Bericht und Erinnerung von Prof. Dr. Roman A. Siebenrock 

Ein langer, schöner Tag geht zu Ende. Seit 2.30 a.m. sind wir auf. Mitten in der Nacht traf sich die Gruppe unserer „Internationalen Deutschen Newman Gesellschaft" in der Eingangshalle des Hotels in Coventry – etwas müde, aber erwartungsvoll. Auch unser Nestor war voll da und vielleicht etwas nervös als der Bus eine Minute nach Plan um 3.15 a.m. uns abholte. PilgerInnen aus Österreich fuhren mit uns zum Cofton Park nach Birmingham. Pax Travel hatte alles perfekt organisiert, und die englischen Ordnungskräfte und Organisationen sorgten für einen reibungslosen, ja vorbildlichen Ablauf der Seligsprechung, zu denen schließlich über 50.000 Menschen kamen.

Gegen 4.30 a.m. waren wir am Platz. Nach einem warmen Kaffee konnten wir unsere Stehplätze in der vordersten Reihe einnehmen. Etwas kalt – leicht nieselnd: Und Jakob Knab wettete mit dem Präsidenten um ein Bier, dass mit dem Papst die Sonne käme. Als noch eine Polizistin und ein Mann der Ordnungskräfte ihm zustimmten, wurde klar, dass am Abend noch etwas zu tun war. Und sie sollten Recht behalten: „Mit dem Papst kam die Sonne." Eine kleinere Gruppe von Jugendlichen übernachtete in Plastiksäcken am Ort. Unsere konzelebrierenden Priester sahen wir erst später auf der Tribüne wieder. Eine gute Stimmung umfing uns. Von den Großbildschirmen sprachen uns Leitsätze Newmans und eine kleine biographische Diashow an.
Eine höchst multikulturelle Gemeinde (das ist „katholisch"!) fand sich ein; und sie beteten in ihren Akzenten sowohl die englischen als auch die lateinischen Gebete mit Inbrunst mit. Ab 8.00 a.m. konnten wir uns in einen ökumenischen Wortgottesdienst und einigen Liedern auf die Feier einstimmen. Nicht immer ganz fromm ging es bei uns zu: Es nieselte etwas und die Kälte machte sich anfangs bemerkbar; - da sorgte ein Witz oder eine Anekdote für Aufmunterung.


 

Die beeindruckende Aufführung des „Dream of Gerontius" von Elgar, die wir am Abend zuvor in der Town Hall in Birmingham erleben konnten, war noch ganz präsent. Die Begegnung mit Father Winterton vom Oratorium und anderen Bekannten war ebenso Thema, wie die Reise des Papstes im Allgemeinen. Die Vorahnungen und auch die Tendenzen der Medien hatten sich nicht bestätigt. So meinte Stefan Troendle heute eine Meinung in der ARD weitergeben zu müssen, dass jemand nicht zur Seligsprechung hätte kommen können, weil er nicht katholisch sei. Das mag vielleicht subjektiv eine Stimmung ausdrücken – objektiv ist das falsch und als Meldung tendenziös. Nur das „wristleband" war nötig mit der Aufschrift auf orangem Untergrund: „Mass of beatification".

Als der Papst ankam, begann das gewohnte Kreischen und Fahnenmeer als das Papamobil durch die Wartenden fuhr. Unser Bild aber von der Tribüne sagt alles: Während alle Konzelebranten sich zum Riesenbildschirm bei der Ankunft des Bischofs von Rom zuwandten, blieben unsere Männer sitzen. Denn heute gilt: Erst Newman, und dann der Papst.


 

 Die Seligsprechung selbst war wenig spektakulär. In ein Pontifikalamt eingebettet wurde zu Beginn der Akt in stimmungsvoller Nüchternheit vollzogen: Als der Papst „den ehrwürdigen Diener Gottes John Henry Cardinal Newman als selig" erklärte und sein Bild – es war das Portrait aus dem Trinity-College in Oxford – auf dem Bildschirm erschien, brandete Beifall aus.
Die Eucharistiefeier endete mit dem Angelus gegen 12.00. Während der Papst ins Oratorium fuhr, dort die Räume des neuen Seligen besuchte und als erster in der neu gestalteten Kapelle betete, gingen wir zu unseren Bussen zurück; guter Stimmung aber auch – wir gestehen es ein – etwas ernüchtert über die Predigt, die stark begann mit der Erinnerung an den Luftkrieg um England vor 70 Jahren, bei dem im November 1940 Coventry, vor allem die Kathedrale, zerstört worden ist. Dann aber war die Botschaft mehr nach innen gerichtet. Wohl keine Message für diese säkulare und multikulturelle Gesellschaft. So blieb in den Zeitungen wohl doch vor allem „Newmans als Konvertit" hängen. Wäre es nicht passend gewesen, an dieser Stelle etwas über das Gewissen und den Papst, die Schwierigkeiten, die ihm auch in Rom beschieden waren, zu sagen? Newman – so meine ich – bestätigt nicht einfach den „status quo" der Kirche, sondern bleibt ein Unruhefaktor zu einer tieferen Realisierung des Evangeliums für den Einzelnen und für seine Kirchen. Am Abend zuvor im Hyde Park hatte Benedikt XVI. grundsätzlicheres zu Newman gesagt. Wir werden bald alle Aussagen des Papstes zu Newman auf seiner Reise zusammenstellen und hier präsentieren.
Als am Ende der Messe die Priester, die in einer besonderen Monstranz aufbewahrten Haare Newmans, die ihm nach dem Tod abgeschnitten worden waren, küssten, dachte ich mir: Wozu hat Newman so lange für einen englischen, nicht italienischen Frömmigkeitsstil geworben. Und dann kam der Gedanke: Er hat – falls das schicklich ist zu denken und zu sagen – es gut gemacht und alle seine leiblichen Überreste aufgelöst. Seine wirklichen Reliquien, „Hinterlassenschaften", das sind seine Bücher und vor allem seine Briefe. Auf diese geistige Weise können alle mit ihm in Kontakt treten.
Als wir am Abend den „Evensong", die anglikanische Vesper, in der Kathedrale von Coventry besuchten, dankte die Kaplanin ausdrücklich für das Leben John Henry Newmans und bezog den Papst wiederum in das Gebet der anglikanischen Kirche ein. Das würde ich auch einmal gerne bei uns hören. Am Abend ließen wir den Abend in einem Pub mit einem gediegenen Dinner ausklingen und ließen den neuen Seligen hochleben.

Am Montag stand der Besuch des Oratoriums auf dem Programm. Doch: Über Nacht war ein Fenster im Leihwagen eingeschlagen. Roman und Chris erledigten die Formalitäten. Jakob nahm ein Taxi zum Flughafen, während Günter, Willi, Philipp und Hubert noch ins Oratorium fuhren und eine kleine Erfahrung der Vergangenheit machen konnten. Warum alle Priester allein an eigenen Tischen zelebrieren mussten, war etwas unverständlich – und leicht chaotisch. Und es wurde noch eine letzte Neuigkeit weitergegeben: Um die baldige Heiligsprechung soll es nicht schlecht stehen, weil ein besonderes Ereignis in Mexiko dazu Anlass gebe. Ob wir uns deshalb bald einmal in Rom wiedersehen werden?
Wir möchten schließen mit jenen Worten aus der Kathedrale aus Coventry, die uns berührten: „We say thanks for the live of John Henry Newman."

Videoausschnitt von der Seligsprechung 

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