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Diese Worte sind im Sinne des Evangeliums auf mannigfache Weise in Erfüllung gegangen. Unser Erlöser wendet sie an einer Stelle auf die Verwerfung der Juden und die Berufung der Heiden an; aber in dem Zusammenhang, aus dem heraus ich sie zitiert habe, scheinen sie noch eine weitere Bedeutung zu haben und ein großes Prinzip zu verkörpern, das wir alle wohl anerkennen, aber nur unzulänglich befolgen. Unter der Heilsordnung des Geistes sollte alles neu werden und sich umkehren. Stärke, Zahlen, Reichtum, Philosophie, Beredsamkeit, Schlauheit, Lebenserfahrung, Kenntnis der menschlichen Natur, dies sind die Mittel, mit denen weltlich gesinnte Menschen von jeher in der Welt obsiegt haben. In dem Reich aber, das Christus errichtet hat, verkehrt sich alles ins Gegenteil. „Die Waffen unseres Kampfes sind nicht irdisch, wenngleich sie durch Gott die Macht haben, Festungen niederzureißen" (2 Kor 10, 4). Was zuvor in Ehren war, ist entehrt; was zuvor in Unehre war, ist zu Ehren gekommen; was zuvor erfolgreich war, hat versagt; was zuvor versagte, hat Erfolg.Was vorher groß war, ist klein geworden; was vorher klein war, ist groß geworden. Die Schwachheit hat die Stärke besiegt, denn die verborgene Kraft Gottes „wird in der Schwachheit vollendet" (2 Kor 12, 9). Der Geist hat das Fleisch bezwungen, denn dieser Geist ist Eingebung von oben. Ein neues Königreich ist errichtet, das sich nicht nur von allen früheren Reichen unterscheidet, sondern ganz ihr Gegenteil ist; ein Widerspruch in den Augen der Menschen – die sichtbare Herrschaft des unsichtbaren Erlösers.

Dieser große Wandel in der Weltgeschichte wird an sehr vielen Stellen der Schrift vorhergesagt und beschrieben. Betrachten wir zum Beispiel den Lobgesang Mariens, den wir allabendlich beten; sie war keine Frau von hohem Stand, nicht der Liebling der Paläste und der Stolz eines Volkes, doch sie wurde auserkoren für einen glorreichen Platz im Himmelreich. Was Gott in ihr begann, war gleichsam ein Sinnbild für sein Handeln an der Kirche. So sprach Maria davon, dass er „die im Herzen voll Hochmut sind, zerstreut; Gewaltige vom Thron stürzt; Niedrige erhöht; Hungrige mit Gütern erfüllt und Reiche leer davonschickt". Dies war ein Schattenbild oder ein Umriss jenes Reiches des Geistes, das damals auf die Erde kam.

Als ferner unser Herr am Anfang seines öffentlichen Wirkens die großen Prinzipien und Gebote seines Reiches verkündete, welcher Redeweise bediente er sich dabei? Betrachten wir die Bergpredigt: „Er öffnete seinen Mund und sagte: Selig die Armen im Geist; selig die Trauernden; selig die Sanftmütigen; selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen" (Mt 5, 2-10). Armut sollte die Reichtümer der Heiden in die Kirche bringen; Sanftmut sollte die Welt erobern; Leiden sollte „Könige in Ketten legen und Fürsten in eiserne Fesseln" (Ps 149, 8).

Bei anderer Gelegenheit schob er das Gegenstück nach: „Weh euch, ihr Reichen; denn ihr habt eueren Trost empfangen. Weh euch, ihr Satten; denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht; denn ihr werdet klagen und weinen. Weh, wenn euch alle Leute schmeicheln; denn ebenso haben es ihre Väter mit den falschen Propheten gemacht" (Lk 6, 24-26).

Der heilige Paulus wendet sich im gleichen Ton an die Korinther: „Schaut doch nur auf euere Berufung, Brüder! Da sind nicht viele Weise nach irdischer Auffassung, nicht viele Mächtige, nicht viele Hochgeborene. Nein, was die Welt für töricht hält, hat Gott erwählt, um die Weisen zu beschämen; was die Welt für schwach hält, hat Gott erwählt; um das Starke zu beschämen; und das Geringste in der Welt und das Verachtete hat Gott erwählt und das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zunichte zu machen, damit kein Mensch sich rühmen kann vor Gott" (1 Kor, 26-29).

Ein Weiteres: nehmen wir das Buch der Psalmen, das, wenn überhaupt ein Teil des Alten Testamentes, unmittelbar in die Zeit des Evangeliums gehört und die Stimme der Kirche ist. Welches ist der eine Gedanke in diesem heiligen Andachtsbuch vom Anfang bis zum Ende? Der, dass die Schwachen, die Unterdrückten, die Wehrlosen erhöht werden und die Welt beherrschen sollen, trotz deren Aufgebot an Macht, ihren Drohungen und ihren Schrecken – dass „die Ersten die Letzten sein werden und die Letzten die Ersten".

Solcher Art ist das Reich der Kinder Gottes; und solange es besteht, ist ein übernatürliches Werk im Gang, das alles, was der Mensch für groß hält, überwältigt, und alles, was er gering schätzt, obsiegen lässt.

Ja, so ist es; seitdem Christus Gaben aus der Höhe herabgesandt hat, nehmen die Heiligen das Reich ständig in Besitz – mit den Waffen der Heiligen. Die unsichtbaren Mächte des Himmels – Wahrheit, Sanftmut und Gerechtigkeit – kommen allezeit auf die Erde herab, fortwährend sich ergießend, sammelnd, drängend, kämpfend und triumphierend, unter der Führung dessen, der „lebt und tot war, lebendig ist in alle Ewigkeit" (Offb 1, 18). Der Lieblingsjünger sah ihn auf einem weißen Pferd sitzen, als „Sieger ausziehend um zu siegen" (Offb 6, 2). „Ihm folgten auf weißen Pferden in weißes, reines Leinen gekleidet, die Heerscharen im Himmel. Aus seinem Mund kam ein scharfes Schwert, um damit die Völker zu schlagen. Und er herrscht über sie mit eisernem Zepter" (Offb 19, 14-15).

Lasst uns nun diese große Wahrheit auf uns selbst anwenden; denn wir sollten uns stets daran erinnern, wir sind die Kinder Gottes, wir sind die Streiter Christi. Das Reich ist in uns, unter uns und um uns herum. Wir neigen dazu, von ihm wie von einer Sache der Vergangenheit zu reden; wir sprechen von ihm wie aus der Ferne; in Wirklichkeit aber sind wir ein Teil von ihm oder sollten es wenigstens sein; und da wir ein lebendiger Teil von ihm sein wollen, was unsere einzige Hoffnung auf Rettung ist, müssen wir sein Wesen kennen lernen. Das charakteristische Merkmal der Kirche Christi ist, dass die Ersten die Letzten sein werden und die Letzten die Ersten; sind wir uns dieser wunderbaren göttlichen Bestimmung bewusst und haben wir Anteil an ihr?

Lasst mich erklären, was ich meine: – Die meisten von uns haben von Natur aus mehr oder weniger ein Verlangen und eine Sehnsucht nach etwas Höherem, als die Welt uns zu geben vermag. Besonders die Jugend besitzt eine natürliche Liebe zu allem, was edel und heldenmütig ist. Wir hören gerne Fabelgeschichten, die uns der realen Welt entreißen und uns in eine Welt führen, die es nicht gibt. Wir lieben die Vorstellung des Unsichtbaren so sehr, dass wir uns Luftschlösser bauen, als wäre uns die himmlische Wahrheit nicht gewährt. Wir stellen uns gerne vor, in gefährliche Situationen oder in Prüfungen zu geraten und diese trefflich zu meistern. Oder wir ersinnen etwas Vollkommenes, wie es die Welt nicht besitzt, dem wir folgen, dem wir huldigen und unser Herz schenken. Dies entspricht mehr oder weniger der Befindlichkeit junger Menschen, ehe die Welt sie verändert, ehe die Welt auf sie hereinbricht, wie sie es oft sehr bald tut, mit ihrem beschmutzenden, zersetzenden, erniedrigenden, lebensraubenden Einfluss; ehe die Erde sie befleckt und ihr grünes Laub mit Krankheit befällt, ausdörrt und herunterreißt und sie zurücklässt wie Bäume in der Dürre und im Winter, ohne Saft oder Süße. Doch in früher Jugend stehen wir in Laub und in Früchte verheißender Blüte; wir verweilen an stillen Gewässern, mit hoch schlagenden Herzen, mit einer Sehnsucht nach unserem unbekannten Gut und mit einer Art Verachtung für das unstete Gehabe dieser Welt; mit einer Verachtung für die Welt, obwohl wir uns auf sie einlassen. Auch wenn wir uns erlauben, ihr in Maßen Gehör zu schenken und uns an ihren belanglosen Lustbarkeiten und Vergnügungen zu beteiligen, fühlen wir derweilen doch, dass unser Glück nicht dort liegt; und noch sind wir in unserem Denken nicht an dem Punkt angelangt, obgleich wir auf dem Weg dahin sind, wo alles, was jenseits dieser Welt liegt, ein eitler Traum ist. Wir sind auf dem Weg, so zu denken, denn niemand bleibt stehen, wo er stand; sein Verlangen nach dem, was er nicht besitzt, sein ernst gemeintes Nachdenken über unsichtbare Dinge greift, wenn es nicht auf die wahren Ziele gerichtet ist, nach etwas, das er sieht, etwas Irdischem und Vergänglichem, und führt ihn weg von Gott. Ich spreche jedoch von Menschen vor diesem Zeitpunkt, ehe sie ihr Herz an die Welt verschenkt haben, die ihnen das wahre Gut verspricht, sie dann betrügt und glauben lässt, dass es die Wahrheit nirgendwo gibt und dass sie Narren waren, etwas anderes zu glauben. Vor diesem Zeitpunkt jedoch spüren sie ein Verlangen nach überweltlichen Dingen, die sie in weltliche Formen kleiden, weil sie gar keine andere Möglichkeit haben, sie sonst zu begreifen. Wenn sie in bescheidenen Verhältnissen leben, träumen sie davon, ihr eigener Herr zu sein, in der Welt vorwärts zu kommen und unabhängig zu werden; sind sie besser gestellt, treibt sie der Ehrgeiz, sich einen Namen zu machen und Macht auszuüben. In dieser Unruhe ihres Herzens kommt Christus zu ihnen, wenn sie bereit sind, ihn zu sich hereinzulassen, und verspricht ihnen, ihr heftiges Verlangen, diesen quälenden Hunger und Durst, zu stillen. Er wartet nicht, bis sie gelernt haben, große Gefühle als bloße romantische Träume zu verlachen. Er kommt zu den jungen Menschen; er hat sie beizeiten getauft und verspricht ihnen nun auf höhere Art und Weise jene unbekannten Segnungen, nach denen sie verlangen. Er scheint mit den Worten des Apostels zu sagen: „Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch" (Apg 17, 23). Ihr sucht, was ihr nicht seht, ich gebe es euch; ihr verlangt danach, groß zu sein, ich werde euch groß machen; doch achtet darauf, wie – genau auf die umgekehrte Art als ihr es erwartet; der Weg zu wahrem Ruhm ist der, unbekannt und verachtet zu werden.

So sagt er beispielsweise zu den Ehrgeizigen, wie seinen beiden Aposteln: „Wer unter euch der Größte sein will, soll euer Diener sein, und wer unter euch der Erste sein will, soll euer Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, sich bedienen zu lassen, sondern zu dienen" (Mt 20, 26-28). Dies ist unsere Regel. Der Weg nach oben verlangt das Hinabsteigen. Jeder Schritt, den wir abwärts gehen, bringt uns im Himmelreich weiter nach oben. Wollt ihr groß sein? – Dann macht euch klein! Zwischen echtem Aufstieg und Selbsterniedrigung besteht ein geheimnisvoller Zusammenhang. Wenn ihr den Niedrigen und Verachteten dient, wenn ihr die Hungrigen speist, die Kranken pflegt, den Notleidenden beisteht; wenn ihr mit den Widerspenstigen Geduld habt, Beleidigungen hinnehmt, Undankbarkeit ertragt, Böses mit Gutem vergeltet, dann gewinnt ihr, wie durch ein göttliches Zaubermittel, Macht über die Welt und steigt unter den Geschöpfen empor. Gott hat dieses Gesetz erlassen. So vollbringt er seine wunderbaren Werke. Seine Werkzeuge sind arm und verachtet; die Welt kennt ihre Namen kaum oder gar nicht. Sie beschäftigen sich mit Dingen, welche die Welt für Belanglosigkeiten hält, und niemand beachtet sie. Sie arbeiten offensichtlich an keinen großen Unternehmungen; Ergebnisse ihrer Tätigkeit sind nicht zu sehen; sie scheinen zu scheitern. Ja, selbst in Bezug auf ihre religiösen Ziele, die sie nach eigenem Bekunden anstreben, besteht kein natürlicher und sichtbarer Zusammenhang zwischen ihrem Tun und diesen angestrebten Zielen; doch es besteht ein unsichtbarer Zusammenhang im Reich Gottes. Sie steigen auf, indem sie fallen. Ganz klar, denn keine Selbst-Erniedrigung kann so groß sein wie die unseres Herrn. Je mehr sie sich also erniedrigen, desto mehr gleichen sie ihm; und je mehr sie ihm gleichen, desto mächtiger muss ihr Einfluss bei ihm sein.

Wenn wir einmal dieses Gesetz der göttlichen Vorsehung erkannt haben, werden wir die Lehren unseres Herrn besser verstehen und stärker danach verlangen, sie uns zum Vorbild zu nehmen, wie etwa die folgende:

„Ihr sagt zu mir Meister und Herr, und mit Recht tut ihr das; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, müsst auch ihr einander die Füße waschen. Denn ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr tut wie ich an euch getan habe. Amen, amen, ich sage euch: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr und der Abgesandte nicht größer als der, der ihn gesandt hat." Und dann fügt unser Herr hinzu: „Wenn ihr das wisst – selig seid ihr, wenn ihr danach handelt" (Joh 13, 13-17). Als ob er heutzutage zu uns sagen würde: Ihr wisst gut, dass das Evangelium zuerst von den Armen und Niedrigen gegen die Mächte der Welt gepredigt und verbreitet wurde; ihr wisst, dass Fischer und Zöllner die Welt besiegt haben. Ihr wisst es; ihr führt es gerne als Beweis für die Wahrheit des Evangeliums an und verbreitet euch gerne darüber als etwas Erstaunliches und ein Thema für viele Worte; selig seid ihr, wenn ihr es in euch verwirklicht; selig seid ihr, wenn ihr das Werk jener Fischer fortführt; wenn ihr in eurer Zeit ihnen nachfolgt, wie sie mir nachgefolgt sind, und durch eine ähnliche Selbsterniedrigung über die Welt triumphiert und emporsteigt.

Ferner sagt er: „Wenn du von jemand zu einem Hochzeitsmahl eingeladen bist, dann setze dich nicht auf den ersten Platz; ... nein, wenn du eingeladen bist, geh und setze dich auf den letzten Platz, damit, wenn der kommt, der dich eingeladen hat, er zu dir sagt: Freund, rück weiter hinauf! Dann wird es dir zur Ehre sein vor allen deinen Tischgenossen. Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden" (Lk 14, 8, 10-11). Hier haben wir eine Regel, die für unser gesamtes Tun gilt. Es ist klar, dass der Geist dieses Gebotes uns anleitet, uns hier auf Erden in jeglicher Art kleiner Selbst-Demütigungen zu üben, als eine Voraussetzung für unsere Erhöhung nach diesem Leben; statt großzutun, sich in den Vordergrund zu drängen, nach Beachtung zu suchen, laut oder eifernd zu reden und erpicht darauf zu sein, seinen Kopf durchzusetzen; sich damit zufrieden geben, nein vielmehr sich darüber freuen, wenig beachtet zu werden, das zu tun, was für das Fleisch niedrige Dienste sind, sich damit zu begnügen, von den Menschen allenfalls geduldet zu werden, nachsichtig gegenüber Verleumdungen zu sein; nicht zu streiten, nicht zu richten, keinen Tadel auszusprechen, es sei denn, die Pflicht gebietet es; und all dies, weil unser Herr gesagt hat, dass solch eine Haltung der wahre Weg ist, vor ihm erhöht zu werden.

Ein Weiteres: „Ich aber sage euch: Widersteht dem, der euch Böses tut, nicht, sondern wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem halt auch die andere hin" (Mt 5, 39). Was für eine Verhaltensregel! Warum diese freiwillige Erniedrigung? Wozu soll das gut sein? Ist das nicht überspannt? Dem, der einem Böses tut, nicht zu widerstehen, geht schon ziemlich weit; ihm, dem Angreifer, aber auch noch einladend die linke Wange hinzuhalten und sich für Beleidigungen herzugeben? Was für ein großartiges Gebot! Wie – müssen wir uns über Beleidigungen freuen? Sicher müssen wir das, wie schwer es auch zu verstehen sein mag, wie schwierig und peinlich es zu tun. Hören wir die Worte des heiligen Paulus, die eine persönliche Anmerkung zu den Worten Christi darstellen: „Darum habe ich Gefallen an meinen Schwachheiten, an Schmähungen, Notlagen, Verfolgungen und Bedrängnissen um Christi willen," und als Grund fügt er hinzu: „denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark" (2 Kor 12, 10). Wie Gesundheit, körperliche Ertüchtigung und eine geregelte Ernährung für die Stärkung des Leibes notwendig sind, so sind die Schwächung und Heimsuchung des natürlichen Menschen, die Züchtigung und Bedrängnis von Seele und Leib für die Erhöhung der Seele notwendig.

Der heilige Paulus sagt auch: „Rächt euch nicht selber, sondern gebt dem Zorn Gottes Raum! Es steht ja geschrieben: Mein ist die Rache, ich will vergelten, spricht der Herr. Vielmehr, wenn dein Feind hungert, gib ihm zu essen; wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken. Wenn du dies tust, wirst du glühende Kohlen auf sein Haupt sammeln" (Röm 12, 19-20). Als wollte er sagen: dies ist die Rache eines Christen; so häuft ein Christ Strafe und Leiden auf das Haupt seines Feindes; nämlich, indem er Böses mit Gutem vergilt. Bereitet es euch Vergnügen, einen Verletzenden und Bedrücker zu euren Füßen zu sehen? Hat euch jemand Unrecht getan, verleumdet, tyrannisiert, euer Vertrauen missbraucht, ist jemand undankbar gegen euch gewesen? Oder nehmen wir das Alltäglichere: ist jemand unverschämt gegen euch gewesen, hat er euch mit Verachtung gestraft, euch einen Strich durch die Rechnung gemacht, euch hinters Licht geführt, ist jemand gemein gegen euch gewesen und ihr ärgert euch darüber – und euer Empfinden sagt: „Ich wünsche ihm ja nichts Schlimmes, aber ich hätte nichts dagegen, wenn er dafür wenigstens mal zur Ordnung gerufen würde und mir Abbitte leisten müsste." Sagt statt dessen lieber, wie schwer es auch sein mag: „Ich will ihn durch Liebe überwältigen; sofern Strenge nicht geboten ist, werde ich nichts sagen und nichts tun; ich will still sein; ich will versuchen, ihm einen Dienst zu erweisen; ich schulde ihm meinen Beistand, keinen Groll; und ich will freundlich, liebenswürdig, gütig und gelassen sein; und wenn ich vor ihm nicht verbergen kann, dass ich wohl weiß, wo er steht und wo ich stehe, dann soll dies gleichwohl in aller Friedfertigkeit und echter Zuneigung geschehen." Oh schwere, aber über die Maßen segensreiche Pflicht! Denn selbst wenn man das Vergnügen an der Rache ins Auge fasst, wenn man dies so nennen darf, liegt nicht darin eine größere Genugtuung, das stolze und verletzende Herz zu erweichen, als nach außen hin über es zu triumphieren, ohne es innerlich zu unterjochen? Liegt darin nicht mehr wahre Freude, zu Gott aufzuschauen und ihn (sozusagen) als Zeugen des Geschehens anzurufen und seine Engel als wissende Zuschauer eures Triumphes zu haben, auch wenn keine Menschenseele etwas davon weiß, als wenn euer bloßes weltliches Vergelten des Bösen mit Bösem bekannt gemacht und beredet wird, in Gegenwart all jener, und mehr als all jener, welche die Kränkung miterlebt oder von dem Unrecht gehört haben?

Mit der Armut verhält es sich ebenso: in den Augen der Welt wird sie nicht nur als das größte Übel angesehen, sondern auch als die größte Schande. Die Menschen betrachten sie als Schande, weil sie sicherlich oft von Sorglosigkeit, Faulheit, Unvorsichtigkeit und anderen Fehlern herrührt. In vielen Fällen ist sie aber nichts anderes als genau die Lebenslage, in die hinein Gott jemanden versetzt hat; trotzdem wird sie auch dann von der Welt in gleicher Weise verachtet. Wenn nun in der Bibel eines klar ausgesprochen wird, dann sind es die Worte: „Selig die Armen!". Unser Erlöser war das große Beispiel der Armut; er war ein armer Mann. Der heilige Paulus sagt: „Ihr kennt ja die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und wisst, dass er, obschon er reich war, um euretwillen arm geworden ist, damit ihr durch seine Armut reich würdet" (2 Kor 8, 9). Oder betrachtet die sehr ernsten Paulus-Worte über die Gefahr des Reichtums: „Denn Wurzel aller Übel ist die Geldgier; so manche, die sich ihr hingaben, sind vom Glauben abgeirrt und haben sich selbst viel Leid bereitet" (1 Tim 6, 10). Können wir bezweifeln, dass gemäß dem Evangelium die Armut besser ist als Reichtümer? Ich sage, gemäß dem Evangelium und bei den Wiedergeborenen und bei den wahren Dienern Gottes. Natürlich ist es abseits des Evangeliums, bei den nicht Wiedergeborenen, bei den Anhängern dieser Welt nicht von Belang, ob jemand reich oder arm ist; der Mensch ist sowieso nicht gerechtfertigt und da gibt es kein Besser oder Schlechter in seinem äußerlichen Befinden. Doch ich sage, in Christus befindet sich der Arme in einer gesegneteren Lage als der Wohlhabende. Seit der ewige Sohn Gottes in einem Stall geboren wurde, nicht einmal einen Platz hatte, wohin er sein Haupt legen konnte und als Ausgestoßener und Missetäter starb, ist der Himmel durch Armut, Schmach und Leiden erworben worden. Nicht durch diese Attribute an sich, wohl aber durch den Glauben, der in ihnen und durch sie wirkt.

Dies sind nur einige aus einer Vielzahl von Gedanken, die man zu diesem äußerst tiefreichenden und ernsten Thema äußern könnte. Es klingt seltsam, doch es ist eine Wahrheit, die unsere eigene Beobachtung und Erfahrung bestätigen wird: wenn jemand in sich zutiefst Sündhaftes entdeckt und sich dafür sehr demütigt, wenn seine Anmut ihm zu schwinden und seine Tugenden dahinzuwelken scheinen, wenn er Ekel vor sich selbst empfindet und beim Nachdenken über sein Ich Auflehnung verspürt – sich vorkommt wie Staub und Asche, von Fäulnis und Widerlichkeit durchsetzt, dies ist der Augenblick, in dem er im Reich Gottes wirklich aufsteigt; so wie es von Daniel heißt: „Schon vom ersten Tag, da du dich mühtest, Erkenntnis zu erlangen und dich vor deinem Gott zu demütigen, sind deine Bitten erhört worden, und ich hatte mich deiner Bitten wegen auf den Weg zu dir gemacht" (Dan 10, 12).

Lasst uns denn, meine Brüder, unseren Platz als erlöste Kinder Gottes begreifen lernen. Einige müssen groß sein in der Welt, aber wehe jenen, die sich selbst groß machen; wehe denen, die mit diesem Ziel vor Augen einen Schritt von ihrem Weg abkommen. Natürlich ist niemand gefeit gegen die Zudringlichkeit verderbter Beweggründe; ich rede jedoch von Menschen, die einem solchen Beweggrund aus freien Stücken nachgeben und in erster Linie aus solch einem Beweggrund handeln. Dies muss die entschiedene Auffassung aller sein, die Christi Sache auf Erden fördern wollen. Wenn wir uns selbst treu bleiben, kann nichts uns wirklich aufhalten. Wir führen unseren Kampf nicht mit Waffen des Fleisches, sondern mit solchen des Himmels. Die Welt begreift nicht, was unsere wirkliche Kraft ist und wo sie liegt. Und solange wir uns nicht willentlich in ihre Hände begeben, kann sie uns nichts anhaben. Solange wir von der Geduld, der Demut, Reinheit, Entsagung und Friedfertigkeit nicht ablassen, kann die Welt nichts gegen jene Wahrheit bewirken, die unser Geburtsrecht ist, jener Sache, die unsere ist, wie sie die Sache aller Heiligen vor uns war. Alle aber, die sich in einer dunklen Zeit immer wieder um Gott mühen, mögen sich vor all dem hüten, was Verärgerung und Aufregung stiftet und sie in irgendeiner Weise von der Liebe zu Gott und zu Christus und dem schlichten Gehorsam ihm gegenüber abbringt.

Dies soll unsere Pflicht sein in dunkler Nacht, wenn wir auf den Tag warten; wenn wir auf ihn warten, der unser Tag ist; wenn wir auf das Kommen dessen warten, der weggegangen ist, der wiederkehren wird und vor dem alle Geschlechter der Erde wehklagen, die Kinder Gottes aber in Freude ausbrechen werden. „Noch ist nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen aber, dass wir, wenn es offenbar sein wird, ihm ähnlich sein werden; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Jeder, der diese Hoffnung auf ihn setzt, heiligt sich, so wie auch er heilig ist" (1 Joh 3, 2-3). Es ist unsere Seligkeit, dem allheiligen, allbarmherzigen, geduldigen und gnädigen Gott ähnlich gemacht zu werden; ihm, der uns erschaffen und erlöst hat; in dessen Gegenwart vollkommene Ruhe und vollkommener Friede herrschen; den die Seraphim einträchtig loben, die Cherubim still betrachten, die Engel schweigend dienen und die Kirche dankbar anbetet. Im Himmel ist alles Ordnung, Ruhe, Liebe und Heiligkeit. Da gibt es keine Angst, keinen Ehrgeiz, keinen Groll, keine Unzufriedenheit, keine Bitterkeit, keine Zerknirschung, keinen Aufruhr. „Du wirst in vollkommenem Frieden den erhalten, der sein Herz auf dich gesetzt hat, denn er vertraut auf dich. Vertraut auf den Herrn für immer, denn der Herr ist ein ewiger Fels" (Jes 26, 3-4).

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