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Weshalb bezeichnete der greise Patriarch seine Lebensjahre als gering an Zahl, da er doch, als er dies sagte, schon doppelt so lange gelebt hatte wie die Menschen heute? Warum sagt er von diesen Jahren, dass sie voll Leid waren, wo er doch sah, dass er alles in allem in Reichtum und Ansehen gelebt hatte und, was noch mehr ist, in der Gunst Gottes? Trotzdem beschrieb er seine Zeit als kurz, seine Jahre als leidvoll und sein Leben als bloße Pilgerschaft. Auch wenn wir einräumen, sein Leid sei so groß gewesen, dass er infolgedessen sein Leben zurecht gering schätzte, trotz der Segnungen, die es begleiteten, so ist doch die Bezeichnung „kurz" auf den ersten Blick überraschend, wenn man bedenkt, dass er für die höchsten Ziele seines Daseins soviel mehr Zeit hatte als wir. In der Tat spielt er auf das längere Leben an, das seinen Vätern vergönnt war, und er mag die Gebrechlichkeit stärker gespürt haben als sie, doch dürfte dieser Unterschied zwischen ihm und ihnen kaum der wahre Grund für seine im vorangestellten Schriftzitat geäußerte Klage sein oder mehr als nur eine Bekräftigung oder ein Anlass dafür. Dass er sein Los in so traurigen Worten beklagte, geschah nicht deshalb, weil Abraham einhundertfünfundsiebzig und Isaak einhundertachtzig Jahre gelebt hatte, und er, dessen Leben noch gar nicht zu Ende war, nur einhundertdreißig. Denn es ist unerheblich, wie lange eine Zeit gewährt hat, nachdem sie vorbei ist; und das ist zweifellos der wahre Grund, warum der Patriarch in dieser Weise redete, nicht weil sein Leben kürzer war als das seiner Väter, sondern dass es fast vorüber war. Ist das Leben vorbei, dann ist es einerlei, ob es zweihundert Jahre gewährt hat oder nur fünfzig. Und eben dieses Merkmal, das dem menschlichen Leben am Tag seiner Geburt aufgeprägt wird, dass es nämlich vergänglich ist, macht es in jeder Lage und in jeglicher Form gleichermaßen schwächlich und verächtlich. Alle Punkte, in denen sich die Menschen unterscheiden – Gesundheit und Kraft, hoher oder niedriger Stand in der Gesellschaft, Glück oder Elend –, schwinden dahin angesichts dieses gemeinsamen Loses, der Sterblichkeit. Die Jahre gehen dahin und mit ihnen auch der an Lebensjahren Reichste; was vergangen ist, nützt ihm dann nichts mehr, außer in seinen Wirkungen.

Und dieses Gefühl der Nichtigkeit des Lebens, das sich uns schon allein durch die Tatsache einprägt, dass das Leben endlich ist, vertieft sich beträchtlich, wenn wir es unseren Fähigkeiten als Lebende gegenüberstellen. Wäre Jakob so alt geworden wie Methusalem, er hätte sein Leben als kurz bezeichnet. Wir alle haben das Gefühl, auch wenn es zunächst widersprüchlich anmutet, dass, obwohl die Tage scheinbar langsam dahingehen und mit vielen Geschehnissen beladen sind oder mit Sorge oder Eintönigkeit, die sie in die Länge ziehen und trostlos werden lassen, das Jahr aber im Gegensatz zu den zäh dahinfließenden Stunden rasch vergeht und die vergangene Zeit uns wie ein Traum vorkommt, auch wenn wir meinten, sie würde nie vergehen, aber gleichwohl verrann. Der Grund dafür scheint in Folgendem zu liegen: wenn wir das menschliche Leben an sich betrachten, selbst in einem noch so kleinen Ausschnitt, sehen wir darin das Vorhandensein einer Seele, die Energie einer geistigen Existenz, eines verantwortlichen Wesens mitenthalten; das Bewusstsein tut uns dies in jedem Augenblick kund. Blicken wir aber in unserer Erinnerung darauf zurück, dann sehen wir es nur von außen, als eine bloße Spanne verstrichener Zeit, als einen rein irdischen Gang des Geschehens. Und die längste Dauer dieser äußeren Welt ist wie Staub und wiegt nichts im Vergleich zu dem Leben eines einzigen Augenblicks der inneren Welt. So erwarten wir stets große Dinge vom Leben, weil unser inneres Bewusstsein uns jeden Augenblick sagt, dass wir eine Seele besitzen, und wir sind immer wieder enttäuscht, wenn wir darüber nachdenken, was wir aus der Vergangenheit gewonnen haben und für die Zukunft erhoffen können. Das Leben weckt stets Erwartungen und erfüllt sie nie; und so sind unsere Jahre, wie lange unser Leben auch währen mag, gering an Zahl und voller Leid. Auf diese besondere Betrachtungsweise der Thematik möchte ich nun näher eingehen.

Unser irdisches Leben macht uns also Versprechungen, die es nicht einlöst. Es verspricht Unsterblichkeit, ist aber vergänglich; es birgt Leben im Tod und Ewigkeit in der Zeit; es lockt uns durch Anfänge, die allein der Glaube zu Ende führen kann. Ich meine, wenn wir in Betracht ziehen, mit welchen Kräften unsere Seelen als Christen ausgestattet sind, dann erfüllt uns schon deren Bewusstmachung mit einer Gewissheit, dass sie dieses Leben überdauern müssen; in Bezug auf gute und heilige Menschen, die nach ihrem gegenwärtigen Zustand diese Kräfte gut kennen, bedeutet dies fürwahr ein Unterpfand der Unsterblichkeit. Die Größe ihrer Gaben, verglichen mit ihrer knapp bemessenen Zeit, von ihnen Gebrauch zu machen, drängt den Geist hin zu dem Gedanken an ein anderes Leben, als dem nahezu notwendigen Gegenstück und der Konsequenz des jetzigen Lebens und als sicherlich in diesem angelegt, vorausgesetzt, es gibt einen gerechten Weltenherrscher, der den Menschen nicht vergeblich erschaffen hat.

Dies ist ein Gedanke, der uns nicht immer in den Sinn kommt, gelegentlich aber doch. Und vielleicht werden viele von denen, die ihn zum ersten Mal hören und glauben, sie hätten das nie empfunden, dies im Verlaufe meiner Darlegungen erkennen.

Ich meine, wenn wir miterleben, wie ein hervorragender Mensch, dessen Tugenden wir kennen – seine Freundlichkeit, Herzlichkeit, Zärtlichkeit und Großzügigkeit – stirbt (mag er noch so lange gelebt haben; ich denke nicht an einen frühen Tod; möge er seine Tage zu Ende leben dürfen), dann drängt sich uns mit einem gewissen Befremden der Gedanke auf: „Nein, er darf noch nicht sterben; er hatte überhaupt noch keine Gelegenheit, die hervorragenden Talente, mit denen Gott ihn ausgestattet hat, richtig zu nutzen." Er mag siebzig oder achtzig Jahre gelebt haben, und dennoch scheint es, als hätte er noch gar nichts vollbracht und sein Leben kaum begonnen. Vielleicht hat er stets zurückgezogen gelebt und sich mit einer Reihe unbedeutender Dinge beschäftigt, die den Tag nicht überlebt und keine sichtbare Frucht gezeitigt haben. Er konnte unter den obwaltenden Umständen gerade augenscheinlich machen, was in ihm steckte, es aber nicht angemessen in die Tat umsetzen. Er war, so empfinden wir es vielleicht, der Edelmut, die Herzenswärme und die Mildtätigkeit in Person und hätte er die Mittel besessen, würde er Wohltaten nach allen Seiten ausgestreut haben; doch er war niemals reich – und ist arm gestorben. Wir haben uns daran gewöhnt, zu sagen „Was wäre einer wie er, wäre er wohlhabend!", nicht weil wir uns vorstellten, er werde jemals zu Reichtum gelangen, sondern aus der Empfindung heraus, wie dieser ihm wohl anstehen würde; wenn er dann tatsächlich stirbt wie er gelebt hat, ohne Reichtum, sind wir irgendwie enttäuscht – irgendetwas ist nicht richtig gelaufen –, sein Geist, so meinen wir, ist nie an die Grenzen seiner Möglichkeiten gelangt, – er hat einen Schatz in sich getragen, aus dem er nie Nutzen gezogen hat. Seine Jahre waren gering an Zahl und voll Leid und sind, verglichen mit seinen Fähigkeiten, dem Alter zur Unzeit anheim gefallen; und unter diesem Eindruck drängt es uns, auf einen künftigen Zustand als eine Zeit zu blicken, da diese Fähigkeiten ans Licht gebracht werden und zur Wirkung kommen. Mit derartigen Überlegungen will ich nicht versuchen, den Beweis dafür erbringen, dass es einen künftigen Zustand gibt; diesen wollen wir als erwiesen annehmen. Ich meine, über unseren festen Glauben an diese große Wahrheit hinaus fühlen wir uns aufgrund jener Unvollkommenheit des Gegenwärtigen wirklich gedrängt zu einem Glauben, wir gelangen zu einer Art spürbarem Überzeugtsein von jenem künftigen Leben, zu einer Gewissheit, die ins Herz trifft und es durchdringt. Die bloße Größe unserer Fähigkeiten lässt dieses Leben erbärmlich aussehen; die bloße Erbärmlichkeit dieses Lebens zwingt unsere Gedanken hin zu einem anderen; und die Aussicht auf ein anderes verleiht diesem Leben, das uns jenes verheißt, Würde und Wert; und so ist dieses Leben zugleich groß und dürftig, und wir verachten es zurecht und schätzen es trotzdem über die Maßen.

Und ist dieses Leben, selbst das am längsten währende, infolge des großen Missverhältnisses zwischen ihm und den Fähigkeiten des wiedergeborenen Menschen kurz, dann natürlich noch mehr dort, wo der Lebensfaden durch einen frühen Tod abgeschnitten wird. Es gibt Menschen, die in einem einzigen Augenblick ihres Lebens eine übermenschliche Größe und Erhabenheit des Geistes entfalten, und sie bräuchten die Zeit ganzer Generationen, um sie auf die richtigen Dinge zu verwenden und sie sozusagen zu erschöpfen – Menschen, die in solch flüchtigen Momenten, die wie Strahlen der Sonne und das Zucken von Blitzen sind, uns ein Zeichen ihrer Unsterblichkeit geben, ein Zeichen, dass sie verkleidete Engel sind, die Auserwählten Gottes, besiegelt für das ewige Leben und dazu bestimmt, die Welt zu richten und allezeit mit Christus zu herrschen. Aber plötzlich werden sie fortgenommen, kaum dass wir sie kennen gelernt haben, verlieren wir sie. Können wir nicht glauben, dass sie um höherer Dinge willen an einem anderen Ort weggenommen worden sind? Manchmal sagt man dies in Bezug auf unsere geistigen Kräfte, doch trifft es noch mehr zu auf unsere sittlichen Fähigkeiten. In der sittlichen Wahrheit und Tugend, im Glauben, in der Standhaftigkeit, in der Frömmigkeit, in der Sanftmut, in der Beherztheit, in der Mitmenschlichkeit liegt etwas, an das die irdischen Verhältnisse einfach nicht heranreichen, für das auch das längste Leben nicht ausreicht, dem gegenüber selbst die größten Möglichkeiten dieser Welt zur Enttäuschung werden, das den Kerker dieser Welt sprengen muss, um sich angemessen Raum zu schaffen. So sehen wir uns, wenn ein guter Mensch stirbt, veranlasst zu sagen: „Er ist kaum in Erscheinung getreten, – es gab nichts, an dem er sich beweisen konnte; seine Tage sind vergangen wie Schatten, und er welkte dahin wie Gras."

Ich glaube, „Enttäuschung" ist das einzige Wort, das unsere Gefühle beim Tode der Heiligen Gottes richtig zum Ausdruck bringt. Wenn unser Glaube nicht lebendig genug ist, um über das Grab hinaus vorzudringen und über das Künftige Klarheit zu erlangen, fühlen wir uns niedergeschlagen, weil es scheint, als seien große Dinge gescheitert. Doch gerade aus diesem Gefühl können wir in der Tat – durch eine Art Widerspruch – zurecht Hoffnung schöpfen; mag dieses Leben noch so enttäuschend, noch so unvollendet sein, so ist dies sicherlich nicht alles. Das Gefühl der Enttäuschung überkommt uns oft in besonderer Weise, wenn wir zufällig vom Sterben heiliger Menschen erfahren oder es miterleben. Die Sterbestunde scheint eine Zeit zu sein, aus der nach dem Willen der Vorsehung viel gemacht werden könnte, wenn ich das Wort gebrauchen darf; es könnte viel getan werden zur Ehre Gottes, zum Guten der Menschen und das Offenbarwerden des Sterbenden. Und Freunde freuen sich vielleicht im Voraus und erwarten, dass dann große Dinge geschehen, die sie nie vergessen werden. Doch „der Weise stirbt genau wie der Tor!" (Koh 2, 16). Dies ist die Erfahrung des Predigers im Alten Testament und unsere eigene bestätigt sie. Josia, der eifrige Diener des lebendigen Gottes, starb den gleichen Tod wie der böse Ahab, der Anbeter des Baal. Wahre Christen sterben wie andere Menschen auch: der eine bei einem plötzlichen Unfall, der andere im Kriege, wieder ein anderer ohne Freunde, die sein Sterben begleiten, und ein vierter ist ohne Bewusstsein oder sonst nicht bei sich. So scheint die Gelegenheit vertan, und wir werden eindringlich daran erinnert, dass „das Offenbarwerden der Söhne Gottes" (Röm 8, 19) erst hiernach geschieht; dass das „sehnsüchtige Warten der Schöpfung" (ebd.) eben nur ein Warten darauf ist; dass dieses Leben der Last einer so großen Aufgabe wie dem gebührenden Offenbaren jener Verborgenen nicht gewachsen ist, die eines Tages „leuchten werden wie die Sonne im Reich ihres Vaters" (Mt 13, 43).

Doch ferner (wenn es erlaubt ist zu spekulieren) kann man sich vorstellen, dass dieselbe Art von Empfindung, und zudem eine höchst beglückende, die Seele des gläubigen Christen überkommt, wenn sie sich eben vom Leib gelöst hat und sich bewusst wird, dass ihre Prüfung ein für alle Mal vorüber ist. Wenn sein Leben auch eine lange und schmerzliche Prüfung war, dürfen wir, wenn es vorüber ist, annehmen, dass er im gleichen Augenblick dieselbe Art der Verwunderung über dessen Ende empfindet, die im Allgemeinen jeder Anstrengung in diesem Leben folgt, wenn das Ziel erreicht und die Zeit des Wartens vorbei ist. Wenn wir uns geistig intensiv auf einen Zeitpunkt vorbereiten, auf irgendein großes Ereignis, ein Gespräch mit Fremden, den Anblick von etwas Wunderbarem, das Auftreten eines außergewöhnlichen Problems, dann befällt uns, wenn der Zeitpunkt gekommen und vergangen ist, eine seltsame Umkehr der Gefühle aufgrund der veränderten Umstände. So, doch ohne jede Beimischung von Schmerz, ohne jede Mattigkeit, Langeweile oder Enttäuschung mag dann die glückliche Beschaulichkeit des körperlosen Geistes sein – als sagte er zu sich selbst: „Nun ist also alles vorüber; das ist es, worauf ich so lange gewartet habe; wofür ich mich abgemüht habe; worauf ich mich vorbereitet habe, wofür ich gefastet, gebetet und Werke der Gerechtigkeit verrichtet habe. Der Tod ist gekommen und vergangen – es ist vorbei. Ach, ist das denn möglich? Was für eine leichte Prüfung, welch niedriger Preis für die ewige Herrlichkeit! Ein paar schlimme Krankheiten, zeitweilig heftige Schmerzen, einige schlechte Jahre, einige innere Kämpfe, eine Zeitlang trostlose Einsamkeit, Auseinandersetzungen und Ängste, schmerzliche Verluste, Verachtung und Misshandlung vonseiten der Welt – wie haben sie mich gekränkt, wie viel habe ich von ihnen gehalten, und wie klein sind sie in Wirklichkeit! Wie verachtenswert ist das menschliche Leben – verachtenswert an sich, doch von unschätzbarem Wert in seinen Wirkungen! – denn für mich war es wie ein kleines, leicht zu erwerbendes Samenkorn, das keimt und zu unvergänglicher Glückseligkeit heranreift."

Angesichts der Nutzlosigkeit des Lebens an sich wird deutlich, wie wir das Leben betrachten sollten, während wir in ihm auf dem Weg sind. Wir sollten daran denken, dass es kaum mehr ist als eine Zufälligkeit unseres Seins, dass es kein Teil von uns ist, die wir unsterblich sind; dass wir unsterbliche Geistwesen sind, unabhängig von Zeit und Raum, und dass dieses Leben nur eine Art Schauplatz ist, auf dem wir eine Zeitlang agieren und der lediglich dafür taugt und dazu bestimmt ist, dass er den Zweck erfüllt herauszufinden, ob wir Gott dienen wollen oder nicht. Wir sollten bedenken, dass unserem Dasein in der diesseitigen Welt keine größere Rolle zukommt als die von Spielern unter Mitspielern in einem beliebigen Spiel; dass das Leben eine Art Traum ist, genauso losgelöst und verschieden von unserer wahren, ewigen Existenz wie das Träumen vom Wachen; ein ernster Traum fürwahr, da er den Stoff für das Gericht über uns liefert, – an sich aber eine Art Schatten ohne Substanz, eine vor uns ausgebreitete Szene, in der wir uns zu befinden scheinen und in der es unsere Pflicht ist, so zu agieren, als entspräche alles, was wir sehen, der Wahrheit und Wirklichkeit, weil alles, was uns begegnet, uns und unsere Geschicke beeinflusst. Die wiedergeborene Seele wird in die Gemeinschaft der Heiligen und Engel hineingenommen und ihr „Leben ist mit Christus in Gott verborgen" (Kol 3, 3); sie hat einen Platz am Hofe Gottes und ist nicht von dieser Welt; sie besieht sich diese Welt wie ein Zuschauer einer Darbietung oder Aufführung folgt, nur dass sie von Zeit zu Zeit aufgefordert wird, eine Rolle zu übernehmen. Und wiewohl sie dem Impuls der Sinne gehorcht, tut sie es um Gottes Willen und unterwirft sich zeitlichen Dingen, soweit sie durch sie zur Vollendung gebracht wird, damit, wenn der Schleier fällt und sie sich dort wiederfindet, wo sie schon immer gewesen ist, im Reich Gottes, sie für würdig befunden wird, sich dessen zu erfreuen. Diese Auffassung vom Leben nimmt von uns jegliches Befremden und jegliche Enttäuschung darüber, dass es so unvollkommen ist: ebenso gut könnten wir von jedem zufälligen Ereignis, das uns im Laufe des Lebens begegnet, sei es eine gelegentliche Unterhaltung mit einem Fremden, die Mühe oder aber das Vergnügen einer Stunde, Vollkommenheit erwarten.

Lasst uns also unseren gegenwärtigen Zustand überdenken: er ist kostbar, weil er uns inmitten von Schatten und Bildern die Existenz und die Eigenschaften des allmächtigen Gottes und seines auserwählten Volkes offenbart; er ist kostbar, weil er uns in die Lage versetzt, Beziehungen zu unsterblichen Seelen zu pflegen, die wie wir in der Erprobung stehen. Er ist von großer Bedeutung, weil er der Schauplatz und das Mittel unserer Erprobung ist; darüber hinaus aber besitzt er keine Anrechte an uns. „Eitelkeit der Eitelkeiten", sagt der Prediger, „alles ist Eitelkeit" (Koh 1, 2). Wir mögen arm oder reich, jung oder alt sein, geachtet oder missachtet werden, es sollte uns nicht mehr berühren, uns weder begeistern noch bedrücken, wie wenn wir Schauspieler in einem Theaterstück wären, die wissen, dass die Personen, die sie darstellen, nicht sie selber sind, und dass, obgleich sie – als Könige oder Bauern – einander überlegen scheinen, sie alle auf der gleichen Stufe stehen. Der eine Wunsch, der uns beseelt, sollte zuallererst der sein, ihn von Angesicht zu Angesicht zu schauen, der jetzt vor uns verborgen ist; sodann uns in ihm und durch ihn der immer währenden und unmittelbaren Gemeinschaft mit unseren Freunden erfreuen, die wir gegenwärtig nur durch die Vermittlung unserer Sinne kennen, über unsichere und unvollständige Kanäle, die uns wenig Einblick in ihre Herzen gewähren.

Dies sind die rechten Empfindungen gegenüber einer verlockenden, doch trügerischen Welt. Was haben wir zu tun mit deren Geschenken und Ehren, die wir bereits in die künftige Welt hineingetauft und nicht mehr Bürger dieser Welt sind? Warum sollten wir uns sorgen um ein langes Leben, um Reichtum, Ansehen oder Bequemlichkeit, die wir wissen, dass die andere Welt alles in sich schließt, was unser Herz wünschen kann, und dies nicht nur dem äußeren Anschein nach, sondern wirklich und zeitlich unbegrenzt? Warum sollten wir in dieser Welt verweilen, wo sie doch das Unterpfand und die Verheißung einer anderen ist? Warum sollten wir uns mit ihrer Oberfläche zufrieden geben, anstatt das in Besitz zu nehmen, was unter ihr verwahrt ist? Denen, die nach dem Glauben leben, gibt alles, was sie sehen, Kunde von jener künftigen Welt; die ganze Pracht der Natur – Sonne, Mond und Sterne – der Reichtum und die Schönheit der Erde: sie sind gleichsam Symbole und Bilder, welche die unsichtbaren göttlichen Dinge bezeugen und lehren. Alles was wir sehen, ist dazu bestimmt, eines Tages zu himmlischer Blüte aufzubrechen und in unsterbliche Herrlichkeit verwandelt zu werden. Gegenwärtig ist der Himmel unserer Sicht entrückt, doch wie zu gegebener Zeit der Schnee schmilzt und die Erde freigibt, auf der er gelegen hat, so wird die sichtbare Schöpfung vor jenem größeren Glanz dahinschwinden, der hinter ihr liegt und dem sie ihr gegenwärtiges Dasein verdankt. An jenem Tag werden die Schatten weichen, und die Wirklichkeit wird sich zeigen. Die Sonne wird bleich werden und sich am Himmel verlieren; dies aber wird geschehen, bevor der aufstrahlt, den sie nur versinnbildlicht, die Sonne der Gerechtigkeit, „die Heilung birgt in ihren Flügeln" (Mal 3, 20), und in sichtbarer Gestalt hervortritt, wie ein Bräutigam aus seinem Gemach, während sein vergängliches Sinnbild zerfällt. Die Sterne, die sie umgeben, werden durch Heilige und Engel verdrängt, die seinen Thron umschweben. Das Oben und Unten, die Wolken am Himmel, die Bäume auf dem Feld, die Wasser in der Tiefe werden erfüllt sein von Gestalten ewiger Geister, den Dienern Gottes, die seinen Willen tun. Und in unserem eigenen sterblichen Leib wird sich dann in gleicher Weise ein innerer Mensch wiederfinden, der dann als harmonisches Organ der Seele sein rechtes Maß erhält, anstelle jener groben Masse von Fleisch und Blut, die unsere Sinne wahrnehmen. Um dieser herrlichen Offenbarung willen liegt jetzt die ganze Schöpfung in Wehen und hofft inbrünstig darauf, dass sie zur rechten Zeit vollendet werden möge.

Dies sind Gedanken, die uns mit Eifer und Frömmigkeit zu dem Wort bewegen sollen: „Komm, Herr Jesus, und setze der Zeit des Wartens, der Dunkelheit, der Unruhe, des Streits, des Kummers und der Sorge ein Ende." Es sind Gedanken, die uns jeden Tag und jede Stunde, die vergehen, Anlass zur Freude geben, da sie uns dem Zeitpunkt seines Erscheinens und dem Ende von Sünde und Elend näher bringen. Es sind Gedanken, die uns berühren sollten; sie würden es tatsächlich auch, wäre da nicht die Last der Schuld, die auf uns drückt, – wären da nicht die Sünden, die gegen das Licht und die Gnade begangen worden sind. Ach, wäre es doch anders um uns bestellt! Ach, wären wir doch befähigt, diese Lehre, in der die Welt uns unterweist, anzunehmen, und hätten die Gaben des Lebens entsprechend genutzt, damit wir uns trotz des Gefühls seiner Vergänglichkeit an ihm als etwas Kostbarem hätten erfreuen können! Ach, wäre da doch nicht das Wissen um dunkle Makel auf unserer Seele, die Anhäufung von Schuld vergangener Jahre, und um Schwächen, die uns ständig bedrängen! Wäre dies alles nicht – wäre da nicht unser Zustand des Unvorbereitetseins, wie er in gewisser Hinsicht wirklich bezeichnet werden kann, wie fröhlich würden wir jeden neuen Monat und jedes neue Jahr begrüßen als ein Zeichen, dass unser Erlöser uns so viel näher ist, als er es bisher jemals war! Möge er uns die Fülle seiner Gnade gewähren und uns für seine Gegenwart bereiten, damit wir bei seinem Kommen nicht in Schande vor ihm stehen! Möge er uns die Gnadenfülle seiner Sakramente zuteil werden lassen; möge er uns mit seinen auserlesenen Gaben nähren; möge er das Gift aus unseren Seelen vertreiben; möge er uns reinwaschen in seinem kostbaren Blut und uns die Fülle des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe schenken als Vorgeschmack auf den Anteil am Himmel, den er für uns ausersehen hat!

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