Die Predigt zum Downloaden

 

Ich vermute, die Mehrzahl derer, die ein christliches Leben zu führen versuchen und sich sorgfältig beobachten, sind diesbezüglich mit ihrer Situation unzufrieden, weil sie nämlich, egal welche religiösen Fortschritte sie erzielt haben mögen, fühlen, dass ihr zugrunde liegendes Motiv nicht das edelste ist, – dass die Liebe zu Gott und zu den Menschen um seinetwillen nicht ihr oberster Grundsatz ist. Sie mögen viel tun, ja, sie mögen unter Umständen viel leiden, doch sie haben wenig Grund zu der Annahme, dass sie viel lieben – dass sie handeln und leiden aus Liebe. Ich denke nicht, dass sie sich genauso ausdrücken würden, aber dass sie mit sich unzufrieden sind und dass es bei näherer Prüfung dieser Unzufriedenheit letztlich auf dasselbe hinausläuft, auch wenn sie sich unterschiedlich äußern würden. Sie mögen sich als kalt, hartherzig, wankelmütig, zwiespältig, zweiflerisch, kurzsichtig oder unentschlossen bezeichnen, doch sie meinen so ziemlich dasselbe, dass sie nämlich ihr Herz nicht an den allmächtigen Gott als ihr oberstes Ziel hängen. Und wir werden sehen, dass religiöse Menschen unter uns daran leiden, nicht weniger als andere; Verstand und Herz gehen nicht zusammen – der Verstand strebt himmelwärts, das Herz zu irdischen Dingen.

Ich möchte nun auf den soeben dargestellten Fehler etwas näher eingehen, weil ich glaube, dass das gründliche Nachdenken darüber als ein Schritt zu seiner Behebung dienen kann.

Liebe, und Liebe allein, ist die Erfüllung des Gesetzes, und nur jene stehen in Gottes Gunst, in denen die Gerechtigkeit des Gesetzes erfüllt ist. Dies wissen wir durchaus; aber ach! – gleichzeitig können wir nicht leugnen, dass bei all dem Guten, das wir vorzuweisen haben, sei es unsere berufliche Tätigkeit, unsere Geduld, unser Glaube oder die Fruchtbarkeit an guten Werken, die Liebe zu Gott und zu den Menschen nicht unsere Sache ist, oder allenfalls in sehr spärlichem Maß, keinesfalls in angemessenem Verhältnis zu unseren scheinbaren Fortschritten. Darüber will ich nun sprechen.

Zunächst besteht die Liebe nicht bloß in großen Opfern. Wir können uns nicht damit trösten, dass wir Gottes Eigen sind, nur weil wir Großes getan oder erlitten haben. Die größten, ohne Liebe vollbrachten Opfer sind nichts wert, und ihre Größe beweist nicht unbedingt, dass sie in Liebe getan sind. Der heilige Paulus versichert uns nachdrücklich, dass sein Wohlgefallen bei Gott keineswegs auf den hohen Gaben beruhte, die uns auf den ersten Blick an ihm auffallen und uns, würden wir ihm tatsächlich begegnen, zweifellos sehr stark zu ihm hinziehen würden. Eine seiner höchsten Gaben war beispielsweise seine geistige Erkenntnis. Er hatte teil an der Sündhaftigkeit und Gebrechlichkeit der menschlichen Natur und spürte beide; er hatte eine tiefe Einsicht in die Herrlichkeit der göttlichen Gnade, wie sie kein Mensch von Natur aus haben kann. Er hatte einen erhabenen Sinn für die Wirklichkeit des Himmels und die geoffenbarten Geheimnisse. Er hätte tausende von Fragen zu theologischen Themen beantworten können – Fragen zu allen Punkten, über welche die Kirche seit seiner Zeit gestritten hat und die wir ihm heute gern stellen würden. Er war ein Mensch, dem sich keiner nähern konnte, ohne dass er klüger wieder ging; ein Quell der Erkenntnis und der Weisheit, stets gefüllt, stets zugänglich und stets überströmend, von dem alle, die gläubig zu ihm kamen, Anteil an den Gaben erlangten, mit denen Gott ihn ausgestattet hatte. Seine Gegenwart flößte Entschlossenheit, Vertrauen und Eifer ein, wie durch einen, der der Hüter von Geheimnissen und der Offenbarer des gesamten göttlichen Ratschlusses war; der durch seinen Blick, sein Wort und seine Tat seine Brüder gleichsam mit göttlichen Erbarmungen und Strafgerichten umgab; der die göttliche Ordnung der Glaubens- und Sittenlehre verbreitete und errichtete und sich selbst und ihnen mitten darin einen sicheren Platz zuwies. So war dieser große Diener Christi und Lehrer der Heiden, und doch sagt er: „Wenn ich mit Menschen-, ja mit Engelszungen redete, wenn ich die Prophetengabe hätte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis besäße, aber die Liebe nicht hätte, so wäre ich tönendes Erz oder eine klingende Schelle ... dann wäre ich nichts". Geistige Erkenntnis und Einsicht in die Botschaft des Neuen Bundes sind kein Beweis für die Liebe.

Ein anderes ihn auszeichnendes Charaktermerkmal ist nach den Worten der Schrift sein Glaube, die bereitwillige, entschiedene, schlichte Zustimmung zum Wort Gottes, die Unempfänglichkeit für irdische Beweggründe, das starke Festhalten an den Wahrheiten der unsichtbaren Welt und der Eifer, ihnen nachzuspüren; dennoch sagt er auch von seinem Glauben: „Und wenn ich allen Glauben hätte, so dass ich Berge versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich nichts". Der Glaube ist kein unbedingter Beweis für die Liebe.

Die liebevolle Besorgnis um die irdischen Bedürfnisse seiner Brüder ist ein weiteres hervorragendes Merkmal seines Charakters, wie sie ein besonderes Kennzeichen eines jeden wahren Christen darstellt; gleichwohl sagt er: „Und wenn ich alle meine Habe zur Speisung der Armen hinschenkte, hätte aber die Liebe nicht, so nützte es mir nichts". Selbstloses Almosengeben ist kein unbedingter Beweis für die Liebe.

Und weiter. Wenn überhaupt jemand, dann hatte er den Geist eines Märtyrers; doch gibt er zu verstehen, dass selbst das Martyrium an sich kein Schlüssel zum Himmelreich ist. „Wenn ich meinen Leib zum Verbrennen hingäbe, hätte aber die Liebe nicht, so nützte es mir nichts". Das Martyrium ist kein unbedingter Beweis für die Liebe.

Ich will nicht sagen, dass wir heutzutage viele Beispiele für oder Gelegenheiten zu solch hehren Taten und Leistungen hätten, aber nach unserem Maß können auch wir dem heiligen Paulus hierin sicherlich folgen: in geistiger Erkenntnis, im Glauben, in Werken der Barmherzigkeit und im Bekennertum. Wir können und wir sollten ihm folgen. Aber auch wenn wir es tun, kann es immer noch sein, dass wir von dem einen Notwendigen, dem Geist der Liebe, nicht erfüllt sind, oder nur in sehr geringem Maße; und genau das empfinden ernsthafte Menschen in eigener Sache.

Verlassen wir nun diese erhabeneren Dinge und wenden wir uns den bescheideneren und ständigen Pflichten des täglichen Lebens zu, um festzustellen, ob nicht auch sie mit einem beträchtlichen Maß an Genauigkeit erfüllt werden können, aber auch mit einem Mangel an Liebe. Sicherlich können sie es; und viele ernsthafte Menschen beklagen sich dabei über sich selbst, mehr sogar als wenn sie größere Dinge zu bewältigen haben. Unser Herr sagt: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten"; aber sie spüren, dass, obwohl sie Gottes Gebote bis zu einem gewissen Grad halten, die Liebe nicht im entsprechenden Maß beteiligt ist, mit ihrem Gehorsam nicht Schritt hält; dass der Gehorsam aus einer anderen Quelle gespeist wird als der Liebe. Dies ist ihre Wahrnehmung; sie fühlen sich innerlich hohl; ein gefälliges Äußeres ohne geistigen Inhalt.

Ich will damit Folgendes sagen: Man kann gehorchen, nicht aus Liebe zu Gott und zu den Menschen, sondern aus einer Art Gewissenhaftigkeit, die hinter der Liebe zurückbleibt; aus einer Vorstellung heraus, einem Gesetz Genüge zu tun, das heißt, mehr aus Furcht vor Gott als aus Liebe zu ihm. Zweifellos ist es das, was wir in der einen oder anderen Form täglich rings um uns sehen; die Angelegenheit von Menschen, die der Welt leben, jedoch nicht ohne ein bestimmtes religiöses Empfinden, das ihnen gleichsam Zügel anlegt. Sie verfolgen weltliche Ziele, aber nicht gänzlich; sie werden zurückgehalten, sie gehen nur ein Stück weit, weil sie sich nicht weiter trauen. Dieses Hemmnis von außerhalb wirkt auf verschiedene Menschen unterschiedlich stark. Sie alle leben dieser Welt und handeln aus Liebe zu ihr; sie alle lassen ihrer Liebe zur Welt einen gewissen Raum, doch an einem bestimmten Punkt, der oft ganz willkürlich erscheint, hält dieser und hält jener ein. Jeder hält an einem anderen Punkt auf dem Weg der Welt ein und betrachtet jeden, der weiter geht, als gottlos, und jeden, der nicht so weit geht, als abergläubisch – er lacht über den zweiten und entrüstet sich über den ersten. Und folglich schauen die wenigen, die elend genug sind und sich von allen Skrupeln befreit haben, mit großer Verachtung auf diejenigen ihrer Weggefährten, die vielleicht von größeren oder kleineren Skrupeln geplagt werden, und halten sie für inkonsequent und lächerlich. Sie verhöhnen den Grundsatz der bloßen Furcht als launenhaft und abstrus, ohne jegliche Regeln und ohne Nachweis seiner Berechtigung, ohne Anspruch auf unsere Achtung; eher als eine Schwäche denn einen der wesentlichen Bestandteile unserer Natur, gesehen in ihrer Vollkommenheit und Ganzheit. Da dies die ganze Vorstellung ist, die ihnen ihre Erfahrung von Religion vermittelt und sie keinen wirklich religiösen Menschen kennen, halten sie die Religion nur für ein Prinzip, das ihre Vergnügungen unverständlich und vernunftwidrig beeinträchtigt. Der Mensch ist zum Lieben geschaffen; soviel ist klar. Das sehen sie eindeutig und richtig; aber die Religion, soweit sie sie begreifen, ist eine Welt, der es an Liebenswertem mangelt, eine Welt der Furcht. Sie stößt ab und schafft Verbote und scheint damit die eigentliche Aufgabe des Menschen zunichte zu machen oder, mit anderen Worten, sich unnatürlich zu verhalten. Und es ist wahr, diese Art der Gottesfurcht oder vielmehr der sklavischen Angst, wie man sie richtiger bezeichnen sollte, ist unnatürlich; dann aber ist es eben nicht Religion, die ja in Wirklichkeit nicht in der bloßen Furcht vor Gott, sondern in seiner Liebe besteht; ist es dennoch Religion, dann nur die von Teufeln, die glauben und vor Angst zittern; oder die von Götzendienern, die von Teufeln verführt worden sind und deren Gottesverehrung Aberglaube ist – der Versuch, Wesen, die sie nicht lieben, sanft zu stimmen; mit einem Wort, die Religion der Kinder dieser Welt, die, wenn es möglich wäre, Gott und dem Mammon dienen würden und, weil Religion aus Liebe und Furcht besteht, Gott fürchten und den Mammon lieben würden.

Und was so allgemein in der Welt im Großen geschieht, dies spüren und erleben, so meine ich, ernsthafte Menschen in einem gewissen Maße an sich selbst. Sie sehen ein, dass noch so strenger Gehorsam kein Beweis für inbrünstige Liebe ist und führen Klage darüber, dass sie nach ihrem Empfinden Gott weitaus mehr fürchten als lieben. Sie erinnern sich an das Beispiel des Bileam, der einen geradezu mustergültigen Gehorsam übte, aber die Liebe nicht hatte; und ihnen kommt der bestürzende Gedanke, welchen Beweis sie dafür haben, dass sie letztlich keiner Selbsttäuschung unterliegen und sich für religiös halten, es aber nicht sind. Sie sind sich wohl bewusst, dass sie ihre Wünsche und Pläne dem Willen Gottes zum Opfer bringen; sie sind sich aber auch bewusst, dass sie dieses Opfer bringen, weil sie wissen, dass sie so handeln sollten, nicht einfach aus Liebe zu Gott. Und sie fragen in einer Art von Verzweiflung: wie sollen wir lernen, nicht nur zu gehorchen, sondern zu lieben?

Sie fragen, wie sollen wir das Wort des heiligen Paulus erfüllen: „Soweit ich jetzt noch in der Welt lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat" (Gal 2, 20)? Und dies scheint insbesondere jenen Schwierigkeiten zu bereiten, die unter Menschen leben, deren Pflichten inmitten der Wahrnehmung weltlicher Geschäfte liegen; deren Gedanken, Neigungen und Anstrengungen auf Dinge gerichtet sind, die sie sehen, gegenwärtige und irdische Dinge. Für sie scheint es ein großes Problem darzustellen, selbst wenn ihre Lebensregel himmlisch bestimmt ist, wenn sie nach Gottes Willen handeln; wie aber können sie hoffen, dass himmlische Ziele ihr Herz erfüllen, wenn kein Platz für sie übrig bleibt? Wie sollen abwesende Dinge gegenwärtige verdrängen, unsichtbare Dinge sichtbare? So scheinen sie gleichsam notwendigerweise auf jenen Zustand reduziert zu werden, den ich soeben als den Zustand von Menschen dieser Welt beschrieben habe, deren Herz an der Welt hängt und denen durch religiöse Vorschriften nur äußerlich Einhalt geboten wird.

Fahren wir fort. Im Allgemeinen sind die Menschen imstande, eindeutige Anklagen mangelnder Liebe gegen die eigene Person vorzubringen, was noch unerfreulicher ist. Ich vermute, die meisten Menschen oder zumindest sehr viele müssen Klage über ihre Herzenshärte führen, die sich bei näherer Prüfung als nichts anderes herausstellt denn als Mangel an Liebe. Ich meine jene Härte, die uns zum Beispiel unfähig macht zu bereuen, wie wir es möchten. Keine Reue ist echt ohne Liebe; es ist die Liebe, die unsere Reue in Gottes Augen wirksam werden lässt. Ohne Liebe mag es Zerknirschung, Bedauern, Selbstvorwürfe und Selbstverurteilung geben, aber keine rettende Reue. Es mag eine Schuldigerklärung des Verstandes geben, aber keine Bekehrung des Herzens. Nun, ich habe gesagt, dass sehr viele Menschen diesen Mangel an liebender Reue beklagen; sie sind hartherzig; sie sind sich ihrer Sünden zutiefst bewusst; sie verabscheuen sie; und doch können sie sich für das, was um sie herum vorgeht, so lebhaft interessieren, als ginge ihnen dieses Bewusstsein ab; sie sind einen Augenblick traurig und schon im nächsten völlig empfindungslos. Oder sie fürchten zwar, wie sie denken und glauben, Gottes Zorn und sind voller Beschämung über sich selbst, stellen aber (zu ihrer Überraschung, möchte ich sagen) fest, dass sie sich keines noch so geringen Lasters enthalten können, was (wie die Vernunft ihnen sagt) ein natürlicher Weg wäre, Betroffenheit zu zeigen. Sie essen und trinken nach Herzenslust, als bedrücke sie kein Kummer; sie haben keine Probleme, sich an jeder Art Vergnügung oder profaner Beschäftigung, die ihnen in den Weg kommt, zu beteiligen. Sie schlafen unverändert gut; und trotz ihres Kummers tun sie sich vielleicht äußerst schwer, sich zu überwinden, früh aufzustehen, um im Gebet um Vergebung zu bitten. Dies sind Zeichen mangelnder Liebe.

Ungeachtet der Frage der Reue haben sie auch eine allgemeine Abneigung gegen das Gebet und andere Formen der Andacht. Sie finden es sehr schwer, sich zum Beten durchzuringen, und nicht minder schwer, wachen Sinnes zu sein und sich auf ihr Beten zu konzentrieren. Sie finden allenfalls Befriedigung bei ihrer Andacht, solange sie sie verrichten. Dann finden sie vielleicht sogar ein wahres Vergnügen daran und wundern sich, dass sie es je als Last empfinden konnten; wenn sie jedoch durch irgendeinen Zufall aus ihrer regelmäßigen Übung herausgerissen werden, finden sie es sehr schwer, zu ihr zurückzukehren. Sie mögen sie nicht genug, um ihr nachzugehen, weil sie sie mögen. Sie sind aus Gewohnheit an sie gebunden, durch die Regelmäßigkeit ihrer Befolgung; nicht aus Liebe. Wenn die Regelmäßigkeit durchbrochen ist, verfügen sie über kein inneres Prinzip, das sofort in Funktion tritt, um den Schaden zu beheben. Bei körperlichen Wunden wirkt die Natur auf die Heilung hin, sie heilen gleichsam von alleine; wir haben aber kein geistiges Prinzip in uns, das stark und gesund genug ist, die religiösen Dinge in uns wieder in Ordnung zu bringen, wenn sie in Unordnung geraten sind, und damit unserem Mangel an Regel und Gewohnheit abzuhelfen. Hier begegnet uns wiederum ein Gehorsam, der mehr oder weniger mechanisch in Aktion tritt – ohne Liebe.

Und weiter: ein ähnlicher Mangel an Liebe zeigt sich in unserer Neigung, uns durch Nichtigkeiten einfangen und in Anspruch nehmen zu lassen. Warum sind wir so empfänglich für den Reiz des Aufregenden? Warum halten wir Ausschau nach Neuigkeiten? Warum beklagen wir uns über den Mangel an Abwechslung im religiösen Leben? Warum können wir es nicht leiden, uns Jahr für Jahr in einem gewohnten Kreis von Pflichten zu bewegen? Warum sind uns einfache Pflichten, wie etwa das Sich-Herablassen zu Leuten niederen Standes, zuwider und lästig? Warum braucht es eine mitreißende Predigt oder ein interessantes und ergreifendes Buch, um unsere Gedanken und Gefühle bei Gott verweilen zu lassen? Warum wird unser Glaube so mutlos und schwach, wenn wir hin und wieder Einwände gegen die Lehre Christi vernehmen? Warum sind wir so ungeduldig, wenn diesen Einwänden keine Entgegnung folgt? Warum haben wir soviel Angst vor weltlichen Ereignissen oder der Meinung der Menschen? Warum fürchten wir uns so vor ihrer Kritik oder ihrem Spott? – Offensichtlich, weil es uns an Liebe mangelt. Wer liebt, kümmert sich um alles andere wenig. In der Welt mag es gehen wie es will; er sieht und hört es nicht, denn seine Gedanken werden woandershin gezogen; er ist in erster Linie besorgt, mit Gott zu gehen und bei Gott gefunden zu werden; er lebt in vollkommenem Frieden, weil er seinen Halt in Gott hat.

Und hier haben wir einen weiteren Beweis dafür, wie schwach unsere Liebe ist; wenn wir nämlich bedenken, als wie wenig zureichend sich unsere erklärten Prinzipien herausstellen, uns in Bedrängnis zu helfen. Ich vermute, dass die Menschen dies oft gerade dann empfinden, wenn sie ein Rückschlag oder eine unerwartete Notlage trifft. Natürlich werden es in der Tat diejenigen am meisten verspüren, die mit ihren Worten, ja ihren Gedanken ihrem Herzen weit vorausgeeilt sind; doch auch viele andere, die versucht haben, Vernunft und Gefühle in Gleichschritt zu halten, werden es ebenso empfinden. Vom Gerechten heißt es: „Vor böser Kunde muss er nicht bangen; stark ist sein Mut, denn er hofft auf den Herrn. Sein Herz ist getrost, er kennt keine Furcht" (Ps 112, 7-8). So muss es bei jedem sein, der sich klar ist über seine eigenen Worte, wenn er von der Kürze des Lebens, der Mühsal der Welt und der Gewissheit des Himmels spricht. Doch wie kalt und trostlos erweisen sich all diese Floskeln, wenn ein Mensch in eine missliche Lage gerät? Und warum, wenn man davon absieht, dass er letztlich sichtbare Dinge im Sinn hatte und nicht Gott, während er von unsichtbaren Dingen sprach? Es waren reichlich Lippenbekenntnisse, aber wenig Liebe.

Dies sind einige Beweise für unseren Mangel an Gottesliebe, die uns bei aufmerksamer Selbstbeobachtung ständig vor Augen geführt werden; und sie weisen uns sogleich auf noch andere hin. Wenn ich, bevor ich zu Ende komme, mich dazu äußern soll, wie das Übel zu überwinden ist, so muss ich offen sagen, dass – mag diese Aussage auf den ersten Blick auch verwunderlich erscheinen – die Annehmlichkeiten des Lebens die Hauptschuld daran tragen; und so sehr wir uns darüber beklagen und dagegen ankämpfen mögen, wir werden das Übel nicht überwinden, solange wir nicht lernen, auf einen Gutteil von ihnen zu verzichten. Solange wir uns in gewisser Hinsicht nicht von unserem Körper freimachen, wird unser Geist nicht in der Lage sein, göttliche Eindrücke aufzunehmen und nach himmlischen Zielen zu streben. Ein leichtes und unbeschwertes Leben, ein ständiger Genuss der Güter, die uns die Vorsehung schenkt, ein reich gedeckter Tisch, ein seidenweiches Gewand, ein bequem eingerichtetes Zuhause, Sinnesfreuden, das Gefühl der Sicherheit, das Bewusstsein der Wohlhabenheit – diese und ähnliche Dinge versperren, wenn wir nicht achtsam sind, alle Zugänge der Seele, durch die das Licht und der Atem des Himmels zu uns dringen können. Ein hartes Leben ist leider kein sicherer Weg zur Geistigkeit, aber es ist eines der Mittel, durch die uns der allmächtige Gott dorthin führt. Wir müssen uns wenigstens zeitweise unserer Natur berauben, wenn wir nicht der Gnade beraubt werden wollen. Wenn wir versuchen, unseren Geist ohne diese Vorbereitung in eine Haltung der Liebe und Hingabe hineinzuzwängen, ist es nur allzu offensichtlich, was die Folge davon sein wird: Grobheit und Gefühllosigkeit, Geziertheit, Weichlichkeit, Unnatürlichkeit, Anmaßung, Hohlheit (gestattet mir, meine Brüder, wenn ich offen, aber mit vollem Ernst sage, was ich meine), mit einem Wort das, was die Schrift Heuchelei nennt, die wir ringsum beobachten; jene Geisteshaltung, in der die Vernunft sieht, was wir sein sollten, das Gewissen eindringlich dazu mahnt, es zu sein, weil das Herz damit aber überfordert ist, als Kompromiss dieser oder jener Vorwand erhoben wird, so dass die Menschen sagen können: „Heil! Heil! Aber es gibt kein Heil!" (Jer 6, 14).

Nachdem ich euch zu dieser ständigen Bereitung des Herzens gemahnt habe, möchte ich euch auffordern, was sonst ein ungehöriges Unterfangen wäre, um eine fortwährende Gesinnung der Liebe zu eurem Herrn und Erlöser, der für euch am Kreuz gestorben ist, besorgt zu sein. „Die Liebe Christi", sagt der Apostel, „drängt uns" (2 Kor 5, 14); nicht dass Dankbarkeit zur Liebe führt, wo kein Mitgefühl ist (denn, wie wir alle wissen, tadeln wir uns oft selbst deswegen, weil wir Menschen, die uns dennoch lieben, keine Liebe entgegenbringen), doch wo die Herzen in ihrem jeweiligen Maße nach dem Bild Christi erneuert sind, wird – durch seine Gnade – die Dankbarkeit ihm gegenüber die Liebe zu ihm mehren und wir werden uns jener Güte erfreuen, die so gut zu uns ist. Hier wird wiederum Selbstdisziplin notwendig sein. Sie macht das Herz ebenso sanft wie ehrerbietig. Christus hat seine Liebe in Taten, nicht in Worten gezeigt, und ihr werdet von dem Gedanken an sein Kreuz, das ihr ihm nachtragt, weitaus stärker berührt als durch glühende Berichte über es. Die Art und Weise, wie ihr es euch bewusst macht, muss einfach und nüchtern sein; „überwältigende Beredsamkeit" (1 Kor 2, 1) oder „gewinnende Worte" (1 Kor 2, 4), um die Sprache des heiligen Paulus zu gebrauchen, sind die denkbar schlechtesten Mittel. Denkt an das Kreuz, wenn ihr aufsteht und wenn ihr euch schlafen legt, wenn ihr fortgeht und wenn ihr nach Hause kommt, wenn ihr esst, geht und euch unterhaltet, wenn ihr kauft und wenn ihr verkauft, wenn ihr arbeitet und wenn ihr ruht; so weiht und besiegelt ihr all euer Tun mit dieser einen geistigen Tätigkeit, dem Gedanken an den Gekreuzigten. Sprecht vor anderen nicht darüber; schweigt wie die reuige Sünderin, die ihre Liebe in tiefer Demut zeigte. Sie „trat weinend von hinten an ihn heran und begann seine Füße mit ihren Tränen zu benetzen. Sie trocknete seine Füße mit ihrem Haar, küsste sie und salbte sie mit dem Öl". Und Christus sagte von ihr: „Ihre vielen Sünden sind ihr vergeben, weil sie viel geliebt hat; wem aber nur wenig vergeben wird, der liebt auch wenig" (Lk 7, 38.47).

Lasst uns ferner häufig nachdenken über sein mannigfaltiges Erbarmen mit uns und unseren Brüdern als Folge seiner Menschwerdung; seine anbetungswürdigen Ratschlüsse, wie sie sich in unserer Erwählung offenbaren, – warum sind wir berufen und andere nicht; die Wunder seiner Gnade an uns, von unserer Kindheit an bis auf den heutigen Tag; die Gaben, die er uns schenkt; die Hilfe, die er uns gewährt; das Erhören, das er unseren Gebeten verleiht. Lasst uns außerdem, soweit wir dazu Gelegenheit haben, nachsinnen über sein Walten in der Kirche durch die Zeiten; die Treue, mit der er zu seinen Verheißungen steht, und die geheimnisvollen Wege ihrer Erfüllung; wie er sein Volk im Ganzen inmitten so vieler Feinde stets sicher und glücklich leitet; welch unerwartete Ereignisse seine Pläne Wirklichkeit werden lassen; wie Böses in Gutes verwandelt wird; wie seine heilige Wahrheit sich stets unversehrt erhält; wie die Heiligen auch in dunkelsten Zeiten zur Vollkommenheit geführt werden. Und lasst uns des weiteren die verborgenen Gaben und Kräfte bedenken, die der Kirche anvertraut sind: welche Gedanken werden durch seine Sakramente im gläubigen Geist geweckt! – welches Erstaunen, welche Ehrfurcht und welches Entzücken, wenn dies in rechter Weise bedacht wird!

Durch solche Taten und Gedanken wird unser Gottesdienst, unsere Reue, unser Gebet, unser Umgang mit den Menschen vom Geist der Liebe durchdrungen. Dann tun wir alles dankbar und freudig, wenn wir Tempel Christi sind und sein Bildnis in uns aufgerichtet ist. Dann können wir mit der Welt auskommen, ohne sie zu lieben, denn unsere liebenden Gefühle gehören einem anderen. Wir können es uns erlauben, die Schönheit der Welt zu betrachten, denn wir hängen unser Herz nicht an sie. Ihr Stirnrunzeln stört uns nicht, denn wir leben nicht von ihrem Lächeln. Wir freuen uns im Haus des Gebets, denn dort ist der, „den meine Seele liebt" (Hld 1, 7). Wir können uns herablassen zu den Armen und Niedrigen, denn in ihnen ist der gegenwärtig, der unsichtbar ist. Wir sind geduldig in schmerzlichem Verlust, im Unglück und im Leid, denn sie sind Zeichen Christi.

Lasst uns so eintreten in die vierzigtägige Fastenzeit, die vor uns liegt. Vierzig Tage lang spüren wir durch Fasten der Liebe nach. Mögen wir sie mehr und mehr finden, je älter wir werden, bis der Tod kommt und uns die Schau dessen gewährt, der zugleich ihr Ziel und Urheber ist.

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