung der Religion, wo es nur allzu oft geschieht, dass der Hauptzweck darin besteht, auf welche Art immer ein festes, bestimmtes Ziel zu erreichen, ein religiöses Ziel freilich, doch nach eigener menschlicher Wahl; nicht, Gott zu gefallen, und das Ziel danach möglichst zu erreichen; nicht, es entweder auf religiöse Art zu erreichen oder aber gar nicht.

Dies ist sicherlich so klar, dass es kaum notwendig ist, weiter darauf einzugehen. Die Menschen halten sich für das Ziel, auf das sie hinarbeiten, nicht an den Willen Gottes, sondern an bestimmte Maxime, Regeln oder Maßnahmen; aus ihrer Sicht vielleicht zu Recht, aber auf unzulängliche Weise, weil sie damit zugeben, bestimmten anderen höchsten Zielen unterworfen zu sein, die nicht religiöser Natur sind. Die Menschen sind gerecht, ehrlich, aufrecht, vertrauenswürdig; all dies jedoch nicht aus Liebe zu und Furcht vor Gott, sondern aus einem bloßen Gefühl heraus, so sein zu müssen und aufgrund der Unterwerfung unter bestimmte weltliche Ziele. Damit sind sie, wie man gemeinhin sagt, moralisch, ohne religiös zu sein. So verhielt es sich auch mit Bileam. Er war im landläufigen Sinne ein streng moralischer, ehrenwerter, gewissenhafter Mensch; dass er dies nicht im himmlischen oder wahren Sinn war, ist offenkundig, wenn nicht aus den hier vorgebrachten Erwägungen, dann zumindest aus seiner späteren Geschichte, die (wie wir annehmen dürfen) seine verborgenen Fehler, worin immer sie bestanden haben mögen, ans Licht brachte.

An dieser Stelle erkennen wir, warum er so viel und so prahlerisch von seinem Entschluss sprach, Gottes Weisung zu folgen. Er machte viel Aufhebens darum, sie zu befolgen; es ging ihm nicht darum, Gott zu gefallen, sondern es mit ihm nicht zu verderben. Wer liebt, handelt nicht aus Berechnung oder aus Vernunftgründen; in ruhigen Augenblicken denkt er nicht darüber nach oder redet nicht darüber, was er tut, als handele es sich um ein großes Opfer. Viel weniger noch brüstet er sich damit; genau dies aber scheint Bileam getan zu haben.

Ich habe bemerkt, dass sein Fehler darin lag, dass er sich nicht im Mindesten um den Willen Gottes kümmerte, sondern sich von anderen Dingen leiten ließ. Überdies jedoch zeigte sich dieses sündige Herz des Unglaubens auf eine besondere Weise, auf die ich eure Aufmerksamkeit lenken muss und auf die ich soeben mit der Aussage angespielt habe, dass die Schwierigkeiten mit der Heiligen Schrift häufig vom mangelhaften sittlichen Zustand unserer Herzen herrühren.

Warum gab der allmächtige Gott Bileam die Erlaubnis, zu Balak zu gehen, und war dann zornig auf ihn, als er ging? Ich glaube, weil sein zweimaliges Fragen bedeutete, Gott zu versuchen. Gott ist ein eifersüchtiger Gott. Als Sünder, die wir sind, ja als Geschöpfe seiner Hände, dürfen wir uns ihm nicht unbedacht aufdrängen und uns ihm gegenüber Freiheiten herausnehmen. Wir dürfen nicht wagen, das zu tun, was wir einem weltlichen Oberen gegenüber nicht tun sollten und wofür wir bestraft würden, wie etwa für einen Anschlag auf einen König oder einen Mann von Adel. Ihn bestürmen, ihn im Umgangston anreden, ihn drängen, unsere Pflichten in eine Richtung verlagern wollen, wenn sie in einer anderen liegen, mit seinem heiligen Wort gröblich umgehen und es sich für eigene Zwecke zunutze machen, mit der Wahrheit scherzen, es mit dem Gewissen nicht so ernst nehmen, sich sozusagen gegenüber allem Göttlichen Freiheiten erlauben: jegliche Unehrerbietigkeit, Lästerung, Gewissenlosigkeit, Leichtfertigkeit wird in der Schrift nicht nur als Sünde hingestellt, sondern als etwas, das vonseiten Gottes wahrgenommen, vermerkt und unverzüglich vergolten wird (wenn ich es wagen darf, dem allmächtigen und allheiligen Gott solch menschliche Worte zuzuschreiben, ohne die Regel zu verletzen, die ich hier selbst aufstelle – doch er lässt sich ja in der Heiligen Schrift dazu herab, sich uns auf die einzig mögliche Art darzustellen, auf die wir von ihm Kenntnis erlangen können). Ich sage also, jegliche Unehrerbietigkeit gegen Gott wird hingestellt als etwas, das eifersüchtig wahrgenommen und unverzüglich und schrecklich geahndet wird, genauso wie im menschlichen Bereich eine ihm zugefügte Beleidigung von einem Freund wie von einem Fremden übel genommen wird. Dies sollte sorgfältig bedacht werden; wir verhalten uns Gott und dem Göttlichen gegenüber gerne wie gegenüber einem bloßen System, einem Gesetz, einem Namen, einer Religion, einem Prinzip, und nicht wie einer Person mit Augen und Armen, die lebendig, wachsam, gegenwärtig, schnell und mächtig sind. Dass all dies einen großen Irrtum bedeutet, ist allen sorgsamen Lesern der Heiligen Schrift klar: es erweist sich hinlänglich am Tod der vielen, weil sie in die Bundeslade hineingeschaut hatten; – an der Tötung durch einen Löwen, als der Prophet von Juda zu Jerobeam gesandt wurde und die ihm erteilten Weisungen nicht genau befolgte; – an der Tötung der Knaben von Betel durch Bären, weil die Knaben Elisäus verspotteten; – an dem Ausschluss des Mose aus dem Gelobten Land, weil Mose zweimal an den Felsen geschlagen hatte; – und an dem Urteil über Ananias und Sapphira. Bileams Vergehen scheint ähnlicher Art gewesen zu sein. Gott hatte ihm ausdrücklich gesagt, nicht zu Balak zu gehen. Bileam jedoch war unbesonnen genug, ein zweites Mal zu fragen, und Gott bestrafte ihn damit, dass er ihn gehen ließ, um sich mit Seinen Feinden zu verbünden und gegen Sein Volk Partei zu ergreifen. Angesichts dieser Vermessenheit und Eigenliebe in seinem innersten Herzen nützten ihm seine Klugheit, Festigkeit, Weisheit, Erleuchtung und stete Gewissenhaftigkeit gar nichts.

Bei der Rückschau auf diese schlimme Geschichte, als die ich sie durchaus bezeichnen möchte, bestürmen uns zahlreiche Überlegungen; auf einige von ihnen möchte ich abschließend kurz eingehen:

1. Zuerst stellen wir fest, wie wenig wir uns bei der Beurteilung von Recht und Unrecht auf die offensichtliche Vortrefflichkeit und den vornehmen Charakter Einzelner verlassen können. Im menschlichen Verhalten gibt es ein Recht und ein Unrecht, ohne Rücksicht auf die Welt; es liegt aber in der Absicht der Welt und der des Satans, unser Sinnen von der nicht ungeschehen zu machenden Unterscheidung der Dinge abzulenken und unsere Gedanken auf einen Menschen zu fixieren, uns zu seinen Sklaven zu machen, uns von seiner Meinung, seinem Wohlwollen, seiner Ehre, seinem Lächeln und seinem Stirnrunzeln abhängig zu machen. Wenn aber die Schrift uns Führung sein soll, dann ist es offenkundig, dass die gewissenhaftesten, religiösesten, von edlen Grundsätzen erfülltesten, ehrenhaftesten Menschen (ich gebrauche diese Attribute in ihrer üblichen Bedeutung, nicht im Sinne der Schrift) auf der Seite des Bösen und Werkzeuge Satans sein können, indem sie, sofern das möglich wäre, auf das Volk Gottes einen Fluch legen, es zumindest jedoch verführen und schwächen. Denn im Urteil der Welt, selbst im differenziertesten, gilt ein Mensch als gewissenhaft und konsequent, der nach seinen Maßstäben handelt, welche auch immer es sein mögen, und nicht allein jener, der sich die höchsten Maßstäbe setzt. Dies ist die Welt von ihrer besten Seite; in ihrem alltäglichen Urteil jedoch gilt ein Mensch als gewissenhaft und konsequent, der nur in einer Notlage inkonsequent ist und gegen sein Gewissen handelt, wenn er hart bedrängt wird und wenn er entweder den Knoten durchhauen oder in seinen augenblicklichen Schwierigkeiten ausharren muss. Das heißt, derjenige wird als seinem Gewissen gehorchend angesehen, der ihm nur dann nicht gehorcht, wenn ihm gehorchen Lob und Verdienst bedeutet. Leider ist dies die Art manch höchst ehrenwerter reiner Weltmenschen, ja der Masse der meisten (so genannten) Anständigen. Niemals sagen sie die Unwahrheit oder brechen ihr Wort, entweihen den Tag des Herrn oder sind in Geschäften unehrlich, werden ihren Grundsätzen untreu oder spotten über die Religion, außer wenn sie in der Klemme sitzen oder sich in einer akuten Notlage befinden – wenn sie in die Enge getrieben werden; und dann tun sie sich vielleicht Gewalt an, wie Saul, als er an Stelle von Samuel das Opfer darbrachte; – sie tun sich Gewalt an und durchleiden ihre Sünde gleichsam als eine Art unangenehmer Selbstverleugnung oder Buße, schämen sich ihrer fortwährend, gehen schnellstmöglich darüber hinweg, schließen ihre Augen und agieren blindlings; und schließlich vergessen sie es als etwas, über das man nur mit Bitterkeit zurückdenkt.Und sollte ihr Gedächtnis wachgerüttelt werden und sie behelligen, trösten sie sich damit, dass sie sich schließlich nur ab und zu gegen ihr Gewissen vergangen haben. So sehen sie sich, im besten Falle, selbst und untereinander; und begegnet ihnen jemand, der mehr außerhalb der Welt lebt als sie und ein echteres Gespür für Recht und Unrecht hat und an einem bestimmten Punkt ihres Wesens haften bleibt, den er für sich als Zeichen der Warnung vor ihnen empfindet, so erscheint ihnen ein solcher Mensch natürlich als engstirnig und übertrieben streng in seinen Ansichten. Angenommen, ein solcher Mensch wäre Bileam zufällig begegnet und hätte von der Geschichte seines Gottversuchens Kenntnis gehabt, dann hätten, soviel ist klar, Bileams generelle Korrektheit, sein vornehmes Benehmen und sein waches Pflichtbewusstsein nicht das kleinste bisschen geholfen, die Abneigung dieses Menschen gegen ihn zu überwinden. Er hätte sich erschrocken und beunruhigt und wäre auf Distanz geblieben, und folglich hätte ihn die Welt unfreundlich und scheinheilig genannt.

2. Eine zweite Überlegung, die einem in den Sinn kommt, steht in Beziehung zur wunderbaren und geheimnisvollen göttlichen Vorsehung, wenngleich alles gemäß dem Lauf der Welt zu gehen scheint. Bileam hat den Engel nicht gesehen, doch der Engel stellte sich ihm auf dem Weg feindlich entgegen. Es gab für Bileam kein offenkundiges Anzeichen dafür, dass sich der Zorn Gottes gegen ihn gerichtet hatte. Er hatte gesündigt und nach außenhin war nichts geschehen, doch der Zorn machte sich breit und versperrte ihm den Weg. Dies ist wiederum ein ernst zu nehmender und schrecklicher Gedanke. Der Arm Gottes ist nicht kürzer geworden. Was dem Bileam widerfahren ist, erscheint, als sei es erst gestern geschehen. Gott ist der, der er immer war; wir sündigen, wie die Menschen von jeher gesündigt haben. Wir sündigen, ohne uns dessen bewusst zu sein. Gott ist unser Feind, und wir sind uns dessen nicht bewusst; und wenn sein Schlag uns trifft, dann richten wir unser Denken auf die Kreatur, wir misshandeln unseren Esel, wir schieben die Schuld auf die Umstände dieser Welt, anstatt uns ihm zuzuwenden. „O Herr, erhoben ist deine Hand, sie sehen es aber nicht! So sollen sie", wenn nicht hier, dann in der künftigen Welt, „deinen Eifer für dieses Volk sehen und beschämt sein; das Feuer, das für deine Feinde bereitet ist, wird sie fressen" (Jes 26,11).

3. Hier erhebt sich abermals ein ernsthafter Gedanke, dem wir – ließe die Zeit es zu – nachgehen sollten, nämlich: haben wir einmal einen üblen Weg eingeschlagen, so können wir nicht denselben Weg zurückgehen. Bileam musste mit den Abgesandten gehen; er erbot sich umzukehren – er durfte es nicht – und doch verfolgte ihn der Zorn Gottes. Dies kommt dabei heraus, wenn wir uns einer schlechten Lebensführung überlassen; Beispiele dafür erfahren wir in unserem Leben Tag für Tag. Menschen geraten in Verstrickung und sind auf ihren unbedachten Pfaden an Händen und Füßen gebunden. Sie gehen unüberlegte Heiraten oder Verbindungen ein; sie begeben sich in gefährliche Situationen; sie lassen sich ein auf unvorteilhafte oder schädliche Unternehmungen. Nur allzu oft verkennen sie ihre schlimme Lage; und wenn sie sie erkennen, können sie nicht mehr umkehren. Gott scheint ihnen zu sagen: „Geh mit den Abgesandten!". Ihnen sind Fesseln angelegt, und sie müssen sehen, wie sie sich daraus befreien; sie sind Sklaven der Schöpfung und dennoch weiterhin verantwortliche Diener Gottes; sie haben sich sein Missfallen zugezogen und müssen zwangsläufig doch so handeln, als könnten sie sein Gefallen finden. All dies ist sehr schlimm!

4. Abschließend, um das noch anzufügen: Gott warnt uns hin und wieder, aber er wiederholt die Warnung nicht. Bileams Sünde lag darin, dass er sich nicht nach dem richtete, was ihm ein für alle Mal gesagt wurde. In gleicher Weise, Brüder, hört ihr hier und heute, was ihr vielleicht nie wieder hören werdet und was in seinem Kern vielleicht das Wort Gottes ist. Möglicherweise hört ihr es nie wieder, auch wenn es euer Ohr äußerlich hundertmal hören wird, denn jetzt mögt ihr davon beeindruckt sein, danach aber vielleicht nie wieder. Jetzt mögt ihr davon beeindruckt sein, und der Eindruck mag verblassen, und irgendwann, wenn ihr jemals daran zurückdenkt, werdet ihr euch vielleicht Folgendes sagen: die Lehre hat euch damals beeindruckt, aber je mehr ihr aus irgendeinem Grunde darüber nachgedacht habt, desto weniger habt ihr sie gemocht oder geschätzt. Dies mag zugegebenermaßen so sein und es mag, wie ihr meint, daher kommen, dass die Lehre, die ich euch dargelegt habe, unwahr und nicht schriftgemäß sei; es mag aber auch daher kommen, dass ihr die Stimme Gottes vernommen habt, ihr aber nicht gefolgt seid. Es mag sein, dass ihr blind geworden seid und die Lehre nicht widerlegt worden ist. Hütet euch davor, mit eurem Gewissen zu scherzen. Es heißt oft, der zweite Gedanke sei der bessere; bei Urteilen vor Gericht ist dies sicherlich so, nicht aber in Fragen des Gewissens. In Sachen der Pflicht ist der erste Gedanke gewöhnlich der beste – in ihm wird die Stimme Gottes stärker vernehmbar. Möge er euch die Gnade schenken, das Gesagte so zu hören, wie ihr es am Ende eures Lebens gehört zu haben wünscht; verständig zu hören, von dem Wunsch geleitet, daraus Nutzen zu ziehen, den Willen Gottes zu erkennen und ihn zu tun.

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