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In anderen Teilen der Schrift wird die Aussicht auf die Wiederkunft Christi als ein Grund zu ernster Besorgnis und Furcht und als ein Aufruf zum Wachen und Beten dargestellt; in den mit unserem Schriftwort in Verbindung stehenden Versen wird uns dagegen eine unterschiedliche Sicht der christlichen Gesinnung vor Augen geführt und andere Pflichten werden uns nahe gelegt. „Der Herr ist nahe", – und was dann? – Nun, in diesem Falle müssen wir „uns freuen im Herrn"; müssen wir uns durch „Mäßigung" hervortun; dürfen uns „um nichts Sorgen machen"; müssen wir von Gottes Großmut, nicht von den Menschen, erbitten, was immer wir brauchen; müssen überfließen in „Danksagung"; und müssen den Frieden pflegen oder vielmehr darum beten und wir werden „den Frieden Gottes, der alles Begreifen übersteigt", von oben erlangen, um „unsere Herzen und unsere Gedanken in Christus Jesus zu bewahren".

Dies nun ist eine Sicht christlicher Haltung, die klar und vollständig genug ist, um sich dazu äußern zu können, und sie kann von Nutzen sein aufzuzeigen, dass der Gedanke an die Wiederkunft Christi nicht nur Furcht beschert, sondern auch eine gelassene und heitere Gemütsverfassung.

Vielleicht ist nichts so bemerkenswert, als dass ein Apostel – ein Mann von Schweiß und Blut, ein Kämpfer gegen unsichtbare Mächte und ein Schauspiel für Menschen und Engel, mehr noch, dass der heilige Paulus, ein Mann mit einem so eifernden, so ernstem und so leidenschaftlichem Temperament – ich meine, nichts ist auffallender und bezeichnender, als dass gerade Paulus solch ein Bild von dem gezeichnet hat, was einen Christen ausmachen sollte. Es wäre nicht verwunderlich, – es ist nicht verwunderlich, wenn Schriftsteller an einem Tag wie diesem von Frieden, Ruhe, Besonnenheit und Heiterkeit als der Geisteshaltung sprechen, die einem Christen geziemt; doch in Anbetracht dessen, dass Paulus von Geburt ein Jude und auf Grund seiner Erziehung ein Pharisäer war, dass er zu einer Zeit schrieb, da sich die Christen mehr als jemals danach in heftiger und unablässiger geistiger Erregung befanden; da es Verfolgungen und Gerüchte darüber in Überfülle gab; da alles um sie herum in Verwirrung zu geraten schien; da nichts seine feste Ordnung hatte; da es keine Gotteshäuser gab, wo sie Trost suchen konnten, keinen Gottesdienst, der ihr Herz beruhigen konnte, kein Heim, in dem sie Erquickung finden konnten; wenn wir ferner bedenken, dass das Evangelium voll ist von vornehmen und edlen, wenn man so sagen darf, gar romantischen Prinzipien und Beweggründen und tiefen Geheimnissen; – und wenn wir des Weiteren in Betracht ziehen, dass gerade das Thema, das der Apostel mit seinen Ermahnungen verknüpft, jenes Ehrfurcht gebietende Ereignis, nämlich die Wiederkunft Christi ist, – dann ist es wohl der Beachtung wert, dass er in einer solchen Zeit, unter solch einem Bund und solch einer aussichtsreichen Zukunft ein Bild christlicher Gesinnung zeichnet, das nichts an sich hat von Erregung und Anstrengung, das so voll ist von Gelassenheit, so ruhig und ausgeglichen, als hätte der große Apostel in einem Kloster in der Wüste oder in einem Pfarrhaus auf dem Lande geschrieben. Hier zeigt sich sicherlich der Finger Gottes; hier liegt der Beweis für übernatürliche Einflüsse, die den menschlichen Geist unabhängig machen von den äußeren Umständen! Das ist der Gedanke, der sich zuerst aufdrängt; der zweite ist dieser: wie tief und rein ist doch der wahre christliche Geist! – wie schwer, in ihn einzudringen, wie unermesslich, ihn zu umfassen, wie unmöglich, ihn auszuschöpfen! Wer würde solch eine Gelassenheit und solch einen Gleichmut von dem leidenschaftlichen Apostel der Heiden erwarten? Wir wissen, dass Paulus Großes tun, leiden und vollbringen, predigen und bekennen, erhaben und niedrig sein konnte; doch wir hätten glauben können, dies alles sei die Grenze und die Vervollkommnung der christlichen Gesinnung, wie er sie sah, und es bleibe ihm kein Raum mehr für die Gefühle, die wir auf Grund des obigen Schriftwortes und der folgenden Verse ihm zuzuschreiben uns veranlasst sehen.

Und doch ist er, der „sich mehr abgemüht hat als alle" seine Brüder (1 Kor 15, 10), auch ein vorbildhaftes Beispiel an Einfachheit, Demut, Frohsinn, Dankbarkeit und Heiterkeit des Geistes. Diese Anlagen waren für den heiligen Paulus besonders charakteristisch und werden auch in seinen Briefen stark hervorgehoben. So zum Beispiel: „Strebt nicht nach dem Hohen, sondern lasst euch zum Geringen herab! Haltet euch selbst nicht für weise! ... Seid allen Menschen gegenüber auf das Gute bedacht! Soweit es möglich ist und soviel an euch liegt, lebt mit allen Menschen in Frieden!" (Röm 12, 16-18). Er fordert, dass „die älteren Männer nüchtern, ehrbar, besonnen, gesund im Glauben, in der Liebe und in der Geduld" seien. „Ebenso die älteren Frauen ... weder dem verleumderischen Klatsch noch der Trunksucht ergeben, Lehrmeisterinnen im Guten, damit sie die jungen Frauen anleiten können, ihre Männer und Kinder zu lieben, besonnen, keusch, häuslich, tüchtig zu sein, ihren Männern sich unterordnend" (Tit 2, 2-6); und dass „die jungen Männer besonnen" seien. Es ist bemerkenswert, dass er diese Ermahnung abschließt mit dem nachdrücklichen Hinweis auf den gleichen Grund, der im Vers im Anschluss an unser Eingangs-Schriftwort genannt ist: „in der Erwartung der seligen Hoffnung und der Offenbarung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Retters Christus Jesus" (Tit 2, 13). In gleicher Weise sagt er, dass die Diener des Herrn „Lauterkeit und würdevollen Ernst in der Belehrung, eine gesunde, untadelige Verkündigung" (Tit 2, 7-8) vorweisen müssen; dass sie „untadelig, nicht anmaßend, nicht jähzornig ... gastfreundlich, voll Liebe zum Guten, besonnen, gerecht, fromm und beherrscht" (Tit 1, 7-8) sein müssen. Dies alles entspricht der Umschreibung eines anscheinend fast gewöhnlichen Charakters; ich meine, eines wohl gesetzten, ruhigen, anspruchslosen und schlichten Charakters. Er offenbart wenig Auffallendes und Außergewöhnliches; er ist ganz weltabgewandt, unaufgeregt und aufrichtig.

Bemerkenswert ist auch, dass der Prophet Jesaja diese Haltung als das charakteristische Merkmal des Neuen Bundes vorhergesagt hat: „Die Gerechtigkeit bewirkt das Heil, und die Gerechtigkeit schafft ständige Ruhe und Sicherheit. Auf einer Friedensaue wohnt mein Volk, an sicheren Stätten und sorglosen Ruheplätzen" (Jes 32, 17-18).

Wollen wir nun im Einzelnen betrachten, was das für eine Geisteshaltung ist und welches ihre Ursachen sind. Es scheinen folgende zu sein: – der Herr ist nahe; hier findet ihr keine Ruhe; hier habt ihr keine Bleibe. Handelt daher wie Leute, die nicht in ihrem Eigentum wohnen; die nicht in ihrem Haus leben; die nicht ihre eigene Habe und ihre Einrichtung um sich haben; die sich folglich behelfen und mit allem abfinden, was kommt, und keinen Wert auf Dinge legen, welche die besten ihrer Art sind. „Das aber sage ich euch, Brüder: Die Zeit ist knapp bemessen" (1 Kor 7, 29). Welche Rolle spielt es, was wir essen, was wir trinken, wie wir uns kleiden, wo wir wohnen, was man von uns denkt, was aus uns wird, da wir ja nicht zu Hause sind? Wir spüren es Tag für Tag, selbst in dieser Welt, dass wir unruhig sind, wenn wir unser Haus für eine Weile verlassen. Das also ist die Art Gefühl, das der Glaube an Christi Wiederkunft in uns hervorruft. Es lohnt nicht, dass wir uns hier auf Dauer einrichten; es lohnt nicht, Zeit und Gedanken darauf zu verschwenden. Kaum dass wir uns eingerichtet haben, werden wir schon wieder fortziehen müssen.

Nachdem wir uns über den offensichtlich allgemeinen Sinn der Schriftstelle einig sind, wollen wir im Folgenden auf ihre einzelnen Teile eingehen:

1. „Um nichts macht euch Sorgen", sagt er [Paulus]; Petrus schreibt: „Werft all euere Sorge auf ihn" (1 Petr 5, 7); der Herr selbst sagt: „Sorgt euch also nicht um den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selber sorgen" (Mt 6, 34). Natürlich ist dies die Geistesverfassung, die direkt aus dem Glauben daran folgt, dass „der Herr nahe ist". Wer würde sich heute um irgendwelche Verluste oder Gewinne Sorgen machen, wenn er mit Sicherheit wüsste, dass Christus morgen erscheint? – Nicht ein einziger! Nun gut, der wahre Christ empfindet, wie er empfinden würde, wüsste er mit Sicherheit, dass Christus morgen hier sein wird. Denn er weiß sicher, dass Christus zumindest zu ihm kommt, wenn er stirbt; und der Glaube nimmt den Tod vorweg und handelt gerade so, als wäre jener ferne Tag, wenn er denn fern ist, vergangen und vorüber. Früher oder später wird Christus kommen, ganz sicher; und wenn er schließlich gekommen ist, dann ist es egal, wie viel Zeit bis dahin vergangen ist; – von welcher Dauer dieser Zeitraum auch sein mag, er nimmt ein Ende. Das Jüngste Gericht kommt, ob früher oder später, und der Christ ist sich bewusst, dass er kommt, d.h. die Zeit findet keinen Eingang in sein Kalkül, noch beeinträchtigt sie seine Sicht der Dinge. Wenn Menschen hoffen, ihre Pläne und Vorhaben ausführen zu können, dann kümmern sie sich um sie; wenn sie aber wissen, dass nichts aus ihnen wird, dann lassen sie von ihnen ab oder sie werden ihnen gleichgültig.

So verhält es sich auch mit allen Vorahnungen, Besorgnissen, Ärgernissen, Kümmernissen und Verdrießlichkeiten dieser Welt. „Die Zeit ist knapp bemessen." Als Mittel der Beruhigung für den Geist, wenn er auf eine Sache fixiert oder bei manchen Vorkommnissen sehr verärgert oder ungehalten ist, wird hin und wieder der kluge Vorschlag gemacht, sich zu fragen: Wie wirst du über all dies in einem Jahr denken? Es leuchtet ohne weiteres ein, dass Dinge, die uns jetzt in höchstem Maße erregen, uns dann überhaupt nicht mehr interessieren; dass Angelegenheiten, mit denen wir jetzt starke Hoffnungen und Ängste verbinden, uns dann nicht mehr bedeuten als Dinge, die am anderen Ende der Welt passieren. So wird es mit allen menschlichen Hoffnungen, Befürchtungen, Freuden, Schmerzen, Eifersüchteleien, Enttäuschungen und Erfolgen sein, wenn der letzte Tag gekommen ist. Es wird kein Leben mehr in ihnen sein; sie werden sein wie verwelkte Blumen auf einem Festbankett, die uns allenfalls komisch anmuten. Oder was wird es uns, wenn wir auf dem Sterbebett liegen, nützen, ob wir reich oder großartig oder glücklich oder geachtet oder einflussreich waren? Alles ist dann vergebens. Nun, was alle Menschen in jenem Augenblick von der Welt halten, das ist das Empfinden des Christen schon jetzt. Er schaut auf die Dinge, wie er dereinst auf sie schauen wird, mit unbeteiligtem und leidenschaftslosem Blick, und er verspürt weder großen Schmerz noch große Freude angesichts der Zufälligkeiten des Lebens, weil es eben Zufälligkeiten sind.

2. Eine andere Seite der hier in Rede stehenden Gesinnung ist das, was unsere Bibelübersetzung als Mäßigung (Moderation) bezeichnet: „Eure Mäßigung sollen alle Menschen erfahren" (Phil 4, 5) oder, wie es treffender wiedergegeben werden kann, eure Rücksichtnahme, Fairness oder Unparteilichkeit. Nach Paulus gehört es zur Geisteshaltung eines Christen, im Ruf der Redlichkeit, der Leidenschaftslosigkeit und der Güte zu anderen zu stehen. Die Wahrheit ist, sobald und in dem Maße wie jemand glaubt, dass Christus wiederkommt, und seine eigene Lage als die eines Fremdlings auf Erden erkennt, der eine Wohnstätte auf ihr nur für eine Weile gemietet hat, wird er dem Lauf der menschlichen Angelegenheiten gegenüber Gleichgültigkeit empfinden. Er wird in der Lage sein, ihnen zuzuschauen, ohne sich an ihnen zu beteiligen. Sie werden ihm nichts bedeuten. Er wird fähig sein, an ihnen Kritik zu üben und über sie zu urteilen, ohne Partei zu ergreifen. Das ist gemeint mit „unsere Mäßigung" werde von allen Menschen anerkannt. Diejenigen, die in der einen oder anderen Richtung starke Interessen haben, können keine leidenschaftslosen Beobachter und ehrlichen Richter sein. Sie sind Parteigänger; sie verteidigen eine Gruppe von Leuten und greifen eine andere an. Sie sind voreingenommen gegen jene, die anders sind als sie oder ihnen entgegenarbeiten. Sie können keine Zugeständnisse machen, noch ihnen Mitgefühl entgegenbringen. Der Christ aber kennt keine gespannten Erwartungen, keine scharfen Demütigungen. Er ist fair, gerecht und rücksichtsvoll gegen alle, weil er nicht versucht ist, anders zu sein. Er kennt keine Gewalttätigkeit, keine Feindseligkeit, keinen blinden Eifer, keine Parteilichkeit. Er weiß, dass sein Herr und Erlöser triumphieren muss; er weiß, dass er eines Tages vom Himmel kommen wird, niemand kann sagen, wie bald. Im Wissen um das Ziel, dem alles zustrebt, kümmert er sich nicht so sehr um den Weg, der zu ihm hinführt. Wenn wir einen Roman lesen, hält uns der Verlauf der Erzählung so lange in Spannung, bis wir wissen, welchen Ausgang die Dinge nehmen; sobald wir dies aber wissen, erlahmt unser Interesse. So ist es beim Christen. Er weiß, dass der Kampf Christi bis zum Ende dauern wird; dass die Sache Christi am Ende triumphieren wird; dass die Kirche Christi bestehen wird, bis er kommt. Er weiß, was Wahrheit und was Irrtum ist, wo Sicherheit und wo Gefahr ist; und all dieses klare Wissen befähigt ihn, Zugeständnisse zu machen, Schwierigkeiten einzugestehen, Gerechtigkeit gegen die Irrenden zu üben, ihre guten Seiten anzuerkennen, mit der mehr oder weniger guten Haltung, die andere ihm entgegenbringen, sich zufrieden zu geben. Er fürchtet sich nicht; die Furcht nämlich ist es, die aus Menschen Blindgläubige, Tyrannen und Eiferer macht; aber wie es das Vorrecht des Christen ist, über Hoffnung und Furcht, Ungewissheit und ängstlicher Besorgnis zu stehen, so auch geduldig, ruhig, umsichtig und unparteiisch zu sein – und zwar in einem Maße, dass eben diese Fairness seine Persönlichkeit in den Augen der Welt kenntlich macht, „allen Menschen kund" wird.

3. Freude und Frohsinn sind ebenfalls charakteristische Merkmale des Christen gemäß der Mahnung im vorangestellten Bibelwort „Freut euch im Herrn allezeit!", und dies trotz der Besorgnis und Furcht, die der Gedanke an den Jüngsten Tag hervorrufen sollte. Gerade durch diese starken Gegensätze verdeutlicht uns die Schrift die wahre Bedeutung ihrer verschiedenen Teile. Wäre uns nur geboten worden, uns zu fürchten, dann hätten wir sklavische Angst oder düstere Verzweiflung mit Gottesfurcht verwechselt; und wäre uns nur geboten worden, uns zu freuen, dann hätten wir vielleicht zügellose Freiheit und Ungezwungenheit mit Freude verwechselt; wenn uns aber gesagt wird, uns sowohl zu fürchten als auch zu freuen, gewinnen wir auf den ersten Blick so viel, dass unsere Freude nicht unehrerbietig und unsere Furcht nicht kleinmütig wird; dass, obwohl beide Gefühle bleiben müssen, keines zu dem wird, was es für sich allein wäre. Das ist es, was wir durch solche Gegensätze unmittelbar als Gewinn mitnehmen. Ich will damit nicht sagen, dass diese Tatsache es uns irgendwie leichter macht, die unterschiedlichen Pflichten, auf die sie sich beziehen, miteinander zu vereinen; dies ist eine weitere und schwierigere Aufgabe; doch so viel gewinnen wir unmittelbar: eine bessere Kenntnis jener unterschiedlichen Pflichten selbst. Und nun spreche ich von der Verpflichtung, sich zu freuen, und ich meine, was immer die Pflicht bedeuten mag, beim Gedanken an den Tag des Gerichts sich sehr zu fürchten und sehr zu zittern – und natürlich ist es eine bedeutsame Pflicht –, kann das Gebot, dies zu tun, das Gebot, sich zu freuen, nicht umstoßen; es kann mit ihm nur insoweit in Konflikt geraten, als es erklärt, was mit „sich freuen" gemeint ist. Die Pflicht, sich in der Erwartung der Wiederkunft Christi zu freuen, bliebe auch dann klar bestehen, wenn uns nicht aufgegeben wäre, sie zu fürchten. Die Pflicht zur Furcht vervollkommnet unsere Freude nur; jene Freude allein ist echt christliche Freude, die durch die Furcht belebt und beseelt und dadurch besonnen und ehrfurchtsvoll wird.

Wie Freude und Furcht miteinander vereinbar sind, können Worte nicht zeigen; nur Handlungen und Taten können es. Jemand möge einfach versuchen, sich zugleich zu fürchten und zu freuen, wie es Christus und seine Apostel ihn heißen, und mit der Zeit wird er das Wie lernen; hat er es aber gelernt, wird er so wenig wie zuvor erklären können, wie ihm beides möglich ist. Er ist dem Anschein nach widersprüchlich, und es lässt sich, zur Genugtuung ungläubiger Menschen, unschwer beweisen, dass dem so ist, wie ja auch die Schrift als widersprüchlich bezeichnet wird. Er wird zum Widerspruch, wie die Schrift es verlangt. Dies trifft verschiedentlich auf Menschen fortgeschrittener Heiligkeit zu. Sie werden der gegensätzlichsten Fehler bezichtigt: sie seien stolz und doch gewöhnlich; allzu einfältig und doch verschlagen; sie hätten ein zu enges und zugleich ein zu weites Gewissen; sie lebten zurückgezogen und doch weltzugewandt; sie klebten bei der Auslegung der Schrift zu sehr am Buchstaben, würden aber gleichwohl Zusätze machen und die Schrift aufheben. Leute von Welt wie auch weniger religiöse Leute können sie nicht verstehen und kritisieren gerne jene, die dem Anschein nach widersprüchlich sind, doch nur so leben, wie es die Schrift lehrt.

Doch zurück zur Frage von Freude und Furcht. Man mag einwenden, dass zumindest jene, die in Sünde fallen oder in der Vergangenheit schwer gesündigt haben, dieses erfreuliche und frohe Wesen, das der heilige Paulus fordert, nicht haben können. Ich gebe dies zu. Aber was heißt das anderes als zu sagen, der heilige Paulus gebiete uns, nicht zu sündigen? Wenn Paulus uns vor Traurigkeit und Bedrückung warnt, warnt er uns natürlich vor den Dingen, welche die Menschen traurig und bedrückt machen – und daher hauptsächlich vor der Sünde, die ein besonderer Feind der Freude ist. Es ist nicht so, dass die Betrübnis ob der Sünde falsch wäre, wenn wir gesündigt haben; falsch ist vielmehr das Sündigen, das die Betrübnis verursacht. Hat jemand gesündigt, kann er nichts Besseres tun als darüber betrübt zu sein. Er soll betrübt sein; und sofern er betrübt ist, ist sein christliches Befinden sicherlich nicht vollkommen; aber es ist sein Sündigen, dem dies zuzuschreiben ist. Und doch ist selbst hier Betrübnis nicht unvereinbar mit Freude. Denn es gibt nur wenige Menschen, die wirklich ernsthaft betrübt sind, denen dieser Ernst aber nach einer gewissen Zeit zu Bewusstsein kommt; und wenn jemand weiß, dass es ihm ernst ist, weiß er auch, dass Gott voll Erbarmen auf ihn sieht; und dies gibt ihm hinreichenden Grund zur Freude, auch wenn die Furcht bleibt. Der heilige Petrus konnte sich an Christus wenden: „Herr, du weißt alles, du weißt auch, dass ich dich liebe." Wir können uns natürlich nicht so freimütig an ihn wenden – wir können es aber achtsam tun; wir können sagen, dass wir demütig darauf vertrauen, wie groß auch das Maß unserer vergangenen Sünden und das unserer jetzigen Selbstverleugnung sein mögen, wir doch im Grunde wünschen und uns bemühen, die Welt aufzugeben und Christus zu folgen; und in dem Maße wie dieses Bewusstsein der Aufrichtigkeit in unserem Inneren erstarkt, im gleichen Maße werden wir uns freuen im Herrn, auch wenn wir Furcht haben.

4. Als weiteres Element ist auch der Friede ein Teil derselben Gesinnung. „Der Friede Gottes, der alles Begreifen übersteigt, wird euere Herzen und euere Gedanken in Christus Jesus bewahren" (Phil 4, 7). Es gibt vieles im Evangelium, was uns warnen, vieles, was uns aufrütteln, vieles, was uns heftig erregen soll, aber Ende und Ausgang all dessen ist der Friede. „Ehre ist Gott in den Höhen und auf Erden Friede" (Lk 2, 14). Man kann sich allerdings fragen, ob nicht Kampf, Verwirrung und Ungewissheit das Los des Christen hienieden sind; warum Paulus selber sagt, dass er „in Sorge" oder in Angst „um alle Gemeinden" sei (2 Kor 11, 28) und ob er nicht in seinen Briefen an die Korinther und die Galater viel seelische Not offen bekundet und eingesteht? „Von außen her Kämpfe, von innen her Angst und Sorge" (2 Kor 7, 5). Ich gebe zu: gewiss offenbart er bisweilen große geistige Erregung; aber bedenkt Folgendes: Habt ihr je an einem großen Wasser gestanden und die Kräuselung an der Oberfläche beobachtet? Glaubt ihr, dass diese Störung in die Tiefe reicht? Ja, ihr habt sogar schreckliche Stürme auf See gesehen oder davon gehört; Bilder des Schreckens und der Not, die in keinerlei Hinsicht ein geeignetes Symbol sind für die Tränen und Seufzer eines Apostels um seine Herde. Doch selbst diese heftigen Stürme reichen nicht in die Tiefe. Die Tiefen der Meere, die gewaltigen Wassermassen, welche die Erde umspannen, sind bei Sturm ebenso ruhig und still wie bei Windstille. So verhält es sich mit den Seelen heiliger Menschen. Sie haben einen in sich sprudelnden unergründlichen Quell des Friedens; und obgleich die Geschehnisse des Augenblicks sie erregt erscheinen lassen, sind sie es doch in ihrem Herzen nicht. Selbst Engel freuen sich über reuige Sünder und sind, wie wir von daher annehmen dürfen, über reuelose Sünder betrübt, – doch wer will behaupten, dass sie nicht vollkommenen Frieden hätten? Selbst der allmächtige Gott lässt sich dazu herab und spricht von seiner Betrübnis, seinem Zorn und seiner Freude, – ist er aber nicht der Unveränderliche? Und ebenso hatte, um Menschliches mit Göttlichem zu vergleichen, Paulus den vollkommenen Frieden, da seine Seele in Gott wohnte, wenngleich die Heimsuchungen des Lebens ihn bedrücken mochten.

Denn, wie gesagt, der Christ besitzt einen tiefen, stillen, verborgenen Frieden, den die Welt nicht sieht – wie ein Brunnen an einem abgeschiedenen und schattigen Ort, der schwer zugänglich ist. Er ist den größten Teil seiner Zeit allein, und die Einsamkeit ist sein eigentlicher Zustand. Sich selbst und seinem Gott überlassen zu sein, das ist sein wahres Leben. Er kann mit sich selbst auskommen; er kann sich (sozusagen) an sich selbst freuen, denn es ist die göttliche Gnade in ihm, die Gegenwart des ewigen Trösters, an denen er sich freut. Er kann es ertragen, er findet es angenehm, stets allein zu sein: – „Man ist nie weniger allein, denn allein." Er kann des Nachts sein Haupt auf sein Kissen legen und mit überströmendem Herzen vor Gott bekennen, dass es ihm an nichts mangelt, – dass er „alles empfangen und mehr als genug hat" (Phil 4, 18) –, dass Gott ihm alles ist und dass es nichts gibt, was nicht schon sein wäre und Gott ihm geben könnte. Freilich bedarf er mehr Dankbarkeit, mehr Heiligkeit, mehr an Himmlischem, doch der Gedanke, er könne mehr haben, ist kein traurig stimmender, sondern ein freudiger Gedanke. Zu wissen, dass er sich näher zu Gott hin entwickeln kann, stört seinen Frieden nicht. Solcherart ist der Friede des Christen, wenn er mit aufrichtigem Herzen und dem Kreuz vor Augen sich an den wendet und sich dem empfiehlt, bei dem die Nacht so hell ist wie der Tag. Paulus sagt: „Der Friede Gottes wird unsere Herzen und unsere Gedanken bewahren" (Phil 4, 7). Mit „bewahren" ist gemeint, unsere Herzen „behüten" oder „beschützen", um gleichsam die Feinde draußen zu halten. Und er spricht von unseren „Herzen und Gedanken" im Gegensatz zu dem, was die Welt von uns sieht. Man mag viel Schlimmes über einen Christen sagen und ihm viel Schlimmes antun, doch ihm ist ein heimlicher Schutz oder Zauber eigen, und deshalb macht er sich nichts daraus.

Das sind ein paar Vorstellungen von der Geisteshaltung, die sich für die Jünger dessen ziemt, der einst aus „einer reinen Jungfrau geboren" wurde und sie heißt, „wie neugeborene Kinder nach der geistigen, unverfälschten Milch zu verlangen, damit sie durch sie zum Heil heranwachsen" (1 Petr 2, 2). Der Christ ist froh, unbesorgt, freundlich, sanftmütig, höflich, aufrichtig, bescheiden; er kennt keine Anmaßung, keine Geziertheit, keinen Ehrgeiz, kein eigenartiges Verhalten; weil er sich in Bezug auf die Welt weder Hoffnungen macht, noch sie fürchtet. Er ist ernst, nüchtern, besonnen, gesetzt, gemäßigt, mild, dabei aber so wenig ungewöhnlich oder auffallend in seinem Auftreten, dass man ihn auf den ersten Blick leicht für einen ganz gewöhnlichen Menschen halten kann. Es gibt Leute, die meinen, die Religion äußere sich in Verzückung und wohlgesetzter Rede; – zu diesen gehört er nicht. Auf der anderen Seite muss man einräumen, dass es eine Allerwelts-Geisteshaltung gibt, die sich in der Tat ruhig, gelassen und aufrichtig zeigt, von wahrer christlicher Gesinnung jedoch sehr weit entfernt ist. Am heutigen Tage fällt es den Menschen besonders leicht, wohlwollend, freigebig und leidenschaftslos zu sein. Es kostet nichts, leidenschaftslos zu sein, wenn man nichts fühlt; froh zu sein, wenn man nichts zu fürchten hat; großzügig oder freigebig zu sein, wenn man das, was man gibt, nicht zu eigen hat; und wohlwollend und rücksichtsvoll zu sein, wenn man keine Grundsätze und keine Überzeugungen besitzt. Heutzutage sind die Menschen gemäßigt und gerecht, nicht weil der Herr nahe ist, sondern weil sie nicht spüren, dass er kommt. Ruhe ist eine Gnade, aber nicht in sich, sondern nur wenn sie wie ein Reis veredelt wird auf dem Stamm des Glaubens, des Eifers, der Selbsterniedrigung und des Fleißes.

Möge uns das Glück beschieden sein, im Laufe der Jahre Gnade auf Gnade zu häufen und Stufe um Stufe emporzusteigen, ohne die niedrigere außer Acht zu lassen, nachdem wir die höhere erklommen haben, oder die höhere anzustreben, bevor wir die niedrigere erreicht haben. Die erste Gnade ist der Glaube, die letzte die Liebe; zuerst kommt der Eifer, danach die Herzensgüte; zuerst die Demütigung, dann der Friede; zuerst der Fleiß, dann die Ergebung. Mögen wir lernen, alle Gnaden in uns zur Reife zu bringen: mit Furcht und Zittern, wachsam und bußfertig, denn Christus kommt; mit Freude, Dankbarkeit und Unbesorgtsein um die Zukunft, weil er schon gekommen ist.

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