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Der Prophet sagt uns, dass unter dem Neuen Bund die Diener Gottes das Vorrecht genießen werden, jene himmlischen Dinge zu schauen, die unter dem Gesetz nur schattenhaft angedeutet waren. Die Zeit, ehe Christus kam, war die Zeit der Schatten; als er aber kam, brachte er die Wahrheit und auch die Gnade; und weil er, der die Wahrheit ist, zu uns gekommen ist, fordert er als Gegenleistung von uns, dass wir im Umgang mit ihm wahrhaftig und aufrichtig sind. Wahrhaftig und aufrichtig zu sein heißt, im Geist wirklich jene großen Wunder zu sehen, die er gewirkt hat, auf dass wir sie sehen. Als Gott die Augen der Eselin öffnete, auf der Bileam ritt, sah diese den Engel und reagierte auf dessen Anblick entsprechend. Als er dem jungen Mann, dem Diener des Elischa, die Augen öffnete, sah jener auch die feurigen Wagen und Pferde und fasste Mut. Und in gleicher Weise stehen wir Christen jetzt unter dem Schutz der göttlichen Gegenwart, die wunderbarer ist als alles, was in alter Zeit an Wunderbarem zuteil geworden ist. Gott offenbarte sich sichtbar dem Jakob, Job, Moses, Josua und Jesaia; uns offenbart er sich nicht sichtbar, aber weit wunderbarer und wahrhaftiger; nicht ohne unser Mitwirken aus freiem Willen, doch auf unseren Glauben hin, und eben aus diesem Grunde wahrhaftiger; denn der Glaube ist das besondere Mittel zum Erwerb geistiger Segnungen. Daher betet Paulus für die Epheser, „dass Christus durch den Glauben in eueren Herzen wohne" und dass „er die Augen eueres Herzens erleuchte" (Eph 3, 17; 1, 18). Und Johannes tut kund, dass „der Sohn Gottes uns die Einsicht verliehen hat, den Wahrhaftigen zu erkennen; und wir in dem Wahrhaftigen sind, in seinem Sohn Jesus Christus (1 Joh 5, 20).

Wir leben also nicht mehr im Bereich der Schatten; uns wurde der wahre Erlöser vor Augen gestellt, der wahre Lohn und das wahre Mittel zur geistigen Erneuerung. Wir kennen den wahren Zustand der Seele, den naturgemäßen und den aufgrund der Gnade, wir kennen das Übel der Sünde, die Folgen sündhaften Tuns, die Art und Weise, Gott zu gefallen und die Beweggründe, danach zu handeln. Gott hat sich uns deutlich geoffenbart; er hat „die Hülle weggenommen, die auf allen Völkern liegt, und die Decke, die über allen Nationen ausgebreitet ist" (Jes 25, 7). „Die Finsternis weicht, und das wahre Licht leuchtet bereits" (1 Joh 2, 8). Und darum meine ich, dass wiederum er uns auffordert, „im Licht zu leben, wie er selbst im Licht ist" (1 Joh 1, 7). Die Pharisäer hätten in ihrer Heuchelei die Entschuldigung vorbringen können, dass ihnen die volle Wahrheit noch nicht geoffenbart worden sei; wir haben nicht einmal diese untaugliche Begründung, unaufrichtig zu sein. Uns bleibt keine Möglichkeit, die Dinge zu verwechseln; uns ist ausdrücklich das Versprechen gegeben: „Euer Lehrmeister verbirgt sich fürderhin nicht mehr, und eure Augen werden eure Lehrer schauen" (Jes 30, 20) und „Da sind die Augen der Sehenden nicht mehr verklebt" (Jes 32, 3); und jedes Ding soll bei seinem rechten Namen genannt werden; „Den Toren wird man nicht mehr einen Edlen heißen, noch wird der Betrüger ein ehrlicher Mann genannt" (Jes 32, 5); mit einem Wort werden, gemäß dem vorangestellten Bibelwort, „unsere Augen den König in seiner Herrlichkeit erblicken; sie überschauen ein weites Land" (Jes 33, 17). Unser Bekenntnis, unser Glaube, unser Gebet, unser Tun, unser Umgang, unsere Thesen und unsere Lehren müssen nunmehr aufrichtig oder, um ein aussagekräftiges Wort zu gebrauchen, wirklich sein. Was Paulus von sich und seinen Mitarbeitern sagt, dass sie wahrhaftig seien, weil Christus wahrhaftig ist, gilt für alle Christen: „Denn das ist ja unser frohes Bewusstsein, das Zeugnis unseres Gewissens, dass wir in Gottes Heiligkeit und Lauterkeit, nicht in der Weisheit des Fleisches, sondern in Gottes Gnade gewandelt sind in dieser Welt, vornehmlich aber bei euch. ... oder fasse ich meine Entschlüsse nach Art des Fleisches, so dass das Ja bei mir auch Nein heißen kann? Aber so wahr Gott treu ist: Unser Wort an euch ist nicht Ja und Nein zugleich. Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, ... war nicht Ja und Nein zugleich, sondern in ihm ist das Ja Wirklichkeit geworden. So viele Verheißungen Gottes es auch gibt, in ihm ist das Ja; deshalb erklingt auch durch ihn das Amen zur Verherrlichung Gottes aus unserem Mund" (2 Kor 1, 12-20).

Und doch bedarf es kaum der Erwähnung, dass nichts so selten ist wie Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, und zwar so selten, dass ein wirklich aufrichtiger Mensch bereits vollkommen ist. Unaufrichtigkeit war ein Übel, das innerhalb der Kirche von Anfang an auftrat; Ananias und Simon der Zauberer waren keine offenen Widersacher der Apostel, aber falsche Brüder. Und da unser Erlöser, das was kommen sollte, vorhersah, ist in seinem öffentlichen Auftreten nichts so bezeichnend wie der Ernst seiner Warnungen an diejenigen, die zu ihm kamen, den Glauben leichtfertig anzunehmen oder Versprechen einzugehen, die sie wahrscheinlich brechen würden.

So sagte er, „das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, der in die Welt kommt" (Joh 1, 9), „das Amen, der treue und zuverlässige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes" (Offb 3, 14), zu dem reichen jungen Mann, der ihn leichtfertig mit „guter Meister" anredete, „Warum nennst du mich gut?", ihn gleichsam heißend, seine Worte abzuwägen, um dann unvermittelt anzufügen: „Eines fehlt dir noch" (Mk 10, 17-21). Als ein Schriftgelehrter erklärte, ihm folgen zu wollen, wohin er auch gehe, gab er ihm darauf keine Antwort, sondern sagte: „Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester. Der Menschensohn aber hat nichts, wohin er sein Haupt legen kann" (Mt 8, 20). Als Petrus von ganzem Herzen in eigenem und der Brüder Namen sagte „Zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.", erwiderte er in scharfem Ton „Habe ich nicht euch, die Zwölf, erwählt? Und doch ist einer von euch ein Teufel." (Joh 6, 68-70), so als wollte er sagen „Beantworte du dir die Frage selbst!". Als die beiden Apostel das Verlangen äußerten, ihr Los mit ihm zu teilen, fragte er sie, ob sie „seinen Kelch trinken oder seine Taufe empfangen könnten" (Mk 10, 38). Und als „eine große Volksmenge ihn begleitete", wandte er sich an sie und sagte, wenn jemand nicht seine Verwandten, Freunde und sein eigenes Leben hasse, könne er nicht sein Jünger sein. Dann fuhr er mit der Ermahnung an alle fort, „die Kosten zu berechnen", ehe sie ihm folgten (Lk 14, 25-28). Solcherart ist seine barmherzige Strenge, mit der er uns zurückweist, damit er uns umso wahrhaftiger gewinnen kann. Und was er von denen hält, die ihm zunächst folgen, um dann in ein hohles und heuchlerisches Bekenntnis zurückzufallen, erfahren wir aus seinen Worten an die Laodizeer: „Ich weiß um deine Werke. Du bist weder kalt noch heiß. Wärest du doch kalt oder heiß! Weil du aber lau bist und weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien" (Offb 3, 15-16).

Wir haben ein bemerkenswertes Beispiel für dasselbe Verhalten in Gestalt jenes Heiligen aus dem Alten Bund, der unserem Herrn nach Namen und Auftrag vorausging, – in Josua, dem Heerführer des auserwählten Volkes beim Einzug nach Kanaan. Als sie endlich Besitz ergriffen hatten von dem Land, das Moses und ihre Väter als „weites Land" gesehen hatten, sagten sie zu Josua: „Das sei uns fern, den Herrn zu verlassen, um anderen Göttern zu dienen! ... Wir wollen dem Herrn dienen, denn er ist unser Gott." Josua gab ihnen zur Antwort: „Ihr könnt nicht dem Herrn dienen, denn er ist ein heiliger Gott, er ist ein eifersüchtiger Gott, der euch euere Vergehen und euere Sünden nicht vergeben wird" (Jos 24, 16-19). Nicht als wollte er sie davon abhalten zu gehorchen, sondern sie vielmehr in ihrem Bekenntnis zur Besonnenheit mahnen. Wie sehr erinnert uns seine Antwort an die noch furchtbareren Worte des heiligen Paulus über die Unmöglichkeit einer neuen Umkehr nach gänzlich vollzogenem Abfall!

Und was zum Bekenntnis der Jüngerschaft gesagt worden ist, trifft in entsprechendem Maße zweifelsohne auf jedes Bekenntnis zu. Ein Bekenntnis für etwas abzulegen, heißt mit scharfen Werkzeugen hantieren, wenn wir nicht darauf Acht geben, was wir sagen. Worte haben eine Bedeutung, ob wir diese unserer Äußerung beimessen oder nicht; sie werden uns nach ihrer wirklichen Bedeutung zugerechnet, und wenn wir diese nicht im Sinn hatten, müssen wir uns die Schuld selbst zuschreiben. Wer Gottes Namen unnütz im Munde führt, wird nicht schuldlos befunden, weil er damit keine Meinung verbindet – er kann sich keine eigene Sprache bilden; und wer ein Bekenntnis ablegt, gleich welcher Art, wird im Sinne dieses Bekenntnisses verstanden und nicht dadurch entschuldigt, dass er selbst diesem Bekenntnis keinen Sinn beimisst. „Denn nach deinen Worten wirst du gerecht gesprochen und nach deinen Worten wirst du verurteilt werden" (Mt 12, 37).

Diese Überlegung muss uns Christen gerade in heutiger Zeit nahegelegt werden, denn sie ist in besonderem Maße eine Zeit für Bekenntnisse. Ihr werdet mir in meinen eigenen Worten antworten, alle Zeitalter seien Zeiten des Bekenntnisses gewesen. Das waren sie auch, auf die eine oder andere Art, aber unsere Zeit ist es in ihrem ureigenen Sinn – sie ist vor allem eine Zeit des persönlichen Bekenntnisses. Es ist eine Zeit, in der es (zurecht oder unrecht) so viel privates Urteilen gibt, so viel des Auseinanderhaltens und Unterscheidens, so viel des Predigens und Lehrens, so viel an Autorenschaft, dass das persönliche Bekenntnis, die persönliche Verantwortung und die persönliche Belohnung damit auf ganz eigentümliche Weise verbunden sind. Es ist daher nicht unangebracht, wenn wir in Zusammenhang mit dem vorangestellten Bibelwort einige der mannigfachen Arten und Möglichkeiten betrachten, wie Einzelne, ob in unserem oder einem anderen Zeitalter, unwirkliche Bekenntnisse ablegen bzw. abgelegt haben, d.h. sehend und doch nicht sehend, hörend und doch nicht hörend, und reden, ohne Herr ihrer Worte zu sein oder dies zu sein versuchen. Ich möchte das in einiger Ausführlichkeit tun und auf Einzelheiten eingehen, die zwar verschwindend klein, deswegen aber nicht weniger bedeutungsvoll sind.

Nun kommt es auf allen Gebieten, nicht nur dem der Religion, sehr häufig vor, dass auf unwirkliche Weise gesprochen wird, nämlich dann, wenn wir uns zu einer Thematik äußern, mit der wir nicht so vertraut sind. Angenommen, ihr hört wie jemand, der nichts von militärischen Angelegenheiten versteht, Weisungen erteilt, wie sich Soldaten im Dienst zu verhalten haben, wie ihre Verpflegung und Unterkunft richtig zu handhaben oder wie ihre Marschbewegung zu planen sei, dann wärt ihr sicher, dass seine Fehler unter Männern mit Erfahrung im Kriegshandwerk Spott und Verachtung hervorrufen würden. Oder käme ein Ausländer in eine unserer Städte und legte sofort Pläne vor, wie unsere Märkte zu versorgen oder unsere Polizei zu führen sei, dann würde er sich mit Sicherheit bloßstellen, und allein sein Ansinnen würde einen großen Mangel an gesundem Menschenverstand und an Bescheidenheit erkennen lassen. Wir würden merken, dass er uns nicht versteht und dass er, wenn er über uns redet, nichtssagende Worte gebraucht. Wenn ein Schwachsichtiger versuchte, über Fragen von Proportion und Farbe zu entscheiden, oder ein Gehörloser über musikalische Kompositionen urteilen wollte, würden wir gewahr, dass er über Grundsätzliches und aus einer grundsätzlichen Einstellung heraus spricht, aus seiner Phantasie oder aufgrund von Schlussfolgerungen und Argumenten, aber nicht aufgrund des wirklichen Erfassens der erörterten Materie. Seine Ausführungen wären theoretisch und gingen an der Wirklichkeit vorbei.

Ein Beispiel für diese unwirkliche Art des Redens bieten Menschen, die in einen neuen Personenkreis geraten, unter fremde Gesichter und hinein in neue Ereignisse. Manchmal urteilen sie liebenswürdig über Personen und Sachen, manchmal auch nicht – aber wie immer ihr Urteil ausfällt, es erscheint jenen, welche die Personen und Sachen kennen, seltsam unwirklich und verzerrt. Sie empfinden Ehrfurcht, wo sie es nicht sollten; sie erkennen Geringschätzung, wo keine beabsichtigt war; sie entdecken eine Bedeutung in Geschehnissen, die keine Bedeutung haben; sie malen sich Beweggründe aus; sie missdeuten das Benehmen; sie verkennen den Charakter; sie kommen zu Verallgemeinerungen und sehen Zusammenhänge, die nur in ihrer Vorstellung existieren.

Ein Weiteres: Leute, die sich nicht mit Fragen von Sitte und Moral, mit Politik, kirchlichen Angelegenheiten oder Theologie befasst haben, wissen nicht um die relative Bedeutung von Fragen, denen sie auf diesen Wissensgebieten begegnen. Sie verstehen nicht den Unterschied zwischen dem einem Argument und einem anderen. Das eine wie das andere sind für sie ein und dasselbe. Sie betrachten sie, wie kleine Kinder Dinge bestaunen, die ihnen in die Augen fallen, unentschlossen und ohne zu verstehen, als wüssten sie nicht, ob etwas hundert Meilen entfernt oder zum Greifen nahe ist, ob es groß oder klein, hart oder weich ist. Sie besitzen kein Urteilsvermögen, keinen Maßstab, den sie anlegen können – und so urteilen sie aufs Geradewohl, sagen ja oder nein zu tiefgreifenden Fragen, ganz nach Lust und Laune oder weil ihnen zufällig ein kluges oder bestechendes Argument einfällt. Dementsprechend inkonsequent ist ihr Verhalten: heute sagen sie so, morgen anders; – und wenn sie handeln müssen, dann tun sie dies in Unwissenheit; können sie es sich ersparen, so handeln sie nicht; handeln sie ungezwungen, dann aus einem anderen, nicht eingestandenen Grund. All dies kann nur unwirklich sein.

Wiederum kann es kein treffenderes Beispiel unwirklichen Verhaltens geben als die Art und Weise, auf die sich der überwiegende Teil der Allgemeinheit gewöhnlich sein Urteil in bedeutsamen Fragen bildet. Ständig werden in der Welt Meinungen zu Dingen geäußert, die zu beurteilen die Betreffenden ebensowenig befähigt sind wie Blinde in Bezug auf Farben, und zwar deshalb, weil sie sich mit einschlägigen Fragen niemals auseinandergesetzt haben. Heutzutage sieht sich jedermann verpflichtet, eine Meinung über jederlei Fragen zu haben, seien sie politischer, gesellschaftlicher oder religiöser Natur, weil sie auf die eine oder andere Art die Entscheidung beeinflussen; aber die große Mehrheit ist meistenteils absolut unfähig, ihr Teil dazu beizutragen. Wenn ich dies so sage, bin ich weit davon entfernt zu behaupten, es müsste so sein – weit davon entfernt zu leugnen, dass es so etwas wie den gesunden Menschenverstand gibt oder (was besser ist) ein gutes religiöses Empfinden, der bzw. das seinen Weg durch sehr komplizierte Sachverhalte findet, oder dass von ihm in bestimmten bedeutenden Fragen manchmal tatsächlich durch die große Allgemeinheit Gebrauch gemacht wird. Gleichzeitig jedoch ist dieses praktische Denken ganz und gar nicht vorhanden in Bezug auf die ungeheuere Menge von Fragen, die sich heute in der Öffentlichkeit auftun, so dass (wie all jene wohl wissen, die versuchen, den Einfluss der Leute auf ihre Seite zu gewinnen) deren Meinungen erkauft werden müssen durch Ausnutzung ihrer Vorurteile oder Ängste – nicht etwa durch Vorlegen einer Frage in ihrem wirklichen und wahren Sinngehalt, sondern in geschickter Verbrämung oder durch Herausgreifen eines einzelnen Punktes, der gegebenenfalls übertrieben und verkleidet und als Mittel zum manipulativen Einwirken auf das gesunde Volksempfinden genutzt wird. Und somit wird das Regieren und die Kunst des Regierens, genauso wie die Religion des Volkes, hohl und verderbt.

Und deshalb ist des Volkes Stimme so launisch. Ein Mensch oder ein Maßstab ist heute das Idol der Leute, morgen ist es ein anderer. Sie sind nie darüber hinausgekommen, Schatten für konkrete Dinge zu nehmen.

Was sich in der Masse beispielhaft zeigt, das zeigt sich je unterschiedlich auch bei Einzelpersonen sowie in Bezug auf Einzelheiten. Manche sind beispielsweise darauf erpicht, sich als wortgewandte Redner zu geben. Sie bedienen sich großer Worte und ahmen die Redeweise anderer nach; und sie meinen, jene, die sie nachahmen, hätten damit ebenso wenig Sinn verbunden wie sie selbst, oder sie bringen es möglicherweise fertig zu denken, sie selber hätten eine Meinung, die ihren Worten entspricht.

Eine andere Art der Unwirklichkeit oder des willentlichen Bekundens zu etwas, was über unseren Verstand geht, zeigt sich im Verhalten jener, die unerwartet zu Macht und Ansehen gelangen. Sie befleißigen sich eines Benehmens, wie es ihrer Meinung nach ihr Amt von ihnen verlangt, das aber ihr Maß übersteigt und infolgedessen unziemlich ist. Sie möchten sich würdevoll geben und hören auf, sie selbst zu sein.

Viele wiederum, um einen anderen Fall herauszugreifen, bekunden, wenn sie Menschen in Not begegnen und ihr Mitgefühl zum Ausdruck bringen wollen, ihre Anteilnahme oft auf sehr wirklichkeitsfremde Weise. Ich rechne ihnen dies durchaus nicht als Fehler an, denn es ist sehr schwer zu erkennen, was zu tun ist, weil wir uns einerseits nicht in den Kummer der Betroffenen hineinversetzen können, andererseits aber zu denen, die ihn fühlen, freundlich sein möchten. Ein Ton des Bedauerns scheint angebracht, kann aber (wenn die Dinge so liegen) in unserem Fall nicht echt sein. Doch selbst hier gibt es sicher einen wahrhaftigen Weg, könnten wir ihn nur finden, durch den der Schein vermieden, aber Achtung und Rücksichtnahme sehr wohl bekundet werden können.

Mit religiösen Gefühlen verhält es sich ähnlich. Die Menschen sind sich allein von der Kraft der dem Evangelium innewohnenden Lehren her bewusst, dass sie aufgrund dieser Lehren auf vielfältige Weise, zudem tief und ernsthaft, berührt sein sollten. Die Lehren von der Erbsünde und der persönlichen Sünde, von der Gottheit und dem Sühneopfer Christi sowie von der heiligen Taufe sind so gewaltig, dass niemand sie ohne sehr vielschichtige und tiefe Gefühle zu begreifen vermag. Die natürliche Vernunft sagt das dem Menschen und dass, sofern er schlicht und aufrichtig an diese Lehren glaubt, er diese Gefühle haben muss; und so bekundet er seinen absoluten Glauben an die Lehren und bekennt sich deshalb zu den entsprechenden Gefühlen. In Wahrheit aber glaubt er vielleicht nicht wirklich und absolut an sie, weil es zu einem solch absoluten Glauben lange Zeit braucht, und darum übertrifft sein Bekenntnis zu den Gefühlen die innerlich tatsächlich vorhandenen Gefühle, was heißt, dass er sich von der Wirklichkeit entfernt. Lasst uns zwei Wahrheiten niemals aus den Augen verlieren: dass unsere Herzen von der Liebe Christi durchdrungen und voller Selbstentäußerung sein sollten; – dass aber, wenn sie es nicht sind, das Bekunden, sie seien es, dieses So-Sein nicht bewirkt.

Um ein anderes, gravierenderes Beispiel für denselben Fehler anzuführen: manche beten – nicht wie Sünder, die sich an ihren Gott wenden, auch nicht wie der Zöllner, der sich an die Brust schlägt und spricht: „Gott, sei mir Sünder gnädig!", sondern in einer Weise, wie es sich ihrer Meinung nach im Zustand der Schuld geziemt – so, wie es einer solchen Zwangslage angemessen ist. Sie sind gehemmt und denken darüber nach, wie es um sie steht, und anstatt sich (sozusagen) doch dem Thron der Gnaden zu nähern, sind sie von dem Gedanken erfüllt, dass Gott groß und der Mensch sein Geschöpf ist, Gott droben im Himmel und der Mensch auf der Erde, und dass sie zu einem hohen und feierlichen Dienst bestellt sind, zu dessen erhabenem und bedeutsamen Wesen sie sich emporschwingen sollten.

Eine andere, noch weiter verbreitete Form des nämlichen Fehlers, doch ohne eindeutige Heuchelei oder Mühe, ist die Art, in der manche Leute von der Kürze und Eitelkeit des menschlichen Lebens, von der Gewissheit des Todes und den Freuden des Himmels reden. Sie führen Gemeinplätze im Mund, die sie bei sich bietender Gelegenheit zum Besten anderer, oder um sie zu trösten oder auch als besonderes und angemessenes Zeichen der Aufmerksamkeit ihnen gegenüber von sich geben. So sprechen sie mit Geistlichen erklärtermaßen ernst, sie machen wahre und vernünftige Aussagen, die an sich tiefgründig sind, aus ihrem Munde jedoch nichtssagend klingen; sie geben Kindern und jungen Leuten wohlmeinende Ratschläge; bei Niedergeschlagenheit oder Krankheit etwa fühlen sie sich veranlasst, betont religiös zu reden, wie aus einem inneren Antrieb heraus. Geraten sie in Sünde, so reden sie von der menschlichen Schwachheit, von der Falschheit des menschlichen Herzens, von Gottes Barmherzigkeit und dergleichen: alle diese großen Worte – Himmel, Hölle, Gericht, Barmherzigkeit, Reue, Werke, die gegenwärtige und die zukünftige Welt – sind in ihrem Mund und in ihren Ohren kaum mehr als „undeutliche Töne, von denen man nicht weiß, ob sie auf der Flöte oder auf der Harfe gespielt werden" (nach 1 Kor 14, 7), wie ein „wunderschönes Lied von einem, der eine angenehme Stimme hat und sich auf sein Instrumentenspiel versteht" (nach Ez 33, 32) – wie die Schicklichkeit der gepflegten Konversation oder die höflichen Umgangsformen einer guten Erziehung.

Ich spreche vom Verhalten der Allgemeinheit der sogenannten christlichen Welt; doch was ich gesagt habe, trifft unbedingt auch auf viele wohlgesinnte oder sogar religiöse Menschen zu. Ich glaube, solange die Menschen ihre Erfahrungen mit den Realitäten des Lebens nicht gemacht haben, kann es nicht verwundern, dass ihre Vorstellung von Religion unwirklich ist. Jungen Leuten, die niemals Kummer und Leid gekannt haben, noch die Opfer, welche das Gewissen ihnen abverlangt, mangelt es gewöhnlich an jener Tiefe und Ernsthaftigkeit des Charakters, die nur Kummer und Leid sowie Selbsthingabe bewirken können. Ich stelle dies nicht als Fehler hin, sondern als schlichte Tatsache, die man häufig beobachten kann und sehr wohl im Auge behalten sollte. Der echte Nutzen dieser Welt besteht ja darin, dass wir veranlasst werden, nach einer anderen Welt zu suchen. Sie erfüllt ihre Aufgabe, wenn sie uns zurückstößt, uns anwidert und irgendwo anders hin treibt. Die daraus gewonnene Erfahrung beschert dem religiösen Geist das Erlebnis dessen, was ihr Gegenmittel ist; und so wird unsere Anschauung des Geistigen echt durch die Berührung mit dem Zeitlichen und Irdischen. Viel unwirklicher sind dagegen die Menschen, wenn ein geheimer Beweggrund in ihrem Inneren sie auf einen von der Religion abweichenden Weg drängt und ihre Äußerungen folglich in eine unnatürliche Richtung gelenkt werden, um ihrem geheimen Beweggrund dienlich zu sein. Wenn Menschen die Schlussfolgerungen, zu denen ihre Grundsätze sie führen oder die Weisungen, die in der Heiligen Schrift enthalten sind, nicht mögen, mangelt es ihnen nicht an Einfallsreichtum, beide zu entkräften. Zu ihrer Rechtfertigung entwickeln sie möglicherweise eine Theorie oder legen sich irgendwelche Einwände zurecht; eine Theorie beziehungsweise Einwände, die vielleicht schwer zu widerlegen sind, die aber jeder klar denkende Mensch, ja selbst jeder unbeteiligte Umstehende als unnatürlich und unaufrichtig empfindet.

Was hier über Einzelne gesagt wurde, geschieht in Zeiten, da die Liebe erkaltet und der Glaube schwindet, sogar mit ganzen kirchlichen Gemeinschaften. Das ganze System der Kirche, ihre Disziplin und ihr Ritual, sind in ihrem Ursprung durchweg die spontane und üppige Frucht des wirklichen Grundgedankens der geistigen Religion in den Herzen ihrer Glieder. Die unsichtbare Kirche hat sich zur sichtbaren Kirche entwickelt, und ihre äußeren Riten und Formen werden genährt und beseelt von der lebendigen Kraft, die ihr innewohnt. So verkörpert jeder Teil von ihr etwas Wirkliches, bis hinunter ins Kleinste. Wenn aber die Verführungen der Welt und die Lust des Fleisches dieses göttliche innere Leben aufgezehrt haben, was bleibt dann von der äußeren Kirche mehr als Hohlheit und Gespött, vergleichbar den übertünchten Gräbern, von denen unser Herr spricht, ein Denkmal dessen was war und nicht mehr ist? Wir vertrauen zwar darauf, dass die Kirche nirgendwo so gänzlich vom Geist der Wahrheit verlassen wird, zumindest gemäß der allzeit waltenden Vorsehung Gottes; – dürfen wir aber nicht sagen, dass in dem Maße, wie sie sich diesem Zustand der Leblosigkeit nähert, die Gnade ihrer Sakramente, wenn nicht verwirkt ist, so doch zumindest nur als dürftiges oder unsicheres Rinnsal fließt?

Und schließlich, wenn sich diese Unwirklichkeit in die Kirche selbst einschleichen kann, die letztlich eine praktische Einrichtung ist, um wieviel mehr findet sie sich dann in der Philosophie und in der Literatur. Die Literatur ist schon ihrem Wesen nach fast unwirklich; denn sie besteht in der vom praktischen Leben losgelösten Entfaltung von Gedanken. Muße und Zurückgezogenheit gelten als ihr wahres Zuhause; und wenn sie mehr tut als reden oder schreiben, wird sie des Überschreitens ihrer Grenzen bezichtigt. Dies nämlich macht in der Tat das aus, was als ihre wahre Würde und Ehre angesehen wird: ihr Abstrahieren von den tatsächlichen Geschehnissen des Lebens; ihr Sichersein vor den Strömungen und Wechselfällen der Welt; ihr Reden ohne Handeln. Ein Literat wird als seine Würde wahrend betrachtet, wenn er tatenlos bleibt; und schreitet er zur Tat, dann gilt er als einer, der seine Position aufgibt, wie wenn er seiner Berufung durch Begeisterung schaden und zum Politiker oder Anhänger einer Partei würde. Von daher können sich bloße Literaten in scharfen Worten gegen die religiösen oder politischen Strömungen ihrer Zeit wenden, ohne dass es ihnen übel genommen wird; denn keiner glaubt, dass sie damit etwas Bestimmtes vorhaben. Niemand erwartet von ihnen, dass sie ihre Äußerungen in die Tat umsetzen, und bloße Worte tun keinem weh.

Dies sind einige der gewöhnlicheren oder weiter verbreiteten Beispiele für Bekundungen, denen keine Taten folgen bzw. für ein Reden ohne wirkliches Sehen und Empfinden. Wenn ich diese Beispiele anführe – lasst mich das anmerken –, will ich damit nicht sagen, dass solches Bekunden, wie ich es geschildert habe, immer schuldhaft oder falsch ist; tatsächlich habe ich dabei stets auch das Gegenteil einbegriffen. Oft haben wir nichts weiter vor uns als ein Missgeschick. Es braucht lange Zeit, die Dinge wirklich so zu empfinden und zu begreifen, wie sie sind; wir lernen dies erst nach und nach. Ein Bekunden, das über unsere Gefühle hinausgeht, ist nur dann ein Fehler, wenn wir es vermeiden können – ein Fehler, wenn wir entweder dann reden, wo es keines Redens bedarf, oder nichts empfinden, wo wir Empfindungen hätten haben können. Harte, unempfindsame Herzen, vorlaute und gedankenlose Schwätzer, sie sind es, deren unwirkliches Verhalten, wie ich es bezeichnet habe, sündhaft ist; es ist die Sünde eines jeden von uns, je nachdem wie kalt unser Herz oder wie lose unsere Zunge ist.

Die bloße Tatsache jedoch, dass wir mehr sagen als wir fühlen, ist nicht notwendigerweise sündhaft. Petrus hat sein Bekenntnis „Du bist der Messias!" (Mt 16, 16) nicht in seiner vollen Bedeutung begriffen, und doch wurde er selig gepriesen. Jakobus und Johannes sagten: „Wir können es!" (Mt 20, 22), ohne klare Vorstellung, doch auch ohne Sünde. Wir versprechen immer Größeres als wir zu leisten imstande sind und vertrauen auf Gott, dass er uns befähige, es dennoch zu vollbringen. Unser Versprechen schließt ein Gebet um Erleuchtung und Stärke ein. Auf diese Weise sprechen wir alle immer wieder das Credo, doch wer begreift es vollständig? All unser Hoffen besteht darin, dass wir auf dem Weg sind, es zu verstehen; dass wir es in Teilen verstehen; dass wir danach verlangen, darum beten und uns bemühen, es mehr und mehr zu verstehen. Unser Credo wird zu einer Art Gebet. Jemand ist schuldhaft unwirklich in seinem Reden, nicht wenn er mehr sagt als er empfindet, sondern wenn er etwas anderes sagt als er empfindet. Ein Geizhals, der das Almosengeben lobt, oder ein Feigling, der Weisungen für mutiges Verhalten erteilt, ist unredlich; es ist aber nicht unredlich, wenn der Kleinere vom Größeren spricht, wenn der Großzügige sich auslässt über Freigebigkeit, wenn der Großmütige den Edeldenkenden rühmt, der Sich-selbst-Verleugnende die Sprache des Gestrengen benutzt oder der Bekenner zum Martyrium ermuntert.

Was ich sage, läuft auf Folgendes hinaus: lass es dir ernst sein und du wirst über die Religion sprechen, wo und wann und wie du es solltest; setze dir Ziele und du findest die richtigen Worte, ohne dich gezielt darum zu bemühen. Es gibt tausenderlei Methoden, diese Welt zu betrachten, aber nur eine, die richtig ist. Der Vergnügungshungrige hat seine Methode, der Gewinnsüchtige die seine und der Intellektuelle die seine. Reiche und Arme, Regierende und Regierte, Wohlhabende und Unzufriedene, Gebildete und Ungebildete, alle haben sie ihre eigene Methode, die Dinge zu sehen, die ihnen unter die Augen kommen, und jeder hat eine falsche Methode. Es gibt nur die eine richtige Methode, nämlich diejenige, wie Gott die Welt sieht. Bemühe dich darum, sie nach Gottes Art zu sehen. Bemühe dich darum, die Dinge so zu sehen, wie Gott sie sieht. Bemühe dich darum, dir ein Urteil über Menschen, Ereignisse, Rangordnungen, Schicksale, Veränderungen und Ziele zu bilden, wie Gott es tut. Bemühe dich, dieses Leben so zu sehen, wie Gott es sieht. Bemühe dich, das künftige Leben und die unsichtbare Welt anzuschauen wie Gott. Bemühe dich, „den König in seiner Herrlichkeit zu erblicken". Alle Dinge, die wir sehen, sind für uns nur Schatten und Trugbilder, wenn wir nicht zu dem vordringen, was sie wirklich bedeuten.

Es ist nicht leicht, jene neue Sprache zu lernen, die Christus uns gebracht hat. Er hat uns alle Dinge in einer neuen Art gedeutet. Er hat uns eine Religion gegeben, die ein neues Licht über jegliches Geschehnis ausgießt. Versucht diese Sprache zu lernen! Lernt sie nicht, wie man etwas auswendig lernt, und sprecht sie nicht wie etwas Selbstverständliches. Versucht zu verstehen, was ihr sagt. Die Zeit ist kurz, die Ewigkeit lang. Gott ist groß, der Mensch schwach; er steht zwischen Himmel und Hölle; Christus ist sein Erlöser; Christus hat für ihn gelitten. Der Heilige Geist heiligt ihn; die Buße reinigt ihn, der Glaube rechtfertigt, die Werke retten. Dies sind erhabene Wahrheiten, die eigentlich nicht ausgesprochen werden brauchen, es sei denn als Credo oder zur Belehrung; sie müssen aber im Herzen bewahrt werden. Dass etwas wahr ist, ist kein Grund dafür, dass es ausgesprochen werden müsste, sondern dass es getan werden muss; dass danach gehandelt werden muss; dass wir es uns innerlich zu Eigen machen.

Vermeiden wir Gerede jedweder Art: sei es bloßes Geschwätz, abwertendes Kritisieren, ein nutzloses Bekennen, das Sich-Verbreiten über die Lehren des Evangeliums, gekünsteltes Philosophieren oder anmaßende Beredsamkeit. Hüten wir uns vor Frivolität, vor dem Hang zur Zurschaustellung, dem Hang, Gesprächsmittelpunkt zu sein, dem Hang zur Einzigartigkeit, dem Hang, originell zu erscheinen. Bemühen wir uns zu meinen, was wir sagen, und zu sagen, was wir meinen; bemühen wir uns zu erkennen, wann wir eine Wahrheit verstehen und wann nicht. Verstehen wir sie nicht, dann lasst sie uns gläubig annehmen und uns dazu bekennen. Lasst uns die Wahrheit in Ehrfurcht aufnehmen und Gott bitten, uns den guten Willen, sein göttliches Licht und geistige Stärke zu verleihen, damit sie Frucht bringen möge in uns.

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