Die Predigt zum Downloaden

 

Als unser Herr diese Welt verließ, sagte er, er werde bald wiederkommen; da er aber wusste, dass er unter „bald" nicht das verstand, was dieses Wort zuallererst aussagt, fügte er hinzu „plötzlich" oder „wie ein Dieb". „Siehe, ich komme wie ein Dieb. Selig, wer wacht und seine Kleider bewahrt" (Offb 16, 15). Wäre sein Kommen im wörtlichen Sinne bald erfolgt, dann hätte es kaum plötzlich sein können. Bedienstete, die angewiesen werden, auf die Rückkehr ihres Herrn von einer Festlichkeit zu warten, dürften, so möchte man meinen, von dieser Rückkehr nicht überrascht werden. Sein Kommen war nur deshalb plötzlich, weil es uns nicht bald erschien. Wenn man hofft, dass etwas eintritt, dann wartet man darauf; wenn es nicht eintritt, dann gibt man das Warten auf; wiewohl also Christus sagte, er werde bald kommen, so sagte er doch auch, dass er plötzlich kommen werde, und wollte uns damit bedeuten, dass uns die Zeit bis dahin lange vorkommen werde.

Obwohl er uns seine Wiederkunft hinauszuzögern scheint, hat er doch erklärt, dass sie sich schnell zutragen werde, hat er uns aufgetragen, stets nach seinem Kommen Ausschau zu halten; und seine ersten Jünger, so berichten es uns die Apostelbriefe, haben tatsächlich unablässig nach ihm ausgeschaut. Sicherlich ist es unsere Pflicht, so danach auszuschauen, als stünde sein Kommen unmittelbar bevor, wenngleich die Kirche seit nunmehr fast zweitausend Jahren vergeblich Ausschau hält.

Ist es nicht besonders bedeutsam, dass im letzten Buch der Heiligen Schrift, welches mehr als jedes andere auf ein langes Fortbestehen der christlichen Kirche schließen lässt – dass uns eben dort solch ausdrückliche und wiederholte Zusicherungen zur baldigen Wiederkehr Christi gemacht werden? Noch im letzten Kapitel wird uns dreifach gesagt: „Siehe, ich komme bald. Selig, wer an den prophetischen Worten dieses Buches festhält" (Offb 22, 7). – „Siehe ich komme bald und mein Lohn mit mir" (Offb 22, 12). Und des Weiteren in unserem vorangestellten Schriftwort: „Er, der dies bezeugt, spricht: Ja, ich komme bald!" (Offb 22, 20). So lautet die Ankündigung, und folglich wird uns geboten, stets Ausschau zu halten nach dem großen Tag, „seinen Sohn vom Himmel her zu erwarten" (1 Thess 1, 10), „zu warten und entgegenzueilen der Ankunft des Tages des Herrn" (2 Petr 3, 12).

Es ist allerdings wahr, dass der heilige Paulus seine Brüder an einer Stelle vor der Erwartung der unmittelbaren Wiederkunft warnt; doch er sagt nicht mehr, als dass Christus unmittelbar vor seinem Kommen ein Zeichen senden wird – einen sicher schrecklichen Feind der Wahrheit – worauf er selbst sogleich folgen soll, weshalb uns dieser Feind auch nicht im Wege ist, noch hindert er erwartungsvolle Augen daran, nach Christus Ausschau zu halten. In Wahrheit scheint der heilige Paulus seine Brüder eher vor dem Enttäuschtsein zu warnen, sollte Christus nicht kommen, als sie daran zu hindern, ihn zu erwarten.

Nun kann man einwenden, dass hier eine Art Widerspruch vorliegt; wie ist es möglich, mag man sich fragen, jederzeit das zu erwarten, was sich so lange verzögert hat? Was so lange ausgeblieben ist, kann noch länger ausbleiben. Für die ersten Christen, denen die Erfahrung des langen Daseins der Kirche hier auf Erden noch fehlte, war das Ausschauen nach Christus wohl möglich; wir jedoch können nicht umhin, unseren Verstand zu gebrauchen: es gibt heute nicht mehr Gründe, Christus zu erwarten, als zu jenen vielen früheren Malen, da – wie die Geschichte zeigt – er nicht gekommen ist. Christen haben den Jüngsten Tag von jeher erwartet und sind immer enttäuscht worden. Sie haben zu ihrer Zeit Dinge, die sie für Anzeichen seines Kommens gehalten haben, sowie Seltsamkeiten gesehen, die sich mit etwas mehr Weltkenntnis und einer breiteren Erfahrung als Gegebenheiten herausgestellt hätten, die allen Zeiten eigen sind. Sie haben sich stets ohne gute Gründe geängstigt, sich in ihrer Engstirnigkeit Sorgen gemacht und auf ihre abergläubischen Vorstellungen vertraut. In welchem Zeitalter haben die Menschen nicht an das Herannahen des Jüngsten Gerichts geglaubt? Eine solche Erwartung gebiert und nährt jedoch nur Trägheit und Aberglauben und ist als reine Schwachheit abzutun.

Ich möchte nun versuchen, einiges in Erwiderung auf den soeben vorgetragenen Einwand zu sagen.

1. Zuallererst, wenn man darin einen Einwand gegen die Gewohnheit des fortwährenden Wartens sieht (um es in simplen Worten auszudrücken), dann geht dieser zu weit. Durchdenkt man ihn folgerichtig, dann dürfte kein Zeitalter jemals den Tag Christi erwarten; das Zeitalter, in dem er kommen wird (wann immer dies geschieht), sollte ihn nicht erwarten – gerade dies ist es ja, wovor er uns gewarnt hat. Er warnt uns nirgendwo vor dem, was verächtlich als Aberglaube bezeichnet wird; wohl aber warnt er uns vor hochmütiger Sicherheit. Wenn es wahr ist, dass die Christen ihn erwartet haben, als er nicht kam, dann ist ebenso wahr, dass die Welt ihn nicht erwarten wird, wenn er kommt. Wenn es wahr ist, dass die Christen Zeichen seiner Wiederkehr ausgemacht haben, als es solche nicht gab, dann ist ebenso wahr, dass die Welt die Zeichen seines Kommens nicht erkennen wird, wenn sie gegenwärtig sind. Seine Zeichen sind nicht so deutlich, als dass man nicht nach ihnen suchen müsste; nicht so deutlich, als dass man sich beim Suchen nicht irren könnte; so liegt die Wahl zwischen der Gefahr zu glauben, etwas zu sehen, was nicht ist, und der, das nicht zu sehen, was ist. Es stimmt, dass sich die Christen häufig und zu vielen Zeiten in der Annahme geirrt haben, die Wiederkunft Christi erkannt zu haben; aber es ist besser, tausendmal zu glauben, er komme, und er kommt nicht, als einmal zu glauben, er kommt nicht, und er kommt. Dies also ist der Unterschied zwischen der Schrift und der Welt; nach der Schrift zu urteilen, hieße, Christus jederzeit zu erwarten; nach der Welt zu erteilen, hieße, ihn niemals zu erwarten. Nun, eines Tages muss er kommen, früher oder später. Weltlich gesinnte Menschen spotten jetzt über das Versagen unseres Wahrnehmungsvermögens; doch auf wessen Seite wird dann der Mangel an Erkenntnis liegen und auf wessen Seite der Triumph? Und wie denkt Christus über ihren derzeitigen Spott? Durch seinen Apostel warnt er uns ausdrücklich vor Spöttern, die sagen: „Wo bleibt seine verheißene Ankunft? Seitdem die Väter entschlafen sind, bleibt alles wie von Anfang der Schöpfung an ... Dies eine aber, Geliebte (fährt Petrus fort), darf euch nicht entgehen: Ein Tag ist bei dem Herrn wie tausend Jahre und tausend Jahre sind wie ein Tag" (2 Petr 3, 4.8).

Man sollte sich auch daran erinnern, dass die Feinde Christi den Untergang seiner Religion schon immer erwartet haben, von einem Zeitalter zum nächsten; und ich kann nicht sehen, dass die eine Erwartung unvernünftiger ist als die andere; in Wirklichkeit erklären beide einander. So ist es nun mal: keineswegs entmutigt vom Nichteintreffen früherer Voraussagen, erwarten Ungläubige stets, dass es mit der Kirche und deren Religion zu Ende geht. So dachten sie im vergangenen Jahrhundert, so denken sie heute. Sie meinen immer, das Licht der Wahrheit sei am Erlöschen und die Stunde ihres Sieges gekommen. Nun, ich wiederhole mich: ich kann nicht sehen, warum es vernünftig sein soll, den Niedergang der Religion nach wie vor zu erwarten, nach so vielen Fehlschlägen; und andererseits, trotz früherer Enttäuschungen, unvernünftig, das Kommen Christi zu erwarten. Vielmehr können die Christen, über das Aussehen der Dinge hinaus, zumindest auf ein ausdrückliches Versprechen Christi hinweisen, dass er eines Tages wiederkommen werde; wohingegen die Ungläubigen vermutlich keinerlei Gründe für die Erwartung ihres eigenen Triumphs vorbringen, es sei denn, die Zeichen der Zeit. Sie sind zuversichtlich, weil sie sich so stark wähnen und die Kirche Gottes so schwach scheint; doch haben sie ihren Horizont durch die Betrachtung der Vergangenheit noch nicht ausreichend erweitert, um zu erkennen, dass eine solch scheinbare Stärke auf der einen Seite und eine solch scheinbare Schwäche auf der anderen schon immer der Zustand von Welt und Kirche gewesen sind; und dass dies schon immer ein oder vielmehr der Hauptgrund dafür war, warum Christen das sofortige Ende aller Dinge erwartet haben, weil die Aussichten für die Religion so düster waren. So haben sich in der Tat Christen und Ungläubige genau dieselbe Betrachtungsweise des Sachverhaltes zu eigen gemacht, nur haben sie, entsprechend ihrem Credo, unterschiedliche Schlüsse daraus gezogen. Der Christ sagt: „Alles sieht so verworren aus, dass die Welt untergeht", und der Ungläubige sagt: „Alles ist so verworren, dass die Kirche untergeht." Dabei enthält die eine Meinung sicherlich nicht mehr Aberglauben als die andere.

Wenn sich nun Christen und Ungläubige auf diese Weise zusammenfinden und im Wesentlichen das Gleiche erwarten, obwohl sie es, ihrer jeweiligen Denkweise entsprechend, unterschiedlich sehen, dann kann in der Erwartung an sich nichts besonders Abwegiges liegen; dann muss es in der Welt etwas stets Gegenwärtiges geben, das dazu berechtigt. Und ich behaupte, dies ist der Fall. Seitdem das Christentum Einzug in diese Welt gehalten hat, war es in gewissem Sinne stets dabei, sie wieder zu verlassen. Es entspricht so gar nicht der menschlichen Neigung, es ist so geistbezogen und der Mensch so irdisch gesinnt; es ist scheinbar so wehrlos und hat so viele starke Feinde, so viele falsche Freunde, dass jedes anbrechende Zeitalter als „Endzeit" bezeichnet werden kann. Es hat große Siege errungen und großartige Werke vollbracht; doch hat es dies alles, wie der Apostel von sich selbst sagt, „in Schwachheit und Furcht und Zittern" (1 Kor 2, 3) getan. Wie es kommt, dass es stets versagt und doch stets fortbesteht, weiß nur Gott allein, der es so will – aber so ist es; und es ist kein Widerspruch, einerseits zu sagen, dass es achtzehnhundert Jahre überdauert hat und noch viele Jahre weiter bestehen mag, und andererseits, dass es dennoch dem Ende entgegengeht, ja, durchaus täglich zu Ende gehen kann. Und Gott will, dass wir unseren Verstand und unser Herz der letzteren der beiden Möglichkeiten zuwenden und sie den Eindrücken von dieser Seite öffnen, nämlich, dass das Ende im Kommen ist – denn es ist heilsam so zu leben, als käme das, was jeden Tag kommen kann, in unseren Tagen.

In den Zeiten vor der ersten Ankunft Christi war dies anders. Der Erlöser sollte kommen. Er sollte die Vollkommenheit bringen, und die Religion sollte dieser Vollkommenheit entgegenwachsen. Ein geordnetes Ganzes von Offenbarungen vollzog sich, eine folgte der anderen; jeder Prophet fügte dem Schatz der göttlichen Wahrheit etwas hinzu, der allmählich dem vollen Evangelium zustrebte. Durch das prophetische Wort wurde den gläubig Gesinnten vor Christi Kommen die Zeit zugemessen, so dass er nie zu einem früheren Zeitpunkt erwartet werden konnte als der „Fülle der Zeit", da er kam. Dem auserwählten Volk war nicht aufgegeben, ihn sofort zu erwarten; doch nach einem Aufenthalt in Kanaan, einer Gefangenschaft in Ägypten, einer Wanderung durch die Wüste, nach Richtern, Königen und Propheten wurden schließlich siebzig lange Wochen dazu bestimmt, ihn in die Welt einzuführen. Auf diese Weise, so möchte ich meinen, wurde seine verspätete Ankunft damals akzeptiert; und während seiner Verspätung dienten andere Lehren und andere Vorschriften zur zwischenzeitlichen Überbrückung. Nachdem aber Christus einmal gekommen war, als Sohn über sein eigenes Haus und mit seinem vollkommenen Evangelium, blieb ihm nur noch Eines – seine Heiligen um sich zu sammeln. Es konnte kein höherer Priester mehr kommen und keine wahrere Lehre. Das Licht und Leben der Menschen war erschienen, hatte gelitten und war auferstanden; darüber hinaus gab es nichts mehr zu tun. Die Welt hatte ihr feierlichstes Ereignis erlebt und ihren erhabensten Anblick genossen; und deshalb war es das Ende der Zeiten. Folglich wird, wenn sich auch zwischen die erste und die zweite Ankunft Christi ein Zeitraum eingeschoben hat, dieser (wenn ich so sagen darf) im Plan des Evangeliums nicht akzeptiert, ist vielmehr gleichsam eine Zufälligkeit. Denn es war so, dass bis zur Ankunft Christi im Fleisch der Lauf der Dinge in gerader Linie zu diesem Ende hinführte und ihm mit jedem Schritt näher kam; doch nun, unter dem Evangelium, hat dieser Lauf (wenn ich so sagen darf) im Hinblick auf seine zweite Ankunft eine andere Richtung genommen und bewegt sich nicht mehr auf das Ende zu, sondern an diesem, an seinem Rand entlang; und er ist zu allen Zeiten jenem großen Ereignis, in das er unvermittelt hineinliefe, würde er sich darauf zubewegen, gleich nahe. Christus steht also immer vor unserer Tür, vor achtzehnhundert Jahren genauso nahe wie heute und heute nicht näher als damals; und wenn er kommt, nicht näher als heute. Wenn er sagt, dass er bald kommen werde, dann bezeichnet „bald" keine zeitliche Größe, sondern eine natürliche Reihenfolge. Dieser gegenwärtige Zustand der Dinge, „die gegenwärtige Bedrängnis", wie Paulus ihn nennt, liegt stets kurz vor der nächsten Welt und löst sich in sie auf – wie wenn ein Mensch, den man aufgegeben hat, jeden Augenblick sterben kann, dieses Sterben aber noch hinauszögert; wie ein Sprengkörper, der jeden Augenblick detonieren kann und es zu einem bestimmten Zeitpunkt muss; wie wenn wir auf den Schlag einer Glocke warten, der uns dann doch überrascht; wie ein hängendes, bröckelndes Gewölbe, von dem wir nicht wissen, ob es noch hält und unter dem man nicht sicher hindurchgehen kann; so schleppt sich diese schwache, müde Welt dahin und wird eines Tages, ehe wir uns versehen, ihr Ende finden.

An dieser Stelle darf ich beiläufig einiges bemerken zu dem somit auf die Lehre fallenden Licht, dass nämlich Christus der einzige Priester unter dem Evangelium ist, dass die Apostel für immer auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten oder dass Christus allezeit bei ihnen ist, ja bis ans Ende der Welt. Spürt Ihr nicht die Kraft dieser Worte? Im Alten Bund gab es zwar „mannigfache Zeiten", die „auf vielerlei Weise" geordnet waren; es gab eine lange Reihe von Priestern und eine wechselvolle Geschichte zu verzeichnen; ein Teil dieser Reihe war heiliger als ein anderer und dem Himmel näher. Als aber Christus gekommen war, gelitten hatte und zum Himmel aufgefahren war, war er uns von da an jederzeit nahe, jederzeit zur Stelle, obwohl er nicht wirklich zurückgekehrt ist, doch gleichsam soeben gegangen und fast schon wiederkommend. Er ist der einzige Herrscher und Priester seiner Kirche, der Gaben austeilt und niemand ernannt hat, seine Stelle einzunehmen, weil er nur für kurze Zeit gegangen ist. Aaron hat die Stelle Christi eingenommen und ein ihm eigenes Priesteramt bekleidet; die Priester Christi hingegen bekleiden kein Priestertum außer dem seinigen. Sie sind lediglich seine Schatten und Werkzeuge, sie sind seine äußeren Zeichen; was sie tun, tut er; wenn sie taufen, tauft er; wenn sie segnen, segnet er. Er ist in allen Handlungen seiner Kirche und keine ihrer Handlungen ist wahrlich mehr die seine als eine andere, weil alle die seinen sind. So sind wir in allen Zeiten des Evangeliums seinem Kreuz nahe. Wir stehen gleichsam unter ihm und empfangen seine Segnungen frisch von ihm; nur ist seit damals, historisch gesehen, die Zeit fortgeschritten, und der Heilige ist gegangen, und es bedarf gewisser äußerer Formen, uns erneut unter seinen Schatten zu bringen; und wir erfreuen uns dieser Segnungen durch ein Geheimnis oder auf sakramentale Weise, um uns ihrer wirklich erfreuen zu können. All dies bezeugt die Verpflichtung, Christus gleichermaßen im Gedächtnis zu bewahren und nach ihm Ausschau zu halten, und es lehrt uns, die Gegenwart gering zu achten, uns auf keine Pläne zu verlassen, keine Zukunftshoffnungen zu hegen, sondern so im Glauben zu leben, als hätte er uns nicht verlassen, so in der Hoffnung, als sei er zu uns zurückgekehrt. Wir müssen versuchen so zu leben, als lebten die Apostel, und wir müssen versuchen, über das Leben unseres Herrn in den Evangelien nachzusinnen, nicht wie über eine Geschichte, sondern wie über unsere persönlichen Erinnerungen.

2. Dies veranlasst mich, etwas zu einem zweiten Aspekt zu sagen, unter dem der in Rede stehende Einwand erhoben werden kann, dass nämlich der bloße Gedanke dieses Wartens auf Christus nicht nur unsinnig ist, sondern das Warten zum Aberglauben und zur Schwachheit wird, wann immer es vollzogen wird. Der Geist, der intensiv mit dem Gedanken einer nahe bevorstehenden, Furcht einflößenden Heimsuchung beschäftigt ist, beginnt, sich Anzeichen dafür in der natürlichen und sittlichen Welt einzubilden und missdeutet gewöhnliche Geschehnisse der göttlichen Vorsehung als Wunder. Auf diese Weise geraten Christen in Knechtschaft und ersetzen das Evangelium durch eine törichte Religion, in der die Einbildung an die Stelle des Glaubens tritt und sichtbare und irdische Dinge an die Stelle der Heiligen Schrift. Dies ist der Einwand; wiewohl aber der Schrifttext auf der anderen Seite die Erwartungen mit den Worten „Ja, ich komme bald!" gutheißt, heißt er gewiss auch die Haltung des Wartens gut, indem er hinzufügt: „Amen! Komm, Herr Jesus!".

Ich möchte also bemerken, dass, obgleich sich die Christen täuschen konnten in dem, was sie als Zeichen der Wiederkunft Christi deuteten, sie doch nicht fehl gingen mit ihrer Geisteshaltung; sie irrten nicht in ihrem Ausschauhalten, ihrer Ausschau nach Christus. Ob leichtgläubig oder nicht, sie handelten nur wie einer auf Erden gegenüber jemand handelt, den er liebt, verehrt oder bewundert. Vergegenwärtigen wir uns die Art und Weise, in der redliche Menschen zu einem guten Herrscher aufschauen; landauf, landab erzählt man Geschichten, die für ihn sprechen; die Leute schätzen sich glücklich in dem Glauben, dass ihnen Zeichen seiner Wohltätigkeit, seines Edelmuts oder seiner väterlichen Liebe begegnet sind. Viele dieser Erzählungen entsprechen nicht der Wahrheit, andere hingegen sind wahr, und alles in allem sollten wir keine hohe Meinung von jenem Menschen haben, der, anstatt von dieser gegenseitigen Zuneigung zwischen Herrscher und Volk gerührt zu sein, nur damit beschäftigt ist, dessen von ihm so bezeichnete Leichtgläubigkeit zu bemäkeln und die Richtigkeit dieser oder jener einzelnen Geschichte peinlich genau zu überprüfen. Wahrhaftig etwas Großartiges, immerhin, in der Lage zu sein, ein paar falsche Darstellungen ausfindig zu machen und ein paar Erfindungen aufzudecken und dabei herzlos zu sein! Und fürwahr auf der anderen Seite, nach meiner Vermutung, ein beklagenswerter Mangel bei jenen, nur im Großen und Ganzen recht zu haben, nicht in jedem Detail, dafür aber das Herz auf dem rechten Fleck zu haben! Wer würde einen solchen Mann um sein Wissen beneiden? – wer möchte nicht lieber unwissend wie jene Leute sein? Ebenso möchte ich lieber der sein, der aus Liebe zu Christus und aus Mangel an Wissen eine ungewöhnliche Erscheinung am Himmel, einen Kometen oder Meteor, für ein Zeichen seiner Wiederkunft hält, als der, der aus größerem Wissen heraus, aber aus Mangel an Liebe diesen Irrtum belacht.

In früheren Zeiten haben fromme Menschen Erscheinungen am Himmel, die uns heute überhaupt nicht mehr erschrecken, für Zeichen der Wiederkunft Christi gehalten. Und wennschon? – Schauen wir uns den Sachverhalt genauer an. In alten Zeiten war es nicht allgemein bekannt, dass sich bestimmte Himmelskörper bewegen und zu bestimmten Zeitpunkten regelmäßig erscheinen; heute weiß man das, d.h. die Menschen von heute sind diese Erscheinungen gewöhnt, damals waren sie es nicht. Heute wissen wir genausowenig wie damals, wie sie erscheinen oder warum; damals aber erschraken die Menschen, als sie sie sahen, weil sie ihnen fremd waren; heute sind sie ihnen nicht mehr fremd, und deshalb erschrecken die Leute nicht mehr. Aber wieso war es deshalb absurd und lächerlich (denn so redet man heute darüber), warum war ein Mensch, der von etwas Seltsamem und Fremdartigem beeindruckt war, albern und töricht? Nehmen wir einen vergleichbaren Fall: Reisen ist heute etwas Alltägliches, früher war es das nicht. Folglich treten wir heute eine Reise an und trennen uns ohne ernste Gefühlsregungen von unseren Freunden; damals jedoch, eben weil es etwas Ungewöhnliches war, auch wenn die Gefahren dieselben und die Abwesenheit von gleicher Dauer waren, gingen die Leute nicht ohne große Vorbereitungen, viele Gebete und langes Abschiednehmen von Zuhause weg. Ich sehe nichts besonders Tadelnswertes darin, von ungewöhnlichen Dingen mehr beeindruckt zu sein als von gewöhnlichen.

Ihr werdet feststellen, dass in dem Fall, von dem ich rede, die Menschen, die nach Christus Ausschau halten, nicht nur auf Grund der Tatsache, dass sie Ausschau halten, ihm gegenüber gehorsam handeln, sondern dass sie – durch die Art, wie sie Ausschau halten, durch eben die Zeichen, nach denen sie ausschauen – ihm im Ausschauen Gehorsam erweisen. Von Anfang an haben die Christen stets anhand von Zeichen der natürlichen und sittlichen Welt nach Christus ausgeschaut. Sofern sie arm und ungebildet waren, haben sie fremdartige Erscheinungen am Himmel, Erdbeben, Stürme, Missernten, Krankheiten oder sonst welche ungeheuren und unnatürlichen Dinge auf den Gedanken gebracht, er sei nahe. Waren sie imstande, einen Einblick in die soziale und politische Welt zu gewinnen, dann erwiesen sich die Probleme der Staaten – Kriege, Umstürze und Ähnliches – als zusätzliche Umstände, sie zu beeindrucken und ihre Herzen für Christus wach zu halten. Nun sind aber all diese Dinge genau diejenigen, auf die zu achten er uns aufgetragen und uns als Zeichen seiner Wiederkunft gegeben hat. „Es werden", so sagt er, „Zeichen an Sonne, Mond und Sternen eintreten und auf der Erde Angst unter den Völkern und Ratlosigkeit über das Tosen des Meeres und der Wogen. Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung dessen, was über den Erdkreis kommen wird; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden ... Wenn alles das beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter; denn es naht eure Erlösung" (Lk 21, 25-26.28). Eines Tages werden die Lichter am Himmel Zeichen sein; eines Tages werden auch die Ereignisse unter den Völkern Zeichen sein; warum also ist es abergläubisch, auf sie zu achten? Dies ist kein Aberglaube. Wir mögen uns in den Einzelheiten, auf die wir uns stützen, täuschen und dabei unsere Unwissenheit zu erkennen geben; doch liegt in unserem Unwissen nichts Lächerliches oder Verächtliches, in unserem Harren jedoch viel Frömmigkeit. Es ist besser, in unserer Wachsamkeit zu irren als überhaupt nicht wachsam zu sein.

Es lässt sich auch nicht folgern, dass sich die Christen mit ihren besonderen Erwartungen getäuscht haben, obwohl Christus nicht kam, sie aber behaupteten, sie sähen seine Zeichen. Vielleicht waren es seine Zeichen, und er hat sie wieder zurückgenommen. Gibt es nicht so etwas wie Widerrufung? Sagen nicht manchmal in weltlichen Dingen bewanderte Männer Dinge voraus, die sich als falsch erweisen, und dennoch sagen wir von ihnen, sie hätten eigentlich recht haben müssen. Der Himmel verdüstert sich und hellt sich dann wieder auf. Oder ein militärischer Führer schickt seine Männer nach vorne, ruft sie dann aber aus irgendeinem Grund wieder zurück; können wir sagen, dass die Berichterstatter, welche die Nachricht von seinem Vorrücken überbracht haben, Unrecht hatten? Nun, in gewisser Hinsicht befiehlt Christus die himmlischen Heerscharen immer nach vorn und ruft sie immer wieder zurück. Die Schaumkronen auf den Wellenkämmen zeigen sich stets von neuem und verschwinden immer wieder. „Die Wolken kehren nach dem Regen wieder" (Koh 12, 2), und seine Diener haben nicht Unrecht, wenn sie nach ihnen zeigen und sagen, dass das Wetter umschlägt, obwohl es gar nicht umschlägt, denn es ist immer unbeständig.

Etwas anderes wäre noch zu bemerken: dass nämlich die Christen, wiewohl sie Christus schon immer erwartet und schon immer auf seine Zeichen verwiesen haben, nie behauptet haben, er sei gekommen. Sie haben lediglich gesagt, er sei im Kommen, kurz davor. So war und ist es mit ihm. Schwärmer, Sektierer, anmaßende Phantasten, sie haben gesagt, dass er wirklich gekommen sei, oder sie haben das genaue Jahr und den Tag benannt, an dem er kommen werde. Nicht so seine demütigen Jünger! Sie haben ihn weder angekündigt noch nach ihm gesucht, weder in der Wüste noch in verborgenen Gemächern, noch haben sie versucht, „die Zeit und Stunde zu bestimmen, die der Vater in seiner Vollmacht festgesetzt hat" (Apg 1, 7). Sie haben nur gewartet; wenn er tatsächlich kommt, werden sie ihn erkennen; im Voraus äußern sie sich jedoch nicht. Sie sehen nur seine Vorboten.

Wo die Menschen religiös sind, kann kein großer Schaden entstehen und nichts völlig Lächerliches darin liegen, dass sie die Geschehnisse ihrer Tage für mehr als gewöhnlich halten und sich einbilden, die Dinge der Welt gingen dem Ende entgegen und die Ereignisse verdichteten sich zu einer letzten Heimsuchung; denn, lasst mich dies bemerken, die Schrift heißt es gut, dass wir alles, was wir in der Welt sehen, in einem religiösen Sinn und so deuten, als wären alle Dinge Zeichen und Offenbarungen Christi, seiner Vorsehung und seines Willens. Ich meine, wenn diese Welt hier unten ihren eigenen Weg zu gehen scheint, unabhängig von ihm, gelenkt von festen Gesetzen oder beherrscht von gesetzlosen Herzen, dennoch eines Tages auf schreckliche Weise seine Wiederkunft zum Gericht verkünden wird, dann ist es sicherlich nicht unmöglich, dass dieselbe Welt in ihrer physischen Ordnung wie in ihrem zeitlichen Ablauf auch auf andere Weise von ihm redet. Zunächst könnte man wohl einwenden, dass diese Welt immer nur in einer ihm widersprechenden Sprache geredet hat; dass sie in der Schrift beschrieben wird als im Gegensatz zu Gott, zu Wahrheit, zum Glauben und zum Himmel stehend; dass es heißt, sie sei ein trügerischer Schleier, der die Dinge falsch darstellt und die Seele von Gott fernhält. Wie kann dann, so mag man sich fragen, diese Welt Zeichen seiner Gegenwart aufweisen oder uns ihm näher bringen? Gewiss ist es aber so, dass er trotz des Bösen in der Welt dennoch in ihr ist und durch sie spricht, wenn auch nicht mit lauter Stimme. Als er im Fleisch kam, „war er in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, und die Welt hat ihn nicht erkannt" (Joh 1, 10). Er eiferte auch nicht, noch lärmte er, noch ließ er seine Stimme auf den Straßen hören (Jes 42, 2). So verhält es sich auch jetzt. Er ist immer noch hier; er flüstert uns immer noch zu, er gibt uns immer noch Zeichen. Aber seine Stimme ist so leise, und das Getöse der Welt so laut; seine Zeichen sind so verborgen, und die Welt ist so ruhelos, dass es schwierig ist festzustellen, wann er uns anspricht und was er uns sagt. Fromme Menschen können auf unterschiedliche Art nur spüren, dass seine Vorsehung aufs Ganze gesehen sie persönlich leitet und segnet; wenn sie jedoch versuchen, den Finger auf die Zeiten und Orte zu legen, verschwinden die Spuren seiner Gegenwart. Wer ist beispielsweise nicht schon so mit Antworten auf sein Gebet beschenkt worden, dass er zum betreffenden Zeitpunkt das Gefühl hatte, er könne nie wieder ungläubig werden? Wem sind im Laufe seines Lebens nicht seltsame Fügungen begegnet, die ihm auf überwältigende Weise die Hand Gottes erkennen ließen? Wen haben nicht schon Gedanken mit einer gleichsam geheimnisvollen Kraft befallen, die ihn warnten und leiteten? Manche Menschen erfahren vielleicht noch merkwürdigere Dinge. Schon früher sind wunderbare Werke der Vorsehung durch Träume herbeigeführt worden; oder der allmächtige Gott hat auf eine andere, noch viel ungewöhnlichere Art und Weise eingegriffen. Und wiederum nehmen Dinge, die uns vor die Augen kommen, in solch einer Weise die Form von Symbolen oder Zeichen sittlicher oder künftiger Dinge an, dass der Geist in uns sich nur danach strecken und erahnen kann, was ihm vom Gesehenen her nicht zugänglich wird. Manchmal erfüllen sich diese Ahnungen schließlich auf merkwürdige Weise. Und wiederum sind die Geschicke der Menschen so einzigartig verschieden, als umschlösse ein Gesetz des Erfolges und des Wohlstands die einen und ein gegenteiliges die anderen. Weil dem so ist und die Unermesslichkeit und das Geheimnisvolle der Welt sich uns aufdrängen, können wir wohl auf den Gedanken kommen, dass es hier auf Erden nichts gibt, das nicht möglicherweise in einem Zusammenhang zu allem anderen steht; zwischen den entferntesten Geschehnissen kann gleichwohl eine Verbindung bestehen, das Niedrigste und das Höchste können Teil eines Ganzen sein; und Gott kann uns lehren und uns Einblick in seine Wege gewähren, wenn wir nur in den alltäglichen Dingen des Lebens unsere Augen offen halten. Das ist es, was nachdenkliche Menschen mehr und mehr glauben; sie fangen an, eine Art Glauben an die (so genannten) Zufälligkeiten des Lebens zu hegen und eine Bereitschaft, Eindrücke aus ihnen zu gewinnen, die leicht ein Übermaß annehmen kann und die, übermäßig oder nicht, von der Welt im Ganzen sicher als Aberglaube ins Lächerliche gezogen wird. Doch wenn wir bedenken, was die Schrift uns sagt, dass sogar die Haare auf unserem Kopf alle von Gott gezählt sind, dass alles unser sei und alle Dinge zu unserem Guten zusammenwirken, so ermutigt uns dies gewiss, auf diese Weise in allem was geschieht, mag es noch so belanglos sein, nach seiner Gegenwart auszuschauen und die Meinung zu vertreten, dass für religiöse Ohren selbst die schlechte Welt von ihm kündet.

Gleichwohl meine ich, dass dieses fromme fortwährende Harren auf Gott, das jenem Geist der Wachsamkeit, über den wir sprechen, so sehr gleicht, in gleichem Maße dem Widerspruch und dem Spott der Welt ausgesetzt ist. Gott spricht durch die Geschehnisse des Lebens nicht so zu uns, dass wir andere von seinem Sprechen überzeugen können. Er handelt nicht nach solch eindeutigen Gesetzen, dass wir mit Gewissheit über sie reden können. Er gibt uns genügend Zeichen von sich, so dass wir unseren Geist in Ehrfurcht zu ihm erheben können; aber er scheint das, was er gemacht hat, so häufig ungeschehen zu machen und Verfälschungen seiner Zeichen hinzunehmen, dass die Überzeugung von seiner wunderwirkenden Gegenwart allenfalls im einzelnen Menschen vorhanden sein kann. Es ist keine Wahrheit, die vor Menschen gelehrt und erkannt werden kann; sie ist nicht so geartet, dass sie der ganzen Welt, ja nicht einmal religiösen Menschen, als Prinzip eingeschärft werden kann. Gott gibt uns genug, was uns suchen und hoffen lässt, aber nicht genug, um darauf zu beharren und dafür zu streiten.

In meinen bisherigen Ausführungen habe ich durchwegs von nachdenklichen und gewissenhaften Menschen gesprochen, von solchen, die ihre Pflicht tun und über die Heilige Schrift nachsinnen. Ganz sicher aber ist, dass diese Bezogenheit auf äußerliche Geschehnisse zum Aberglauben wird, wenn sie sich bei Menschen findet, die ein unreligiöses Leben führen oder nur dürftige Kenntnisse der Schrift besitzen. Die größte und wichtigste Offenbarung seines Willens, die uns Gott geschenkt hat, vollzieht sich durch Christus und seine Apostel. Sie haben uns die Erkenntnis der Wahrheit verliehen; sie haben himmlische Grundsätze und Lehren in die Welt gesandt; sie haben dieser geoffenbarten Wahrheit göttliche Sakramente an die Seite gegeben, die dem Herzen das vermitteln, was sonst ein bloß äußeres und unfruchtbares Wissen bliebe; und sie haben uns aufgetragen, uns in dem zu üben, was wir wissen, und das zu befolgen, was man uns lehrt, damit das Wort Christi in uns Gestalt annehme und wohne. Zudem wurden sie inspiriert, die heiligen Schriften uns zur Belehrung und zum Trost zu schreiben; und in diesen Schriften finden wir die Geschichte dieser Welt nach einem himmlischen Gesetz für uns gedeutet. Wenn nun ein Mensch, der auf diese Weise innerlich geformt und gestärkt ist, mit diesen lebendigen Grundsätzen in seinem Herzen, mit diesem festen Halt und auf das Unsichtbare gerichteten Blick, mit Neigungen, Meinungen, Ansichten und Zielen, die nach Gottes geoffenbartem Gesetz geformt sind, sich in der Welt umsieht, dann sucht er in dieser Welt nach keiner Offenbarung – er hat bereits eine. Er nimmt seine Religion nicht von der Welt, noch misst er den Anzeichen und Vorzeichen, die er in ihr sieht, zu großen Wert bei. Ganz anders liegt der Fall bei jemandem, der von der geoffenbarten Wahrheit nicht so erleuchtet und beseelt ist. Dann ist er nur ein Opfer, wird er zum Sklaven der Geschehnisse und Ereignisse, der Bilder und Laute, der Vorzeichen und Wunderdinge, die ihm in der natürlichen und sittlichen Welt begegnen. Seine Religion ist eine Knechtschaft an das Vergängliche, eine Vergötterung der Schöpfung und Aberglaube im schlimmsten Sinne des Wortes. Von daher ist nichts Ungewöhnliches an der Feststellung, dass unreligiöse Menschen äußerst empfänglich für den Aberglauben sind. Denn sie haben eine böse Ahnung, dass es irgendwo etwas Großes und Göttliches gibt; und da sie dieses nicht in sich tragen, bereitet es ihnen keine Schwierigkeiten zu glauben, dass es sich sonstwo befindet, wo immer Menschen behaupten, es zu besitzen. So finden sich in der Geschichte hochgestellte Persönlichkeiten, die gesetzeswidrige Künste ausüben, angebliche Zauberer befragen oder der Astrologie Bedeutung beimessen. Andere hatten ihre Glückstage und Unglückstage; wieder andere waren Opfer ihrer Träume oder anderer müßiger Einbildungen. Und es gibt auch solche, die sich vor Götzen verbeugen, weil sie keine Prinzipien, keine Wurzeln in sich haben. Auch kennen sie die Schrift nicht, in der Gott in seinem großen Erbarmen den Schleier von einem Teil der Weltgeschichte weggenommen hat, damit wir sehen können, wie er wirkt. Die Schrift ist der Schlüssel, der uns die Deutung der Welt erschließt; jene aber, die ihn nicht besitzen, irren inmitten der Schatten der Welt umher und deuten die Dinge nach Belieben.

Derselbe Mangel eines inneren religiösen Prinzips zeigt sich in der leichtfertigen, sinnlosen Art, in der so viele Menschen falsche Formen des religiösen Bekenntnisses annehmen. Wer das Licht Christi in sich trägt, hört die Stimme schwärmerischer, irrender, eigenwilliger oder heuchlerischer Menschen, die ihn auffordert, ihnen zu folgen, ohne sich davon ergreifen zu lassen. Ist sich aber jemand bewusst, ein willentlicher Sünder und nicht im Frieden mit Gott zu sein, spricht sein eigenes Herz gegen ihn und hat er keine Grundsätze und inneren Halt, dann wird er zum Opfer des Erstbesten, der mit starken Worten an ihn herantritt und ihn heißt, an ihn zu glauben. Daher werdet ihr viele Menschen finden, die bereitwillig anderen nachlaufen, die vorgeben, Wunder zu wirken, die die Kirche als abtrünnig verunglimpfen oder behaupten, dass nur die gerettet werden, die mit ihnen übereinstimmen, oder jedem Beliebigen folgen, der, ohne jegliche Gewähr, recht zu haben, selbstsicher daherredet. Deshalb sind so viele einfache Leute gegenüber plötzlichen Warnsignalen so empfänglich. Man hört, dass sie auf eine haltlose Prophezeiung hin, der Tag des Gerichts sei nahe, die Stadt in Scharen verlassen. Folglich sind so viele aus den niederen und zurückgezogen lebenden Schichten der Gesellschaft so voll von kleinen abergläubischen Vorstellungen, die ob ihrer Bedeutungslosigkeit nicht erwähnenswert sind; und dies alles nur deshalb, weil das Licht der Wahrheit nicht in den Herzen dieser Menschen brennt.

Der wahre Christ hingegen ist keiner von ihnen. Auf ihn treffen die Worte des heiligen Paulus zu: „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles nützt mir! Alles ist mir erlaubt, aber ich werde mich von nichts beherrschen lassen" (1 Kor 6, 12). Er weiß „diese Welt zu gebrauchen wie einer, der sie nicht missbraucht" (1 Kor 7, 31). Er ist von nichts in dieser Welt abhängig. Er traut nicht ihren Ansichten als Gegensatz zum geoffenbarten Wort. „Du wirst im vollen Frieden erhalten den, der sein Herz auf dich gesetzt, denn er vertraut auf dich" (Jes 26, 3). Das ist das ihm gegebene Versprechen. Und wenn er suchenden Blickes in die Welt hineinschaut, dann nicht, um zu suchen, was er nicht kennt, sondern das zu suchen, was er kennt. Er sucht keinen Herrn und Erlöser. Er hat vor langer Zeit „den Messias gefunden" und er hält nach ihm Ausschau. Sein Herr selbst hat ihm geboten, in den Zeichen der Welt nach ihm auszuschauen, und deshalb tut er es. Sein Herr selbst hat ihm im Alten Bund gezeigt, wie er, der Herr der Herrlichkeit, sich erniedrigt und zu den Dingen des Himmels und der Erde herablässt. Er weiß, dass die Engel Gottes auf der Erde wandeln. Er weiß, dass sie einst sogar in menschlicher Gestalt zu kommen pflegten. Er weiß, dass der Sohn Gottes schon vor unserer Zeit auf die Erde gekommen ist. Er weiß, dass er seiner Kirche die Gegenwart einer wunderwirkenden Kraft versprochen und sein Versprechen niemals zurückgenommen hat. Auch liest er in der Offenbarung des Johannes wahrhaftig genug, nicht von Dingen, die ihm zeigen, was kommt, sondern von Dingen, die ihm zeigen, dass sich jetzt wie ehedem ein verborgener übernatürlicher Plan hinter der sichtbaren Szenerie vollzieht. Und darum schaut er aus nach Christus, nach seinen gegenwärtigen Fügungen und nach seiner Wiederkunft. Und obwohl er sich oft in seiner Erwartung täuscht und sich vorstellt, es kämen wunderbare Dinge über die Welt, bedient er sich, wenn sie doch nicht kommen der Worte des Propheten als Trost: „Auf meine Warte will ich treten; auf meinen Wachtturm mich stellen; ich will spähen und sehen, was er mir sagt und was ich antworten soll, wenn ich getadelt werde. Der Herr gab mir Antwort und sprach: ... Die Offenbarung liegt noch in der Ferne; doch drängt sie dem Ende zu und trügt nicht. Wenn sie sich verzögert, so harre auf sie; ja gewiss trifft sie ein und bleibt nicht aus! Sieh es vergeht, wer nicht rechtschaffen ist; der Gerechte aber bleibt am Leben seiner Treue wegen" (Hab 2, 1-4).

Geschäftsstelle

Regina Kochs
Im Burgblick 7a
79299 Wittnau
Deutschland

Kontakt

o. Univ.-Prof.
Mag. Dr. Roman Siebenrock
+43 512 507-8542

email

Mitglied werden

Beitrittserklärung

Suche

Internationale Deutsche Newman Gesellschaft e. V.

powered by webEdition CMS