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Von all den Gedanken, die uns in den Sinn kommen, wenn wir das Verweilen unseres Herrn Jesus Christus auf Erden betrachten, ist wohl keiner so ergreifend und besänftigend wie das Verborgensein, das es begleitete. Ich spiele damit nicht auf seine bescheidene Herkunft an, sondern ich spreche von dem Verborgensein, das ihn umgab, und von der Verschwiegenheit, die er wahrte. Dieses Merkmal seiner ersten Ankunft findet in der Schrift sehr häufig Erwähnung, so im vorangestellten Zitat „Das Licht leuchtet in der Finsternis, die Finsternis aber hat es nicht ergriffen", und steht im Gegensatz zu dem, was uns über seine zweite Ankunft vorausgesagt wird. Dann „wird jedes Auge ihn sehen" (Offb 1, 7), was bedeutet, dass alle ihn erkennen werden, während ihn bei seinem ersten Kommen zwar viele sahen, aber in der Tat nur wenige erkannten. Es gab ja die Prophezeiung „Keine Schönheit besaß er, so dass wir ihn anschauen mochten" (Jes 53, 2), und am Ende seines öffentlichen Lebens sagte er zu einem seiner zwölf erwählten Freunde: „Schon so lange Zeit bin ich bei euch und du hast mich nicht erkannt, Philippus?" (Joh 14, 9).

Ich möchte euch nun ein paar Gedanken vortragen, die sich aus dem heutigen feierlichen Anlass ergeben und die mit Gottes Segen von Nutzen sein mögen:

1. Lasst uns zuerst einige der Umstände bedenken, die für seinen Aufenthalt auf Erden bezeichnend waren.

Dass er sich herabließ und vom Himmel herniederstieg, die Herrlichkeit seines Vaters verließ und Fleisch annahm, liegt so weit außerhalb des Fassungsvermögens menschlicher Worte und Gedanken, dass man beim ersten Hinsehen meinen möchte, es mache wenig Unterschied, ob er als Fürst oder als Bettler kam. Und doch ist es schließlich viel wunderbarer, dass er in Niedrigkeit kam, und zwar deshalb, weil man im Voraus hätte denken können, dass, wenn er sich schon herabließ und auf die Erde kam, er es nicht auf sich nehmen würde, übersehen und verachtet zu werden: denn die Reichen werden von der Welt nicht verachtet, die Armen aber wohl. Wäre er als großer Fürst oder Edelmann gekommen, dann hätte die Welt, ohne auch nur einen Deut mehr um seine Gottheit zu wissen, doch zumindest zu ihm als Fürsten aufgeschaut und ihn geehrt; da er aber in Niedrigkeit kam, nahm er eine zusätzliche Demütigung auf sich – die Verachtung – er wurde von seinen Geschöpfen geringgeschätzt, verhöhnt, achtlos übergangen und seiner Ehre ruchlos beraubt.

Was waren nun die tatsächlichen Umstände seines Kommens? Seine Mutter ist eine arme Frau; sie kommt nach Bethlehem, um sich in die Steuerliste eintragen zu lassen, – sie ist unterwegs, wo sie doch am liebsten zu Hause geblieben wäre. Sie findet keinen Platz in der Herberge und ist gezwungen, ihre Zuflucht zu einem Stall zu nehmen; dort bringt sie ihren erstgeborenen Sohn zur Welt und legt ihn in eine Futterkrippe. Dieses kleine Kind, so geboren und gebettet, ist kein anderer als der Schöpfer des Himmels und der Erde, der ewige Sohn Gottes.

Ja, er wurde von einer armen Frau geboren, in eine Krippe gelegt, in einem einfachen Handwerk unterwiesen, dem eines Zimmermanns; als er das Evangelium zu predigen begann, hatte er nichts, wohin er sein Haupt legen konnte; schließlich wurde er hingerichtet, er starb eines schändlichen und abscheulichen Todes, des Todes, der damals für Verbrecher bestimmt war.

Die letzten drei Jahre seines Lebens predigte er, wie wir es in der Schrift lesen, das Evangelium; er begann damit jedoch erst, als er dreißig Jahre alt war. Die ersten dreißig Jahre seines Lebens scheint er so verbracht zu haben, wie dies ein Armer noch heute tun würde. Tag um Tag, eine Jahreszeit nach der anderen, Winter und Sommer, ein Jahr um das andere vergingen, wie es einem jedem von uns geschehen könnte. Aus dem im Arm gehaltenen Säugling wurde ein Kind, aus diesem ein Junge, und so wuchs er heran „wie eine zarte Pflanze" und nahm zu an Weisheit und Gestalt; dann scheint er dem Beruf Josefs, seines vermeintlichen Vaters, nachgegangen zu sein; so ging es mit ihm ganz normal weiter, ohne jegliches großes Ereignis, bis er dreißig Jahre alt war. Wie überaus erstaunlich dies alles ist – dass er hier so lange leben sollte, ohne etwas Großes zu tun; hier leben sollte, sozusagen nur um des Lebens willen; ohne zu predigen oder Jünger um sich zu scharen oder in irgendeiner erkennbaren Weise die Sache voranzubringen, derentwegen er vom Himmel herabgekommen war. Zweifellos gab es im Ratschluss Gottes tiefe und weise Gründe dafür, dass er so lange im Verborgenen blieb; ich will damit nur sagen, dass wir diese Gründe nicht kennen.

Es ist bemerkenswert, dass ihn anscheinend auch seine Umgebung als einen ihresgleichen behandelt hat. Seine Brüder, d.h. seine nahen Verwandten, seine Vettern, glaubten nicht an ihn. Sehr beachtenswert ist auch, was uns über ihn gesagt wird, als er zu predigen begann und eine große Volksmenge um sich scharte: „Als die Seinen davon hörten, machten sie sich auf, um sich seiner zu bemächtigen, denn sie sagten: Er ist von Sinnen" (Mk 3, 21). Sie behandelten ihn so wie auch wir heute, und das zurecht, jeden gewöhnlichen Menschen behandeln würden, der auf der Straße zu predigen anfängt. Ich sage „zurecht", weil solche Menschen im Allgemeinen ein neues Evangelium predigen und sich aus diesem Grunde zwangsläufig ins Unrecht setzen. Außerdem predigen sie ohne Sendung und gegen die Autorität, was ebenfalls nicht rechtens ist. Infolgedessen sind wir oft versucht zu sagen, solche Leute seien „von Sinnen" oder verrückt, und das nicht zu Unrecht. Oft sind diese Attribute durchaus positiv zu verstehen, denn es ist besser, verrückt zu sein als ungehorsam. Was wir also von solchen Leuten sagen würden, das sagten die Freunde unseres Herrn von ihm. Sie waren schon so lange bei ihm und kannten ihn doch nicht; sie begriffen nicht, was er war. Sie bemerkten nichts, was einen Unterschied zwischen ihm und ihnen gemacht hätte. Er war gekleidet wie andere; er aß und trank wie andere; er kam und ging, redete, bewegte sich und schlief wie andere. Er war in jeder Hinsicht ein Mensch, außer dass er nicht sündigte; und diesen großen Unterschied nahm die Masse nicht wahr, denn keiner von uns versteht jene, die besser sind als er selbst: und so könnte Christus, der von Sünden freie Sohn Gottes, in unserer Nähe leben, ohne dass wir es bemerkten.

2. Ich behaupte, Christus, der von Sünde freie Sohn Gottes, könnte heute in dieser Welt nebenan als unser Nachbar leben, und wir würden vielleicht nicht dahinter kommen. Dies ist ein Gedanke, bei dem wir etwas verweilen sollten. Ich will nicht sagen, dass es nicht viele Menschen gibt, bei denen wir uns sicher sein könnten, dass sie nicht Christus sind; natürlich nicht solche, die ein schlechtes und unreligiöses Leben führen. Doch es gibt auch viele, die keineswegs unreligiös sind oder zu ernstem Tadel Anlass geben und sich auf den ersten Blick weitgehend gleichen, in den Augen Gottes jedoch sehr verschieden sind. Ich meine damit die große Masse der sogenannten ehrbaren Leute, die sich sehr voneinander unterscheiden: manche sind lediglich anständig und nach außen hin korrekt, haben aber mit der Religion nicht viel im Sinn, versagen sich nichts, glühen nicht in Liebe zu Gott, lieben aber die Welt; da es in ihrem Interesse liegt, ein geregeltes und geordnetes Leben zu führen, oder weil sie keinen starken Leidenschaften unterliegen oder sich einfach das geregelte Leben schon früh zu Eigen gemacht und ihre Gewohnheiten sich entsprechend herausgebildet haben, sind sie, was sie sind, anständig und korrekt, aber kaum mehr. Es gibt jedoch andere, die in den Augen der Welt genauso aussehen, im Herzen aber sehr verschieden sind; sie machen kein Aufhebens von sich, ihr Alltag verläuft ruhig und normal wie der der anderen, aber in Wirklichkeit üben sie sich darin, Heilige im Himmel zu werden. Sie tun alles, was in ihren Kräften steht, um sich zu ändern, um Gott ähnlich zu werden, Gott zu gehorchen, sich in Zucht zu nehmen, der Welt zu entsagen; freilich tun sie dies im Verborgenen, zum einen, weil Gott sie so zu tun heißt, zum anderen, weil sie nicht möchten, dass es öffentlich wird. Darüber hinaus gibt es zwischen diesen beiden Arten von Menschen viele andere, die mehr oder weniger der Welt zugetan sind und mehr oder weniger ihrem Glauben. Für den gewöhnlichen Sterblichen sehen sie alle gleich aus, denn die wahre Religion lebt verborgen im Herzen; und obgleich sie ohne Werke nicht bestehen kann, sind dies doch zumeist im Verborgenen vollbrachte Werke: verborgene Wohltaten, verborgene Gebete, verborgene Selbstverleugnung, verborgene Kämpfe, verborgene Siege.

Selbstverständlich werden Menschen in dem Maße, in dem sie ins Licht der Öffentlichkeit treten, mehr gesehen und genauer beobachtet und (in gewissem Sinne) zunehmend bekannt; ich rede jedoch von Menschen im normalen alltäglichen Privatleben, wie es unser Erlöser dreißig Jahre lang geführt hat; und diese Menschen gleichen einander sehr. Und von ihnen gibt es so viele, dass wir, es sei denn, wir kommen ihnen sehr nahe, keinerlei Unterschied zwischen dem einen und dem anderen feststellen können; wir verfügen nicht über die Möglichkeiten dazu, und außerdem steht es uns nicht zu. Und dennoch, auch wenn wir kein Recht haben, über andere zu urteilen, sondern dies Gott überlassen müssen, ist es ganz sicher, dass ein wirklich heiliger Mensch, ein wahrhafter Heiliger, obwohl er aussieht wie andere Menschen, doch eine Art verborgener Kraft in sich hat, die andere Gleichgesinnte zu ihm hinzieht und die auf alle, die etwas wie er in sich tragen, ihren Einfluss ausübt. Und so wird die Frage, ob wir Gleichgesinnte der Heiligen Gottes sind, ob sie Einfluss auf uns ausüben, oft zum Prüfstein für uns. Und wenn wir zum jeweiligen Zeitpunkt auch keine Möglichkeit haben zu wissen, welches die Heiligen Gottes sind, werden wir sie haben, wenn alles hinter uns liegt. Wenn wir dann auf das Vergangene zurückschauen, vielleicht nachdem sie verstorben und von uns gegangen sind, und wir sie gekannt hätten, mögen wir uns fragen, welche Macht sie über uns besaßen, ob sie uns angezogen, uns beeinflusst, uns demütig gemacht und unsere Herzen in uns zum Brennen gebracht haben. Ach! – zu oft werden wir feststellen, dass wir lange Zeit in ihrer Nähe lebten, die Möglichkeit hatten, sie kennen zu lernen, aber nicht kannten; dies ist fürwahr ein schweres Urteil, das auf uns lastet. Nun, dies hat sich an der Lebensgeschichte unseres Erlösers in einzigartiger Weise erwiesen, welches übergroße Maß an Heiligkeit er besaß. Je heiliger ein Mensch ist, desto weniger wird er von den Menschen dieser Welt verstanden. Alle, die auch nur einen Funken lebendigen Glaubens in sich haben, werden ihn bis zu einem gewissen Grad verstehen, und je größer seine Heiligkeit ist, desto mehr werden sie meistens angezogen; die aber der Welt dienen, werden ihm gegenüber blind sein oder ihn verhöhnen und verachten, je heiliger er ist. Dies, meine ich, widerfuhr unserem Herrn. Er war der Allheilige, doch „das Licht leuchtete in der Finsternis, die Finsternis aber hat es nicht ergriffen". Seine nahen Verwandten glaubten nicht an ihn. Und wenn dies, aus dem von mir genannten Grund, tatsächlich so war, dann erhebt sich sicherlich die Frage, ob wir ihn besser verstanden hätten als sie; ob wir ihn, wenngleich er unser nächster Nachbar oder ein Mitglied unserer Familie gewesen wäre, von jemand anderem unterschieden hätten, der in seinem Verhalten ruhig und korrekt war – oder ob wir ihn nicht vielmehr, obwohl wir ihn geachtet haben (ach – welch ein Wort, welch eine Sprache gegenüber dem Allerhöchsten!), wenn wir überhaupt so weit gegangen wären – ob wir ihn nicht für sonderlich, exzentrisch, extravagant und schwärmerisch gehalten hätten. Noch viel weniger hätten wir auch nur einen Funken jener Herrlichkeit wahrgenommen, die er beim Vater noch vor Anbeginn der Welt hatte und die durch seinen irdischen Leib nur verborgen, aber nicht ausgelöscht wurde. Dies ist wahrlich ein furchtbarer Gedanke; denn wenn er uns über längere Zeit nahe gewesen wäre und wir nichts Wunderbares an ihm entdeckt hätten, so könnten wir dies als einen klaren Beweis dafür nehmen, dass wir nicht die Seinen wären, denn „seine Schafe hören seine Stimme und folgen ihm" (Joh 10, 27); wir könnten es als einen klaren Beweis dafür nehmen, dass wir ihn nicht kannten, noch seine Größe bewunderten, seine Herrlichkeit anbeteten oder sein vortreffliches Wesen liebten, würde uns seine Nähe im Himmel gewährt.

3. An diesem Punkt werden wir mit einem weiteren höchst ernsten Gedanken konfrontiert, auf den ich eingehen möchte. Wir geben uns gerne dem Wunsch hin, wir wären in den Tagen Christi geboren, und auf diese Art entschuldigen wir unser Fehlverhalten, wenn unser Gewissen uns anklagt. Wir meinen, hätten wir den Vorteil genossen, mit Christus zu leben, wären unsere Motivation zum einen und unsere Zurückhaltung gegenüber der Sünde zum anderen stärker gewesen. Meine Antwort darauf lautet, dass sich unsere sündhaften Gewohnheiten nicht nur nicht gewandelt hätten, sondern dass uns genau diese Gewohnheiten aller Wahrscheinlichkeit nach daran gehindert hätten, ihn zu erkennen. Wir hätten nicht gewusst, dass er unter uns ist; und selbst wenn er uns gesagt hätte, wer er war, wir hätten ihm nicht geglaubt. Ja, hätten wir seine Wunder gesehen (was uns unglaublich vorkommen mag), selbst sie hätten keinen bleibenden Eindruck bei uns hinterlassen. Ohne das Thema zu vertiefen, ziehen wir nur die Möglichkeit in Betracht, Christus wäre unter uns gewesen, wenn auch ohne Wunder zu wirken, und wir hätten es nicht gewusst; ich glaube freilich, dies wäre bei den meisten der Fall gewesen. Doch genug davon. Worauf ich hinaus will, ist Folgendes: ich möchte, dass ihr gewahr werdet, welch schreckliches Licht dies auf unsere Aussichten in der künftigen Welt wirft. Wir meinen, der Himmel müsse für uns ein Ort der Glückseligkeit sein, wenn wir nur dorthin gelangten; es ist sehr wahrscheinlich – sofern wir nach dem, was hier unten geschieht, urteilen – , dass ein schlechter Mensch, käme er in den Himmel, gar nicht wüsste, dass er sich dort befindet; die weitere Frage will ich gar nicht anschneiden, ob sich andererseits allein die Tatsache, dass er sich mit all seiner auf ihn lastenden Unheiligkeit im Himmel befindet, ihm nicht wirklich zur Qual würde und nicht Feuer der Hölle in seinem Innern entzündete. Dies wäre wahrscheinlich eine ganz fürchterliche Art, sich darüber klar zu werden, wo er sich befindet. Doch gehen wir von einem weniger schweren Fall aus: angenommen, er könnte ohne die Pein der Flammen im Himmel verbleiben, dann scheint es doch so zu sein, dass er zumindest nicht wüsste, dass er dort ist. Konnten die Menschen Gott näher kommen als zu der Zeit, da sie ihn ergriffen, ihn schlugen, ihn anspien, ihn antrieben, ihm die Kleider vom Leib rissen, seine Glieder auf dem Kreuz ausstreckten, ihn annagelten, das Kreuz aufrichteten, ihn anstarrten, ihn verhöhnten, ihm Essig zu trinken gaben, nachschauten, ob er schon tot war, und ihn dann mit einer Lanze durchbohrten? Welch schrecklicher Gedanke, dass die größte Annäherung des Menschen an Gott auf Erden in gotteslästerlicher Weise geschah! Wer von denen kam ihm näher: Thomas, der seine Hand ausstrecken und voll Ehrfurcht die Wunden berühren durfte, und Johannes, der an seiner Brust ruhte – oder die rohen Soldaten, die ihn Glied um Glied entehrten und Nerv um Nerv peinigten? Seine gebenedeite Mutter kam ihm in der Tat noch näher; wir aber, wenn wir wahre Gläubige sind, noch mehr, da wir ihn, wenn auch dem Geiste nach, in uns haben; doch dies ist eine andere, eine innerliche Art der Annäherung. Von denen, die ihm äußerlich nahe kamen, näherten sich diejenigen am meisten, die nichts davon wussten. So verhält es sich auch mit den Sündern: sie treten nahe an den Thron Gottes heran; sie stieren ihn dümmlich an; sie berühren ihn; sie machen sich an den heiligsten Dingen zu schaffen; sie benehmen sich fortwährend wie Eindringlinge und Schnüffler, ohne dabei etwas Unrechtes zu finden, sondern aus einer Art plumper Neugier, bis die rächenden Blitze sie vernichten – dies alles, weil sie kein Gespür besitzen, das ihnen in diesen Dingen Leitung geben könnte. Unsere körperlichen Sinne melden uns, wenn sich uns auf Erden etwas Gutes oder Schlechtes nähert. Aufgrund unseres Gehörs, Geruchs und Gefühls wissen wir, was mit uns geschieht. Wir wissen, wie es ist, wenn wir uns dem Wetter aussetzen oder uns überanstrengen. Wir werden gewarnt und spüren, dass wir diese Warnungen nicht übergehen dürfen. Sünder hingegen haben keine geistigen Sinnesorgane; sie können nichts vorausahnen; sie wissen nicht, was im nächsten Augenblick mit ihnen geschieht. So setzen sie ihren Weg zwischen Abgründen fort, bis sie unversehens abstürzen oder niedergeschlagen werden und umkommen. Welch elende Wesen! – dies tut die Sünde unsterblichen Seelen an, dass sie sich verhalten wie das Vieh, das zur Schlachtbank geführt wird und obendrein die Gerätschaften berührt und beriecht, die es töten werden!

4. Natürlich könnt ihr fragen, was hat das mit uns zu tun? Christus ist ja nicht hier; wir können seine Majestät auf diese oder auf jegliche andere, weniger gravierende Art deshalb gar nicht beleidigen. Sind wir dessen so sicher? Freilich können wir keine solch öffentliche Gotteslästerung begehen; es ist aber eine andere Frage, ob sie deswegen nicht genauso schwerwiegend sein kann. Denn häufig sind die Sünden, die weniger erschreckend sind, größer; die Beleidigungen, die weniger laut ausgesprochen werden, bitterer; das Böse, das mit größerer Raffinesse begangen wird, tiefergehend. Erinnert uns dies nicht an eine Stelle in der Schrift? „Dem, der ein Wort gegen den Menschensohn sagt, wird vergeben werden; wer aber etwas gegen den Heiligen Geist sagt, dem wird nicht vergeben" (Mt 12, 32). Nun, ich will nicht darüber entscheiden, ob sich diese drohende Ankündigung an uns heutigen Christen erfüllen kann oder nicht; wenn wir aber bedenken, dass wir in dieser Zeit dem Wirken eben jenes Geistes unterliegen, von dem unser Erlöser spricht, dann ist das eine sehr ernste Frage. Ich zitiere die Textstelle nur um zu zeigen, dass es Sünden geben kann, die noch größer sind als eine Beleidigung oder ein Unrecht gegenüber der Person Christi, obschon wir dies für unmöglich halten sollten, und obwohl sie nicht so schamlos oder öffentlich sein könnten. Mit diesen Gedanken vor Augen wollen wir Folgendes bedenken:

Zunächst, dass Christus noch auf Erden ist. Er hat ausdrücklich gesagt, er werde wiederkommen. Das Herabkommen des Heiligen Geistes ist derart wirklich sein Kommen, dass wir ebenso gut sagen könnten, er sei in den Tagen seines Fleisches, als er sichtbar in dieser Welt lebte, gar nicht hier gewesen, wir leugnen, dass er jetzt hier ist, nämlich hier ist durch die Anwesenheit seines göttlichen Geistes. Dies ist in der Tat ein Geheimnis, wie Gott Sohn und Gott Heiliger Geist, zwei Personen, ein einziger sein können, wie er im Geist und der Geist in ihm sein kann; aber so ist es.

Und weiter, wenn er immer noch auf Erden ist, doch nicht sichtbar (was sich nicht leugnen lässt), dann ist klar, dass er den Zustand beibehält, den er in den Tagen seines fleischlichen Lebens gewählt hat. Ich meine den eines verborgenen Erlösers, dem man sich (sofern man nicht sorgsam ist) ohne die gebührende Ehrerbietung und Ehrfurcht nähern darf. Ich behaupte, wo immer er ist (dies ist ja eine weitere Frage), er ist noch hier, und er ist wiederum verborgen; und welches immer die Zeichen seiner Anwesenheit sein mögen, müssen sie immer noch so geartet sein, dass sie es Menschen gestatten, Zweifel zu hegen, wo diese Gegenwart liegt; und wenn sie Diskussionen führen und scharfsinnig und klug sein wollen, dann mögen sie sich selbst und andere verwirren, wie es die Juden in den Tagen seines Fleisches taten, bis er ihnen heute nirgendwo mehr auf Erden gegenwärtig zu sein scheint. Und wenn sie zu der Auffassung gelangen, er sei weit weg, halten sie es gefühlsmäßig für unmöglich, ihn so sehr zu beleidigen wie einst die Juden; und ist er dennoch hier, dann nähern sie sich ihm und beleidigen ihn womöglich, obwohl sie so fühlen. Genau in dieser Lage befanden sich die Juden, denn auch sie wussten nicht, was sie taten. Somit ist es wahrscheinlich, dass wir heute eine zumindest ebenso schwerwiegende Gotteslästerung gegen ihn begehen können, wie sie die Juden begangen haben: erstens, weil wir unter der Heilsordnung jenes Heiligen Geistes stehen, gegen den noch abscheulichere Sünden begangen werden können; und zweitens, weil seine Gegenwart sich heute genauso wenig bezeugt oder die Masse genauso wenig beeindruckt wie seine leibliche Anwesenheit damals.

Einen weiteren Grund für diese Wahrnehmung erkennen wir, wenn wir überlegen, welches die Zeichen seiner Gegenwart heute sind; denn deren Beschaffenheit wird sich so darstellen, dass sie die Menschen leicht zur Unehrerbietigkeit verleitet, es sei denn, sie sind demütig und wachsam. So wird die Kirche beispielsweise als „Sein Leib" bezeichnet: was sein physischer Leib war, als er sichtbar auf Erden lebte, das ist die Kirche heute. Sie ist das Werkzeug seiner göttlichen Macht; sie ist es, der wir uns nähern müssen, wollen wir uns Gutes von ihm erhoffen; wenn wir sie beleidigen, erregen wir seinen Zorn. Was nun aber ist die Kirche anderes als gleichsam ein Leib der Erniedrigung, der Beleidigung und Lästerung geradezu herausfordert, wenn die Menschen nicht nach dem Glauben leben? – ein irdenes Gefäß, weit mehr noch als sein Leib aus Fleisch und Blut, denn der war wenigstens von jeder Sünde rein, während die Kirche in all ihren Gliedern befleckt ist. Wir wissen, dass ihre Diener allenfalls unvollkommen sind und dem Irrtum unterliegen und mit den gleichen Leidenschaften behaftet sind wie ihre Brüder; gleichwohl hat er von ihnen gesagt, wobei er nicht nur zu den Aposteln sprach, sondern zu allen siebzig Jüngern (denen die christliche Geistlichkeit dem Amte nach sicherlich gleichkommt): „Wer euch hört, der hört mich, und wer euch verachtet, verachtet mich; wer aber mich verachtet, verachtet den, der mich gesandt hat" (Lk 10, 16).

Ein Weiteres: Er hat die Armen, Schwachen und Betrübten zu Zeichen und Werkzeugen seiner Gegenwart gemacht; und hier begegnet uns offensichtlich wiederum dieselbe Versuchung, dies geringschätzig abzutun oder dagegen zu lästern. Was er war, sind seine erwählten Jünger in dieser Welt; und so wie sein verborgenes und schutzloses Wesen die Menschen damals veranlasste, ihn zu beleidigen und zu misshandeln, so veranlassen die gleichen Eigentümlichkeiten – in den Zeichen seiner Gegenwart – die Menschen, ihn auch heute zu beleidigen. Dass dies seine Zeichen sind, geht klar aus vielen Stellen der Schrift hervor. So sagt er zum Beispiel von Kindern: „Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf" (Mt 18, 5). Wiederum sagte er zu Saulus, der seine Jünger verfolgte: „Warum verfolgst du mich?" (Apg 9, 4). Und er kündigt uns an, dass er am Jüngsten Tag zu den Gerechten sagen wird: „Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gereicht; ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen". Und er fügt hinzu: „Was immer ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" (Mt 25, 35-40). Hinein in dieselbe Beziehung zwischen ihm und seinen Jüngern richtet er seine Worte an die Bösen. Was diese Stelle noch schrecklicher und bezeichnender macht, ist die früher getroffene Bemerkung, dass weder die Gerechten noch die Bösen wussten, was sie getan hatten; selbst die Gerechten waren sich der Darstellung zufolge nicht bewusst, dass sie sich Christus genähert hatten. Sie sagen: „Herr, wann sahen wir dich hungrig und haben dir zu essen gegeben oder durstig und haben dir zu trinken gegeben?" So ist Christus in jedem Zeitalter in der Welt gegenwärtig, jedoch nie wieder so öffentlich wie in den Tagen seines Fleisches.

Eine ähnliche Bemerkung gilt für seine Sakramente, die zugleich höchst einfach, doch auf das Innigste mit ihm verbunden sind. Der heilige Paulus zeigt in seinem ersten Brief an die Korinther, wie einfach und zugleich furchtbar es ist, das Herrenmahl zu entweihen, als er von der Größe des Fehlverhaltens der Korinther berichtet, doch auch anmerkt, dass es an dem mangelnden Vermögen lag, „den Leib des Herrn zu unterscheiden" (1 Kor 11, 29). Als er in die Welt hineingeboren wurde, hat die Welt ihn nicht erkannt. Er wurde in eine harte Futterkrippe gelegt, mitten unter das Vieh, aber „alle Engel Gottes beteten ihn an". Auch heute liegt er wieder hier auf einem Tisch, von schlichter Machart vielleicht und seiner eigentlichen Bestimmung entfremdet; und der Glaube betet an, die Welt jedoch geht vorüber.

Wollen wir ihn also bitten, dass er die Augen unseres Verstehens stets erhellt, damit wir der himmlischen Heerschar angehören, und nicht dieser Welt. Während die fleischlich Gesinnten ihn nicht einmal im Himmel wahrnehmen würden, darf das geistig erfüllte Herz – sogar schon auf Erden – sich ihm nähern, ihn besitzen und ihn schauen.

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