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Man kann die Frage stellen: Wie ist es möglich so zu leben, als wäre die Wiederkunft Christi nicht mehr fern, wenn doch unser Verstand uns sagt, dass sie wahrscheinlich in der Ferne liegt? Auch kann der Einwand erhoben werden, dass es keine Gründe gibt, ihn heute mehr zu erwarten als in den letzten achtzehnhundert Jahren; wenn sein langes Ausbleiben ein Grund ist, seine Wiederkunft heute zu erwarten, dann war sein Versprechen einer baldigen Rückkehr auch ein Grund, sie in früheren Zeiten zu erwarten; und hat sich der eine Grund als nicht hinreichend erwiesen, so mag dies beim anderen ebenso sein; und hat Christus trotz seines Versprechens, bald zu kommen, so lange gezögert, dann kann er noch länger zögern; auch können keine Zeichen seiner Wiederkehr größer sein als jene, die bald nach seinem Weggang aus der Welt gegenwärtig waren; gewiss gibt es heute keine solchen Zeichen; vielmehr gab es sie in den ersten sieben Jahrhunderten, dann wieder um das Jahr 1000 und auch später in weitaus größerer Anzahl als heute – mehr Unruhe unter den Völkern, mehr Not, mehr Krankheit, mehr Terror. Man kann vorbringen, dass wir nicht nach Belieben hoffen, fürchten und warten dürfen, sondern dass wir dafür Gründe haben müssen; und dass wir, wenn wir nach reiflicher Überlegung zu der Überzeugung gelangt sind, dass Christi Wiederkunft unwahrscheinlich ist, wir uns nicht dem Gefühl hingeben können, sie sei wahrscheinlich.

Wenn ich nun, wie ich es vorhabe, diesem Einwand nachgehe, bietet sich mir vielleicht eine Gelegenheit, ein großes Prinzip darzulegen, das in der christlichen Pflichterfüllung gilt: die Unterwerfung aller geistigen Anlagen unter das Gesetz Gottes.

1. Ich bestreite also, dass unsere Gefühle und Neigungen nur von dem Diktat dessen angeregt werden, was wir gewöhnlich unter Vernunft verstehen; ganz und gar nicht, denn auf der anderen Seite ist nichts alltäglicher als zu sagen, dass die Vernunft einen Weg geht und unsere Wünsche einen anderen. Es ist daher nicht unmöglich, dass wir es uns zu Eigen machen, mit größerem Ernst nach dem Tag der Wiederkunft Christi Ausschau zu halten, als nach dem Urteil der Vernunft die Wahrscheinlichkeit dafür spricht. Wie die Vernunft für unsere Gefühle und Neigungen bis zu einem bestimmten Punkt ein rechter Wegweiser sein kann, so kann es auch Fälle geben, in denen sie uns infolge ihrer Schwäche nicht zu führen vermag; und wie es für sündige und unreligiöse Menschen nicht unmöglich ist, das zu mögen, was sie nach dem Geheiß ihrer Vernunft nicht mögen sollten, ist es auch für religiöse Menschen nicht unmöglich, das zu wünschen, zu erwarten und zu hoffen, was ihre Vernunft nicht gutheißen und akzeptieren kann. Was ist alltäglicher als die Leute sagen zu hören: „Ich liebe diesen Menschen mehr als ich ihn achte"? – oder „Ich bewundere ihn mehr als ich ihn liebe"? Und weiter: Wir wissen, wie leicht es ist, den Geist dem Einfluss einer gewissen Empfindung oder Gemütsbewegung zu öffnen, und wie schwierig es ist, sich einem solchen Einfluss zu entziehen; wie schwierig es ist, einen Gedanken aus dem Kopf zu bekommen, der nach dem Gebot der Vernunft keinen Zutritt erhalten sollte, sich uns aber immer wieder aufdrängt; wie schwierig es ist, Zorn, Angst oder andere Gefühlsäußerungen zu zügeln, die doch nach dem Gebot der Vernunft gezügelt werden sollten. Es ist also durchaus möglich, dass sich in uns Gefühle und Gedanken in einer Weise finden, die auf Grund ihrer Unverhältnismäßigkeit mit dem Urteil der Vernunft nicht in Einklang stehen. Oder nehmen wir ein anderes Beispiel. Wir wissen, wie unser Geist manchmal bei Dingen verweilt, die kaum möglich, total unvernünftig und oft falsch und gefährlich sind. Vieles kann geschehen, das eine vielleicht mit ebenso großer Wahrscheinlichkeit wie das andere; und doch passiert es uns oft, sei es aufgrund einer angegriffenen Gesundheit oder aus der Aufregung heraus, dass wir allzu sehr an eines dieser möglichen Ereignisse denken müssen und uns über die Maßen ängstigen, es könne eintreten. Ist etwas Schreckliches passiert, eine Feuersbrunst, ein Mord oder ein schlimmes Unglück, so fürchten sich die Leute, ihnen könne das gleiche zustoßen, und sie befürchten dies in einem Ausmaß, das weit über das hinausgeht, was aus rein rechnerischer Wahrscheinlichkeit gerechtfertigt ist. Ihre Einbildung vergrößert die Gefahr; sie schaffen es nicht, die Dinge ruhig und entsprechend ihrem üblichen Gang zu betrachten. Sie richten ihr Denken auf die eine theoretische Möglichkeit in einer Weise, die ganz im Gegensatz zu dem steht, was die Vernunft nahe legt. So werden unsere Empfindungen keineswegs von der strikten Wahrscheinlichkeit der Dinge gelenkt; eher ist das Gegenteil die Regel. Was der allmächtige Gott also von uns verlangt, ist dies, dass wir das eine Mal um seinetwillen das tun, was wir sonst gewohnheitsmäßig aus Nachsicht gegenüber unserer eigenen Launenhaftigkeit und Schwäche tun: die Wiederkunft unseres Herrn mehr zu erhoffen, zu fürchten und zu erwarten, als es die Vernunft gutheißt, und in einer Weise, die sein Wort allein rechtfertigt, d.h. ihm mehr zu vertrauen als unserer Vernunft. Ihr meint, es sei nicht wahrscheinlich, dass Christus in dieser Zeit kommen wird, und deshalb könntet ihr seine Wiederkunft nicht erwarten. Nun, ich aber behaupte, ihr könnt sie erwarten. Ihr müsst fühlen, es besteht eine Möglichkeit, dass er kommt. Also gut, denkt über diese Möglichkeit nach; öffnet dieser Möglichkeit euren Geist; zieht sie genauso in Betracht, wie ihr so häufig die Möglichkeit einer Feuersbrunst, einer Gefahr auf See oder zu Lande oder durch Diebe in Betracht zieht. Unser Herr sagt, er werde kommen wie ein Dieb in der Nacht. Nun wisst ihr aber, dass wenn ein aufsehenerregender Raub geschehen ist, die Leute viel größere Angst haben, als es der Wahrscheinlichkeit einer sie persönlich betreffenden Beraubung entspricht. Sie werden von der Vorstellung verfolgt; es mag ja sein, dass die Wahrscheinlichkeit eines Einbruchs in ihr eigenes Haus nur gering ist, aber die Sache an sich ist für sie ein Gegenstand großer Besorgnis, und sie denken mehr an die Kümmernis des befürchteten Ereignisses, sollte es denn eintreten, als an die geringe Wahrscheinlichkeit, dass es eintritt. Die Gefahr lässt ihnen keine Ruhe. Ähnlich verhält es sich mit der Wiederkunft Christi; ich will nicht sagen, der Gedanke daran müsse uns in Aufregung versetzen oder verwirren oder völlig in Anspruch nehmen, aber die lange Zeit des Nichtgeschehens darf uns nicht dazu verleiten, nicht danach auszuschauen. „Und wenn es sich verzögert, so warte darauf" (Hab 2, 3). Wenn er es uns als Pflicht aufgibt, die Aussicht auf seine Wiederkunft in unsere Vorstellung einzuprägen, verlangt er von uns nichts Schwieriges, d.h. nichts Schwieriges für einen willigen Geist; was wir aber tun können, das müssen wir tun.

2. Das ist es, was uns zuerst in den Sinn kommt, doch es öffnet den Weg für weitere Gedanken. Bedenken wir nur, was ist der Glaube anderes als eine Annahme unsichtbarer Dinge, aus Liebe zu ihnen, jenseits rechnerischer oder erfahrungsmäßiger Feststellungen? Der Glaube geht über den Vernunftbeweis hinaus. Wenn nur eine angemessene Möglichkeit besteht, dass die Bibel wahr ist, dass der Himmel das Entgelt für den Gehorsam und die Hölle für die wissentlich begangene Sünde ist, dann lohnt es sich und birgt keinerlei Risiko, diese Welt der kommenden zu opfern. Es würde sich lohnen, selbst wenn Christus uns auftrüge, alles was wir haben zu verkaufen und ihm nachzufolgen und unsere Zeit hier in Armut und Verachtung zu verbringen; auf jene Möglichkeit hin würde es sich lohnen, dies zu tun. Das also ist es, was mit ‚der Glaube steht gegen die Vernunft' gemeint ist, dass er sich nicht um das Maß von Wahrscheinlichkeiten kümmert; er fragt nicht, ob etwas mehr oder weniger wahrscheinlich ist; wenn aber eine hinreichende und klare Wahrscheinlichkeit besteht für das, was Gottes Wille ist, so richtet sich der Glaube danach. Wäre die Schrift nicht wahr, so würden wir in der künftigen Welt zurückgelassen, wo wir waren; uns würde es letztlich nicht schlechter gehen als zuvor; ist sie aber wahr, dann wird es uns, weil wir ihr nicht geglaubt haben, unendlich viel schlechter gehen, als wenn wir ihr geglaubt hätten. Wir alle kennen aus der Erzählung die schlagfertige Erwiderung, die der betagte Heilige dem lasterhaften Jüngling zuteil werden ließ, als dieser ihm zu bedenken gab, wie sehr er sein Leben vergeudet hätte, gäbe es keine entsprechende künftige Belohnung: „Wie wahr, mein Sohn" antwortete er, „aber um wie viel schlimmer ist die Vergeudung deines Lebens, wenn es eine gibt".

Der Glaube misst also dem Grad der Beweisbarkeit keine Beachtung bei. Vom Verstand her gesehen könnte man die Regel aufstellen, dass sich die Festigkeit unseres Glaubens nach der Beweisbarkeit richten sollte; je stärker die Beweiskraft, desto fester sollte der Glaube sein; und je geringer die Beweiskraft, desto schwächer der Glaube, der uns abverlangt wird. Für den religiösen Glauben aber gilt dies nicht – er nimmt das Wort Gottes auf Grund der diesem zugesicherten Beweiskraft so fest an, als wäre diese doppelt so groß. Wir sehen in der Tat, dass dies auch in Bezug auf irdische Dinge der Fall ist; und was wir Menschen gegenüber tun, das können wir uns gewiss gegenüber Gott erlauben. Wenn uns jemand, dem wir Vertrauen und Achtung entgegenbringen, eine Neuigkeit erzählt, für die er zuverlässige Quellen hat, sollten wir ihm glauben; wir würden ihm nicht fester glauben, weil uns ein anderer kurz darauf das gleiche erzählt. Ebenso auch hier, obwohl uns der allmächtige Gott sicherlich einen größeren Beweis hätte geben können, als wir ihn damit besitzen, dass er in der Bibel zu uns spricht; da er uns aber genug gegeben hat, verlangt der Glaube nicht mehr, sondern gibt sich zufrieden und handelt entsprechend dem, was genug ist, während der Unglaube immer mehr und immer größere Zeichen fordert, ehe er sich dem göttlichen Wort beugt.

Doch zurück zu meinem Hauptthema. Ich möchte bemerken, dass das, was für den Glauben gilt, in gleicher Weise auch für die Hoffnung gilt. Es kann uns etwa aufgetragen sein, gegen die Hoffnung zu hoffen oder die Wiederkunft Christi gewissermaßen gegen die Vernunft zu erwarten. Es ist nicht unvereinbar mit Gottes grundsätzlichem Handeln an uns, dass er uns fühlen und handeln heißt, als stünde dies nahe bevor, was wir doch, wenn wir nach dem gehen, was uns die Erfahrung lehrt, nicht als wahrscheinlich nahe bevorstehend bezeichnen würden. Wenn er von uns verlangt, aus ganzem Herzen an ihn zu glauben, mag uns das Zeugnis seiner Worte größer oder geringer erscheinen; wie sollte er dann nicht von uns verlangen können, beharrlich auf ihn zu warten, auch wenn uns die Zeichen seiner Wiederkunft enttäuschen und die Vernunft uns verzweifeln lässt? In solch einer Frage können wir nicht sagen, was mehr und was weniger wahrscheinlich ist; wir können nur versuchen, das zu tun, was von uns verlangt wird. Dies aber können wir: wir können unsere Gefühle lenken und formen und ihm alles Übrige überlassen.

3. Hier nun sehe ich mich zu einer weiteren Bemerkung veranlasst: Wie es unsere Pflicht ist, uns manche Dinge vor Augen zu führen und sie weitaus gründlicher zu betrachten, als es uns die Vernunft allein gebieten würde, so gibt es wiederum andere Dinge, die wir pflichtgemäß von uns weisen müssen, bei denen wir nicht verweilen und die wir uns nicht vergegenwärtigen dürfen, obwohl sie uns vor Augen treten. Und doch ist auch hier offenkundig, dass Menschen wiederum Einwände erheben und sagen, es sei gar nicht anders möglich, als dass wir uns von Dingen, die wir sicher wissen, bewegen und beeinflussen lassen, genauso wie sie sagen, es sei unmöglich, das zu glauben und zu erwarten, was wir nicht sicher wissen.

Wir wissen zum Beispiel, dass es unsere Pflicht ist, nicht mit jeglichen persönlichen Vorzügen, die wir vielleicht besitzen, zu prahlen und uns etwas darauf einzubilden. Dennoch könnte jemand die Frage aufwerfen: Warum eigentlich nicht? Er könnte sagen: „Wenn Menschen sich in irgendeiner Hinsicht durch Vorzüge hervortun, dann müssen sie es wissen; es ist in der Regel völlig absurd anzunehmen, dass sie dies nicht tun; wissen sie es aber, wie ist es dann möglich, dass sie an ihren Vorzügen keinen Gefallen finden und sich deswegen nicht bewundern sollten? Bewunderung ist die natürliche Reaktion auf das Gewahrwerden von Vorzügen; wenn jemand weiß, dass er solche Vorzüge besitzt, dann kann er nicht anders, als sich bewundern; und wenn er sie besitzt, dann kann er im allgemeinen nicht umhin, es zu wissen, worin immer seine Vorzüge liegen mögen, ob in der persönlichen Erscheinung, in der Redegabe, in geistigen Talenten, im Charakter oder anderswo."

Nun halte ich es aber andererseits für absolut sicher, dass die Schrift uns sagt, uns nicht mit etwas zu brüsten, was wir sind oder was wir tun, d.h., nicht jenen Gefühlen nachzugeben, die scheinbar das natürliche und legitime Ergebnis unserer Kenntnis dessen sind, was wir tatsächlich wissen. Was soll man nun dazu sagen? Wie sind diese Gegensätze vereinbar?

Eine Antwort wäre natürlich die folgende: Fromme Menschen wissen, wie mangelhaft ihre besten Taten trotz allem sind oder ihre besten Charaktereigenschaften; oder sie wissen, wie viel mehr andere tun; oder sie wissen um ihre eigenen großen Mängel in anderer Hinsicht; oder sie wissen, um die Bedeutungslosigkeit mancher jener Punkte, in denen sie vielleicht anderen überlegen sind . Dies ist aber keine hinreichende Antwort, denn die in Rede stehenden Punkte sind Vorzüge, ob große Vorzüge oder nicht, ob es andere größere gibt oder nicht, oder wie sehr es immer den Betreffenden in anderer Hinsicht mangeln mag. Und hierin liegt meines Erachtens die Versuchung aller Menschen, sich selbst zu überschätzen, dass in gewissem Sinne ihr Urteil über sich selbst nicht falsch ist; nicht dass es ihnen in vielen Dingen nicht sehr mangeln würde; nicht als ob sie das nicht wüssten, aber dass sie gewisse Vorzüge haben, die wirklich Vorzüge sind, und dass sie diese spüren; und die Frage lautet, was können sie dafür, dass sie sie spüren?

Die demütige Haltung frommer Menschen mag man vielleicht mit dem Hinweis erklären, dass, welche persönlichen Gaben sie immer besitzen mögen, diese ihnen vertraut sind; und eben dies ist der Grund, der sie davor bewahrt, viel von sich zu halten. Natürlich ist an dieser Bemerkung etwas Wahres, doch erklärt es nicht, dass sie schon früher nicht viel von sich gehalten haben, als die Entdeckung dessen, was sie waren, ihnen nicht so vertraut war wie jetzt; und wenn sie es doch taten, so dürfen wir sicher sein, dass die Auswirkungen ihrer früheren Eingebildetheit ihnen auch heute noch anhaften, da sie zur Gewohnheit geworden sind.

Ein anderer und weitaus besserer Grund, warum fromme Menschen nicht eingebildet sind, ist der, dass sie es nicht mögen, an das, was immer Gutes in ihnen ist, zu denken, und sich von dem Gedanken daran abwenden, mag ihrer Überlegenheit gegenüber anderen geistiger oder körperlicher Art sein, mag sie in den Verstandeskräften oder in sittlichen Tugenden liegen. Ich glaube aber, es gibt noch einen anderen, unmittelbareren Grund, der eine stärkere Verbindung zu meinem heutigen Thema aufweist.

Es ist folgender: Obwohl fromme Menschen Gaben besitzen und darum wissen, machen sie sich diese nicht bewusst. Es ist hier nicht nötig, genau zu erläutern, was mit dem Wort „bewusst machen" gemeint ist; wir alle verstehen seine Bedeutung im vorliegenden Zusammenhang hinreichend und werden alle zumindest zugeben, dass es eine Fülle von Dingen gibt, die sich die Menschen nicht bewusst machen, obwohl sie es sollten. Wie laut reden beispielsweise die Menschen von der Kürze dieses Lebens, von seiner Eitelkeit und Nichtigkeit und von den Ansprüchen, welche die künftige Welt an uns stellt! Worte wie diese vernehmen wir Tag für Tag, doch handeln nur wenige nach den von ihnen geäußerten Wahrheiten; und warum? – weil sie sich nicht bewusst machen, was sie so bereitwillig verkünden. Sie sehen nicht den, der unsichtbar ist, und nicht sein ewiges Reich.

Nun gut, wenn man das unterlässt, was zu tun eine Pflicht ist, dann kann man es sicherlich auch in den Fällen, wo das Unterlassen eine Pflicht ist. Ernsthafte Menschen mögen – wenn die Dinge so liegen – ihre Vorzüge in der Tat kennen, seien sie religiöser, sittlicher oder sonstiger Art; sie empfinden sie aber nicht in jener lebendigen Weise, die wir als „bewusst machen" bezeichnen würden. Sie öffnen ihre Herzen dieser Erkenntnis nicht, so dass sie fruchtbar werden könnte. Fruchtloses Wissen ist etwas Erbärmliches, wenn das Wissen Frucht bringen sollte; aber es ist etwas Gutes, wenn es sonst nur als Versuchung wirken würde. Wenn sich Menschen einer Wahrheit bewusst werden, wird sie in ihnen zu einem einflussreichen Prinzip und führt zu einer Reihe von Konsequenzen sowohl in Bezug auf ihre Meinung als auch ihr Verhalten. Dasselbe gilt für das Bewusstwerden unserer eigenen Gaben. Doch Menschen von überlegenem Geist kennen sie, ohne sich ihrer bewusst zu werden. Sie können wissen, dass sie bestimmte Vorzüge haben, sofern sie solche haben, – sie können wissen, dass sie gute Charaktereigenschaften, Fähigkeiten oder Fertigkeiten besitzen; es ist jedoch gleichsam ein nichts einbringendes Wissen, das den Geist so zurücklässt, wie es ihn vorgefunden hat. Und das scheint es zu sein, was dem Charakter heiliger Menschen eine so bemerkenswerte Einfachheit verleiht und andere so sehr erstaunt, dass sie es für etwas Paradoxes oder Widersprüchliches, wenn nicht sogar für ein Zeichen der Unaufrichtigkeit halten; dass dieselben Menschen vorgeben, so viel über sich selbst zu wissen, und doch so wenig, – dass sie so viel über sich reden hören können, dass sie so viel Lob ertragen können, so viel Popularität, so viel Achtung, ohne deshalb aufgeblasen oder anmaßend zu wirken oder andere zu verachten; dass sie über sich sprechen können, aber in einem so ungekünstelten Ton, mit solcher Natürlichkeit, mit solch kindlicher Unschuld und liebenswürdiger Offenheit.

Ein anderes Beispiel für diese große Gabe des Wissens ohne des Sich-Bewusstmachens zeigt sich uns in anderen thematischen Zusammenhängen, auf die ich hier nur anspielen kann. Menschen, die ihren Leidenschaften nachgeben, haben ein ganz anderes Wissen darüber als solche, die diesem Nachgeben widerstehen; und wenn sie über Dinge reden, die damit zusammenhängen, machen sie sich diese in einer Weise bewusst, in der andere das nicht können. Die bloßen Gedanken darüber, die für die ersteren voller Versuchungen sind, die Worte, die zu äußern ihnen Schmerz bereiten, alles was ihnen die Scham ins Gesicht steigen und sie verwirrt aussehen lässt, können Unschuldige ohne jeglichen Kummer sagen und denken. Die Engel können mit arglosem Abscheu und voller Verwunderung auf die Sünde schauen, ohne dass es sie demütigt oder innerlich erregt; und eine ähnliche Arglosigkeit ist der Lohn der Reinen und Heiligen; und dies zum großen Erstaunen der Unreinen, denen die Geistesverfassung eines solchen Menschen unbegreiflich ist und die nicht verstehen können, wie er solche Gedanken äußern und ertragen kann, die für sie voller Elend und Schuld sind. Und daher finden wir heutzutage dann und wann Menschen, die den Willen des natürlichen Menschen voll auskosten, die aber zu den Schriften heiliger Männer greifen, die in der Wüste oder im Kloster gelebt haben oder die mit engelgleichem Herzen die Herde Christi geleitet und mit heiligen Händen das Brot des Lebens gebrochen haben; und sie betrachten deren Worte im Spiegel ihrer eigenen düsteren Umgebung und schreiben ihnen ihr eigenes vulgäres Wesen zu; ja, sie mäkeln an den Worten der Heiligen Schrift, die Gottes Wort sind, und an den Worten der Kirche herum, als hätte das heilige Geheimnis der Menschwerdung nicht tausend neue und himmlische Gedankenverbindungen in diese Welt der Sünde gebracht.

Und folglich werdet ihr genusssüchtige Menschen finden, die unfähig sind, das wirkliche Vorhandensein von Heiligkeit und geistiger Strenge bei anderen zu verstehen. Sie glauben, es müssten alle Menschen von den gleichen elenden Gedanken und Gefühlen erfüllt sein, die sie selbst quälen. Sie meinen, naturgemäß könne sich keiner dem entziehen; nur würden es gewisse Leute verstehen, das, was in ihren Herzen vor sich geht, zu verbergen, die sie infolgedessen der Anmaßung und Heuchelei bezichtigen.

Das gleiche behaupten sie auch in Bezug auf das von mir zuerst genannte Beispiel – das Wissen eines Menschen um seine Gaben. Sie glauben, dass Menschen, die wenig von sich zu halten scheinen, im Herzen eitel seien und dass ihre sogenannte Bescheidenheit nichts anderes ist als Verstellung.

Dasselbe könnte ich auch sagen in Bezug auf das Nichtvorhandensein von Groll nach erlittener Kränkung oder Beleidigung, das einen wirklich frommen Menschen kennzeichnet. Freilich empfindet ein solcher das, was man ihm antut, oft sehr deutlich, wenn er auch seine Gefühle seiner Pflichtauffassung gemäß unterdrückt; die höhere Stufe der Geistesverfassung zeigt sich dadurch, dass er nicht spürt, d.h. sich nicht bewusst macht, dass man ihm Unrecht zugefügt hat; versucht er nun, darüber zu sprechen, dann geschieht dies auf die gleiche seltsame, unwirkliche und (wenn ich so sagen darf) gezwungene und unnatürliche Art und Weise, in der vorgeblich religiöse Menschen von gläubiger Freude und geistlichem Trost reden, denn er ist mit Zorn und Rachegefühlen ebenso wenig vertraut wie Heuchler mit himmlischen Gedanken.

Wiederum könnten wir uns auf ungebührliche Weise klar darüber werden, dass ein tugendhaftes Leben in unserem Interesse liegt und wir folglich aus Überlegung handeln, nicht aus Pflichtgefühl. Und weiter: es mag zwar unsere Pflicht sein, uns in religiösen Dingen selber kundig zu machen und nach der Wahrheit zu suchen, doch prahlen wir dabei vielleicht mit unserem persönlichen Urteil und rechnen uns seinen Gebrauch als Verdienst an, dann wird unser Suchen fast zur Sünde.

Ich habe hier also eine Reihe von Fällen geschildert – alle zum Thema gehörig –, um ein und dieselbe Wahrheit zu verdeutlichen, dass nämlich der Charakter des Christen durch einen höheren Maßstab geformt wird als den der Berechnung und Vernunft, bestehend in einem göttlichen Prinzip oder Leben, das die Erwartungen und die Urteilsfähigkeit gewöhnlicher Menschen übersteigt. Nach dem Urteil der rein weltlichen Vernunft müsste der Christ eigentlich eingebildet sein, denn er ist mit Talenten ausgestattet; er müsste das Böse verstehen, denn er sieht es und spricht darüber; er müsste Groll empfinden, denn er ist sich der ihm zugefügten Kränkung bewusst; er müsste aus Eigeninteresse handeln, denn er weiß, was recht ist, ist auch nützlich; er müsste sich der Übung des privaten Urteils bewusst sein und sie mögen, denn er lässt sich ja auf sie ein; er müsste seinen Glauben in Zweifel ziehen und sich unschlüssig sein, denn die Anzeichen dafür könnten größer sein als sein Glaube; er dürfte die Wiederkunft Christi nicht erwarten, weil Christus sie so lange hinausgeschoben hat. Aber nein: sein Geist und sein Herz sind von anderer Wesensart. In diesen und unzähligen anderen Weisen ist er dem Unverständnis der Welt ausgesetzt, die weder seine Gefühle teilt noch sich in sie hineinversetzen kann. Er kann sie auch nicht erklären und anhand von Überlegungen verteidigen, die alle Menschen, gute wie böse, verstehen. Er lebt nach einem Gesetz, das andere nicht kennen; nicht nach eigener Klugheit oder Urteilskraft, sondern nach der Weisheit Christi und dem Urteil des Geistes, der ihm verliehen ist, – nach jener inneren, nicht mitteilbaren Wahrnehmung der Wahrheit und Pflicht, welche die Richtschnur ist für seine Vernunft, seine Neigungen, Wünsche, Vorlieben und für alles, was in ihm ist als Ergebnis eines beharrlichen Gehorsams. Das ist es, was seinem gesamten Lebenswandel und Umgang, der „mit Christus in Gott verborgen" (Kol 3, 3) ist, einen so überirdischen Charakter verleiht; er ist mit Christus zur Höhe aufgestiegen und dort „wohnt er mit Herz und Geist für immer"; und deswegen ist er gezwungen, sein Gesicht mit einem Schleier zu verhüllen, ist dem Urteil der Welt rätselhaft und wird gleichsam „ein Wunder für viele" (Ps 71, 1), obwohl er „einsichtsvoller ist als Greise" und „klüger als alle seine Lehrer, weil er Gottes Gebote hält" (Ps 118, 99-100). So „beurteilt der Geisterfüllte alles, wird jedoch selbst von niemand beurteilt" (1 Kor 2, 15), und „es ist ihm völlig gleichgültig, von einem menschlichen Gericht beurteilt zu werden", denn „es ist vielmehr der Herr, der über ihn das Urteil fällt" (1 Kor, 3-4).

Zum Schluss bedarf es einer zusätzlichen Bemerkung zu der Frage, die ich eingangs aufgeworfen habe: der Pflicht, auf die Wiederkunft unseres Herrn zu warten. Nun darf man nicht glauben, daraus folge eine Vernachlässigung unserer Pflichten in dieser Welt. So wie es möglich ist, trotz gegenteiliger irdischer Argumente nach Christus auszuschauen, so ist es trotz unseres Ausschauens möglich, den irdischen Pflichten nachzukommen. Christus hat uns gesagt, dass bei seiner Wiederkunft zwei auf dem Felde sein werden, zwei Frauen, die an der Mühle mahlen, „die eine wird mitgenommen und die andere zurückgelassen" (Mt 24, 40-41). Ihr seht, dass Gute und Böse in gleicher Weise ihrer Beschäftigung nachgehen; es braucht auch niemanden daran zu hindern, sein Herz an Gott zu hängen und weltliche Geschäfte mit denen zu betreiben, deren Herz an der Welt hängt. Nein, wir können große Pläne schmieden, wir können uns neuen Unternehmungen hingeben, wir können große Werke beginnen, so groß, dass uns nur ihr Anfang möglich ist; wir können Vorsorge für die Zukunft treffen und in unserem Tun die Gewissheit vor uns liegender Jahrhunderte vorwegnehmen, und doch nach Christus Ausschau halten. So ist es fürwahr unsere Bestimmung voranzuschreiten und „die Zeit und Stunde in der Macht des Vaters" zu belassen (Apg 1, 7). Gleich wann er kommt, er wird allem ein Ende setzen; und, soviel wir wissen, sind unsere Bemühungen und Anfänge, obwohl sie nicht mehr sind als solche, im Geschehen seiner Vorsehung genauso wichtig, wie es das größte zu Ende gebrachte Werk sein könnte. Gewiss, er wird, wann immer er kommt, die Welt jäh an ihr Ende bringen; er wird die Pläne und Mühen seiner Auserwählten, wie immer sie sein mögen, beenden und ihnen geben, wonach ihre pflichtgetreue Besorgnis strebt, wenn auch nicht durch sie. Und so unvermittelt wie er die Welt an ihr Ende bringt, so hat er sie ins Leben gerufen; er bewirkte den Anfang der sichtbaren Welt nicht aus deren ersten Samen und Elementen, sondern er erschuf die fertigen Kräuter und Fruchtbäume, „die ihren Samen in sich tragen", unmittelbar, nicht in einer allmählichen Entwicklung, sondern als ein vollendetes Werk. Und mit noch größerer Unvermitteltheit zeigte er seine Wunder, als er kam und alles neu machte, indem er Brot und nicht Getreide zur Speisung der Fünftausend schuf und Wasser nicht in eine andere gewöhnliche, wenn auch kostbarere Flüssigkeit verwandelte, sondern in Wein. Und wie er ohne Anfang begonnen hat, so wird er auch ohne ein Ende enden – oder vielmehr: alles, was wir tun, was immer es sein mag, ob wir Zeit für mehr oder für weniger haben, wird unser Werk, vollendet oder unvollendet, doch Annahme finden, sofern es für ihn getan ist. Ausschauhalten und Arbeiten sind also nicht unvereinbar, denn wir können arbeiten, ohne unser Herz an die Arbeit zu hängen. Unsere Sünde wird es sein, wenn wir das Werk unserer Hände vergöttern; wenn wir es so sehr lieben, dass wir es nicht ertragen können, uns von ihm zu trennen. Der Prüfstein unseres Glaubens liegt in unserer Fähigkeit zu scheitern, ohne enttäuscht zu sein.

Wollen wir Gott bitten, er möge unsere Herzen in dieser wie in jeder anderen Hinsicht lenken, damit wir, „wenn er erscheint, Zuversicht haben und nicht zuschanden werden vor ihm bei seiner Ankunft" (1 Joh 2, 28).

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